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Parlamentarisches Profil
Eva Bräth
Die Brückenbauerin: Kerstin Griese

Wenn die SPD-Abgeordnete Kerstin Griese über das Reformationsjubiläum spricht, ist ihre Begeisterung spürbar. "Das Jubiläumsmotto ,Reformation heißt, die Welt hinterfragen' regt zum Nachdenken darüber an, was Freiheit, Bildung und Teilhabe heute bedeuten", sagt sie. Als Historikerin interessiere sie sich vor allem für die gesellschaftlichen Umwälzungen, die die Reformation angestoßen hat. "Protestantische Freiheit zieht sich bis heute in unser Verständnis von individueller Gewissensfreiheit", erklärt sie. Zudem könne Luthers Bibelübersetzung als bildungsreformerischer Akt gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, enthalte er doch bereits den Gedanken "Bildung für alle". Gut gefällt Griese auch, dass viele Veranstaltungen an den historischen Stätten der Reformation stattfinden. "Geschichte am historischen Ort zu erleben, finde ich ungeheuer spannend". Dennoch: 2017 stehe das "Reformationsgedenken" im Vordergrund. Dazu gehöre auch die kritische Auseinandersetzung mit "Luthers schlimmstem Antisemitismus". Die Synode der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) habe sich in den vergangenen zwei Jahren mit dieser dunklen Seite Luthers befasst, erzählt die EKD-Synodale.

Das Engagement in der evangelischen Kirche ist eine Konstante in Grieses Leben. Bereits als 13-Jährige engagiert sich die Pastorentochter in der evangelischen Jugendarbeit in Düsseldorf. Was im Kleinen beginnt, prägt Griese nachhaltig. "Sich gemeinschaftlich für Schwächere und soziale Gerechtigkeit einzusetzen" - diese Erfahrung habe sie beeinflusst, politisch aktiv zu werden. Als besonders eindrucksvoll beschreibt sie Reisen mit der Jugendgruppe, allen voran ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Die Frage der historischen Verantwortung lässt sie seitdem nicht mehr los. Sie studiert Geschichte und Politikwissenschaft in Düsseldorf und arbeitet dort 13 Jahre in der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus.

Diskussionen in der protestantischen Jugendgruppe motivieren sie auch, 1986 in die SPD einzutreten. "Willy Brandt ist einfach das leuchtende Vorbild, was die Aussöhnung mit Osteuropa angeht", sagt Griese. Die Studentin beginnt sich in der Juso-Hochschulgruppe zu engagieren, wird in den Juso-Bundesvorstand gewählt. 2000 zieht sie als Nachrückerin in den Bundestag ein. Den Wahlkreis Mettmann II gewinnt sie in den folgenden Wahlen direkt, bevor sie 2009 ihr Mandat verliert. Seit 2010 ist Griese für den Wahlkreis Niederberg und Ratingen im Bundestag vertreten, für 2017 ist sie erneut Direktkandidatin.

Evangelische Kirche und SPD - "beide sind für mich ein Zuhause", sagt Griese, die auch dem Rat der EKD angehört und zudem Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften ist. Dieses Amt beschreibt sie als "Brücke", weil sie der Politik vermittle, was in den Kirchen gerade debattiert werde, und umgekehrt. In beiden Welten verankert und gut vernetzt, gelinge es ihr, Debatten anzustoßen: Etwa im Bereich des Arbeitsrechts in der evangelischen Kirche, wo die Sozialdemokratin für Reformen und das Streikrecht eintritt. Auch mit dem Ausschuss für Arbeit und Soziales, dessen Vorsitz sie seit 2014 innehat, gebe es Schnittstellen.

Im Dialog steht Griese mit den christlichen Kirchen ebenso wie mit dem Zentralrat der Juden und muslimischen Organisationen. Beim interreligiösen Austausch sei die Politik besonders gefordert und müsse Möglichkeiten dafür schaffen, dass Menschen voneinander und übereinander lernen können, betont sie. Die Angst vor anderen Religionen sei immer da am größten, wo es keine Begegnungsmöglichkeiten gebe. "Religiöse Bildung ist heute wichtiger denn je", betont Griese. Aber die stellvertretende Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe weiß, wie schwierig es sein kann, Begegnungen zu schaffen. Sie ist Mitbegründerin des Willy Brandt Center in Jerusalem, das sich seit 20 Jahren für den deutsch-israelischen-palästinensischen Dialog einsetzt. "Brücken bauen und Menschen zueinander bringen ist mein Lebensthema", sagt die 50-Jährige. Ihre Freizeit verbringt Griese am liebsten mit ihren Patenkindern, beim Schwimmen oder im Kino.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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