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Stephan Cezanne
Eine Jahrtausendfigur

Martin Luther war ein kirchlicher Revolutionär, aber kein Heiliger

Der Protestantismus ist nicht nur Reformation, sondern auch Revolution gewesen", proklamierte der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack (1851-1930) im damals üblichen nationalen Pathos. Martin Luthers (1483-1546) Rolle als Nationalheld ist Geschichte, doch der Reformator bleibt Symbolfigur einer umfassenden Neugestaltung von Kirche, Staat, Gesellschaft und Kultur, die bis heute weltweit fortwirkt. Die Reformation ebnete zudem den Weg zur Bildung für alle sozialen Klassen und für die Idee der modernen Menschenwürde. Die reformatorische Forderung nach Glaubens- und Gewissensfreiheit ist für Historiker zudem auch eine der Quellen der modernen Menschenrechtserklärungen.

Die Prunksucht eines Papstes war maßgeblicher Auslöser der Reformation. Papst Leo X. schrieb 1515 einen Ablass aus, um unter anderem den Bau der Peterskirche in Rom zu finanzieren. Mit dem Verkauf sogenannter Ablassbriefe bot die Kirche eine Verkürzung von Sündenstrafen im Fegefeuer gegen Geld an. Der fromme Mönch Luther verurteilte dies als unbiblisch - wie andere vor ihm auch. Wie kann ein Mensch sein Verhältnis zu Gott ins Reine bringen? Luther zufolge jedenfalls nicht durch fromme Leistungen wie Gebete, Wallfahrten oder Spenden. Nach Luthers - wiederentdeckter - zentraler Lehre von der Rechtfertigung des Menschen schenkt Gott das Seelenheil "allein durch den Glauben". Seine "reformatorische Entdeckung" sah Luther als Befreiung von Angst einflößenden religiösen Gesetzen, die kaum ein Mensch erfüllen kann: "Da kam ich mir vor, als sei ich ganz und gar neu geboren und durch die offenen Tore ins Paradies selber eingegangen." Luther konnte nicht ahnen, dass seine 1517 verbreiteten 95 Thesen über die Missstände der Kirche in die Gründung einer neuen Kirche - der evangelischen - münden würde. Mit seiner Gabe, sein Anliegen klar verständlich zu machen, gewann Luther rasch Anhänger. Die neue Geistesfreiheit wurde im deutschen Volk mit Begeisterung aufgenommen - nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch aus politischen. Viele erhofften sich mehr Freiheiten im Alltag. Doch im Sommer 1518 wurde der römische Ketzerprozess gegen den deutschen Mönch eröffnet. Nachdem er die päpstliche Bannandrohungsbulle öffentlich verbrannte, war der Bruch mit der Kirche endgültig vollzogen - der Rest ist Weltgeschichte.

Luthers Leben begann am 10. November 1483 in Eisleben (heute Sachsen-Anhalt). Er kam mit einem Silberlöffel im Mund zur Welt, schreibt sein Biograf Joachim Köhler. An seiner Wiege standen Wirtschaft und Welthandel Pate, denn Luthers Vater war Unternehmer im Bergbau und gehörte zur Oberschicht. Nach schwerem Konflikt mit dem Vater, der seinen hochbegabten Sohn lieber als Juristen sah, trat Luther in den Orden der Erfurter Augustiner-Eremiten ein. Nach seiner Promotion zum Doktor der Theologie wurde er 1512 zum Professor für Bibelauslegung in Wittenberg ernannt. Sein Lebensweg führte ihn unter anderem nach Magdeburg, Eisenach, Erfurt, Wittenberg, Rom, Heidelberg, Leipzig, Worms und Marburg, bis er am 18. Februar 1546 mit 62 Jahren in seinem Geburtsort Eisleben - auf der Durchreise - starb.

"Von allen bedeutenden Leistungen Luthers ist vielleicht seine Bibelübersetzung diejenige, die am längsten fortwirkt", meinte die Oxford-Historikerin Lyndal Roper. Der Historiker Heinz Schilling bilanzierte: "Durch die Kraft seiner Sprache und die schöpferische Phantasie seiner Bilder und Argumentation, aber auch durch seinen Arbeitseinsatz und seine Präsenz auf der Kanzel war Luther wie kein anderer geeignet, zum ,Star' des ersten Medienzeitalters aufzusteigen und, unterstützt durch ein ganzes Heer von Druckern, Malern, Graphikern, seine Lehre in Deutschland und darüber hinaus zu verbreiten." (Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs).

Verstörende Zitate Doch es gibt auch die dunklen, abgründigen Seiten des Reformators. Viele Luther-Zitate wirken heute verstörend, vor allem seine antijudaistischen Ausfälle und seine Hetzschriften gegen die aufständischen Bauern oder vermeintliche Hexen. "Luther lebte am Beginn der Neuzeit, und er war in seinem weltlichen Denken noch ganz im Spätmittelalter verwurzelt", heißt es im Nachwort zu "Martin Luther - Tischreden" von Christian Lehnert. So sei Luthers Hass auf Bauern und sozialen Unruhen "ein Ausdruck schlichter, realistischer Angst".

Vor allem Luthers Antijudaismus bleibt ein schweres Erbe für den Protestantismus. Schließlich wurde der Reformator nach dem Zweiten Weltkrieg für den Holocaust mitverantwortlich gemacht. Man solle die Synagogen niederbrennen, heißt es etwa in seiner Spätschrift "Von den Juden und ihren Lügen".

Luther habe Probleme damit gehabt, die Freiheit in Glaubensfragen, die er für sich selbst eingefordert hat, "anderen zuzugestehen", räumte die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, unlängst ein. Sie werde oft gefragt, "wenn Luther so ein Judenfeind war, wie können wir ihn dann so hoch respektieren und uns sogar nach ihm nennen?" Aber zum einen habe Luther nie gewollt, dass sich eine Kirche nach ihm benennt. Zum anderen habe er neben "vielen Glanzseiten" eben auch viele Schattenseiten gehabt.

Zum 500. Reformationsjubiläum distanzierte sich die Synode der EKD von den judenfeindlichen Aussagen Luthers und anderer Reformatoren. Man könne "an dieser Schuldgeschichte nicht vorbeigehen", hieß es. Schilling gab jedoch in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu bedenken, dass die Abgrenzung von den Juden zu Luthers theologischem Ansatz gehörte. Der pietistische Theologe Christoph Morgner erklärte, in einer liberalen Demokratie und Wohlfahrtsgesellschaft falle es leicht, Luther als totalitär und antijudaistisch abzukanzeln. Man dürfe aber heutige Denkmuster nicht als Lineal anlegen.

Der Philosophieprofessor Christoph Türcke betonte: "Die Bauern, die Juden, die Hexen: jedes Mal hat Luther zu Untaten aufgerufen." Der Reformator, schreibt Türcke in seiner kritischen Luther-Biografie, sei als Übersetzer ein Genie gewesen, gehöre aber auch in die "Reihe der prominenten Machtmenschen der Neuzeit". Willi Winkler kommt in seiner Luther-Biografie zu dem Schluss, dieser sei heute "ein Fremder", jedoch eine "Jahrtausendfigur" und fester "Teil der deutschen Geschichte". Und Roper schreibt, die Reformation werde oft als Vorbote der Moderne gepriesen. Luther selbst sei aber nicht "modern" gewesen. Doch das Leben vieler Frauen und Männer in der Geschichte habe durch Luthers Ideen eine neue Wendung genommen: "Luthers Genie bestand darin, dass er sie alle mit seiner Lehre erreichte und dass jeder etwas anderes aus seinen Worten ziehen konnte."

Der Autor ist Korrespondent der Nachrichtenagentur epd.

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