Inhalt

Interreligiöser Dialog
Ulrich Ruh
Verwandtschaft und Differenz

Der Austausch zwischen Juden, Christen und Moslems braucht Interesse füreinander

Es hilft nicht viel weiter, die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen des Dialogs zwischen Judentum, Christentum und Islam abstrakt zu stellen, losgelöst von der Geschichte und vor allem von der aktuellen Situation der drei monotheistischen Religionen. Hier gilt: Die Zeichen stehen derzeit eher auf Konflikt denn auf Religionsfrieden und Dialog. Im weltweiten Islam haben vielerorts Strömungen an Einfluss gewonnen, die unter Parolen wie "Der Islam ist die Lösung" die eigene Religion und Tradition kompromisslos eng auslegen und teilweise Gewaltanwendung gegen "Ungläubige" legitimieren. Als Reaktion darauf herrscht in Europa, wo die Muslime inzwischen in vielen Ländern ansehnliche religiöse Minderheiten bilden, oft ein Generalverdacht gegen den Islam, dem prinzipielle Unverträglichkeit mit einer freiheitlich-demokratischen Ordnung oder sogar Eroberungsabsichten unterstellt werden. Man will das "christliche Abendland" retten und hält Christen, die sich um einen Dialog mit dem Islam bemühen, Naivität angesichts einer vermeintlichen islamischen Bedrohung vor.

Innerhalb der Weltchristenheit wiederum gibt es vor allem eine "Wachstumsbranche", nämlich die Pfingstbewegung und die von ihr geprägten Kirchen und Gemeinschaften. Das gilt für Asien und Afrika wie für Lateinamerika, weniger allerdings für Europa. Es gehört zu den Kennzeichen dieser Bewegung, dass sie im Verhältnis zu anderen Religionen in erster Linie auf Missionierung und Bekehrung setzt und für Dialog mit Nichtchristen entsprechend wenig übrig hat. Die katholische Kirche, mit weitem Abstand die mitgliederstärkste christliche Gemeinschaft und weltweit verbreitet, hat dagegen an ihrer offiziellen Dialogbereitschaft gegenüber dem Judentum wie dem Islam, zu der sie sich in der epochemachenden Erklärung über die nichtchristlichen Religionen des Zweiten Vatikanischen Konzil (1962- 1965) bekehrt hat, nichts geändert. Auf der gleichen Linie bewegen sich weitgehend auch die protestantischen Traditionskirchen in Europa: So hat etwa die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bei ihrer jüngsten Synodaltagung eine Erklärung verabschiedet, die der "Judenmission" eine unmissverständliche Absage erteilt.

Das Judentum ist die kleinste und gleichzeitig die älteste der drei monotheistischen Religionen. Sowohl Christentum wie Islam sind im 1. beziehungsweise 7. Jahrhundert maßgeblich in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Erbe und seinen Vertretern entstanden. Als religiöser Minderheit erging es Juden über Jahrhunderte hinweg in der islamischen Welt, etwa im Osmanischen Reich, besser als im christlichen Abendland. Im traditionell christlich geprägten Europa wurde von den Nationalsozialisten der Holocaust ins Werk gesetzt. Allerdings ist das Verhältnis zwischen Judentum und Islam schon seit Jahrzehnten und auch aktuell vor allem durch den ungelösten Konflikt um Palästina belastet, in den der jüdische Staat Israel verwickelt ist. Juden in Europa machen sich Sorgen wegen einer neuen, von Muslimen getragenen Welle des Antisemitismus.

Unabhängig von aktuellen Konstellationen im Verhältnis von Judentum, Christentum und Islam gilt: Es ist nicht unproblematisch, von Monotheismus als gemeinsamer Grundlage der drei Religionen zu sprechen. Das Bekenntnis zu dem einen Gott hat nämlich jeweils eine ganz spezifische Färbung. Das wird beim Blick auf das Christentum besonders deutlich. Schließlich gewannen die Christen der Antike sehr bald die Überzeugung, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus von Nazareth auf einzigartige Weise in die Sphäre Gottes gehört, und entwickelten so die Lehre vom dreieinigen Gott, vom einen Wesen Gottes in drei "Personen", nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Diese trinitarische Gottesvorstellung ist ein christliches Alleinstellungsmerkmal und bildet für Juden wie für Muslime dementsprechend einen gewaltigen Stolperstein und einen Verstoß gegen den Glauben an den einen Gott. Dagegen gehört für Muslime zum Bekenntnis zu dem einen Gott untrennbar die Überzeugung, dass Muhammad der Gesandte Gottes ist. Außerdem ist für sie der Koran in einem stärkeren Maß ewiges Wort Gottes als die Bibel für Christen. Nach traditioneller jüdischer Auffassung wiederum hat sich der eine und einzige Gott in besonderem Maß an das Volk Israel gebunden und ihm sein Gesetz als verbindliche Richtschnur gegeben.

Fest etabliert Gerade dieses Nebeneinander von Verwandtschaft und Differenz nicht zuletzt in den Vorstellungen über Gott und sein Handeln macht den theologischen Dialog zwischen den drei Religionen zu einem durchaus heiklen Unterfangen. Für den christlich-jüdischen Dialog kommt noch dazu, dass er sich seit dem Holocaust immer im Horizont dieser massiven Zäsur abspielt und von der christlichen Seite eine entsprechende Sensibilität gefordert ist. Trotz aller Schwierigkeiten ist aber der Dialog zwischen Juden und Christen nicht zuletzt in Deutschland fest etabliert, wie sich etwa bei den Evangelischen Kirchentagen und den Deutschen Katholikentagen mit ihren Programmangeboten zeigt. Zumindest punktuell gibt es hierzulande inzwischen auch ermutigende Bemühungen um das theologische Gespräch zwischen Christen und Muslimen, beispielsweise unter der Ägide der Katholischen Akademie des Bistums Rottenburg- Stuttgart. Kompetente und gesprächsfähige Partner für einen solchen Dialog findet man allerdings nicht gerade auf der Straße, nicht nur was den Islam betrifft.

Andere Strukturen Die drei monotheistischen Religionen sind als Gemeinschaften sehr unterschiedlich strukturiert. Nur das Christentum verfügt neben einer Vielzahl freier Gemeinschaften über die Form der Kirche mit festen Ämtern und Instanzen, wenn auch in unterschiedlichen konfessionellen Ausprägungen. Das Judentum kennt nur lockere Dachorganisationen für seine verschiedenen Strömungen; im Islam gibt es keine verbindliche Autorität und auch kein autoritatives Lehramt. Das wirkt sich natürlich auch beim Thema interreligiöser Dialog aus. Zu entsprechenden Beschlüssen von evangelischen Synoden oder gar eines katholischen Ökumenischen Konzils, die die Richtung für eine ganze Kirche festlegen können, gibt es auf jüdischer wie auf islamischer Seite keine Parallelen. Dort hängen Möglichkeiten und Grenzen eines Dialogs stärker von Einzelpersönlichkeiten ab, die unter Umständen in der eigenen Gemeinschaft Außenseiter oder einsame Vorreiter sind - allerdings können im christlichen Bereich Beschlüsse kirchenleitender Gremien nicht garantieren, dass deren Inhalt in der Breite der Mitglieder auch akzeptiert und umgesetzt werden.

Das Verhältnis der drei Religionen zueinander entscheidet sich letztlich weder auf der Ebene ihrer Führungspersönlichkeiten noch auf der der Fachtheologen, sondern auf der "unteren Ebene" ihrer Gläubigen. Kontakte zwischen Christen und Juden sind wegen der relativ kleinen Zahl der letzteren in Deutschland nur begrenzt möglich. Aber Moscheen und islamische Vereine finden sich hierzulande inzwischen in quasi jeder Kreisstadt. Es gibt also genug Gelegenheiten zum Austausch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der religiösen Praxis, nicht nur am "Tag der offenen Moschee". Es braucht weniger hochfliegende Utopien für den interreligiösen Dialog als vielmehr gegenseitige Offenheit und Interesse füreinander.

Der Autor war von 1991 bis 2014 Chefredakteur der Monatszeitschrift "Herder-Korrespondenz".

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag