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JUDEN
Johannes Heil
Begrenzter Königsschutz

Über Jahrhunderte wurde die Minderheit in Deutschland immer wieder verfolgt

Die Anfänge jüdischen Lebens in Deutschland verliefen keineswegs ungetrübt. Vor den zunehmenden Auseinandersetzungen im Mittelmeerraum zwischen Byzantinern, Lateinern und Muslimen hatten die Angehörigen der Minderheit Schutz im Bereich der aufstrebenden fränkischen Könige und ihrer Nachfolger im Norden gesucht. 937 ließ der Mainzer Erzbischof Friedrich prüfen, ob es ihm anstehe, Juden zu dulden oder ob sie zur Taufe gedrängt beziehungsweise vertrieben werden sollten. Auf der anderen Seite erklärte der Speyerer Bischof Rüdiger einige Generationen später, im Jahr 1084, er habe Juden zur Hebung der Ehre seines Sitzes, den er zu einer Stadt ausbauen wollte, angesiedelt. Offensichtlich erhoffte er sich, wie auch andere bischöflichen Stadtherren an Rhein, Mosel und Donau, Vorteile von solchen Juden, die politische und sprachliche Grenzen zu überschreiten wussten, weil sie mit den gelehrten Zentren im Zweistromland und im Heiligen Land verkehrten. Denn diese oft jahrelangen Reisen zur Einholung rabbinischer Rechtsgutachten für alltagspraktische und kultische Fragen wurden mit dem Handel mit begehrten Wahren wie Seide, Gewürzen und anderem finanziert. Zwar gibt es auch Hinweise auf jüdische Grundherren und Bauern, aber solche Juden waren nicht die Adressaten von Privilegien, die Könige, Stadtherren und Fürsten seit dem späten 11. Jahrhundert zur Gestaltung des Verhältnisses von Christen und Juden vergaben.

Grundsätzlich war die Präsenz der Juden durch das auf den Kirchenvater Augustinus zurückgehende Theorem von der "blinden Zeugenschaft" der Juden für die christliche Wahrheit legitimiert. Über die Position der Minderheit im christlichen Gesellschaftsgefüge entschieden aber ganz pragmatische Nützlichkeitserwägungen. Das reichte von der aktiven Förderung jüdischer Niederlassungen in den neu gegründeten Königsstädten im 12./13. Jahrhundert bis hin zur Vertreibung der Juden aus diesen Städten, sobald sie als unliebsame Konkurrenten galten oder mannigfache innere Spannungen im komplexen Gefüge des christlichen Gemeinwesens sich gegen die eigentlich unbeteiligte Minderheit entluden. Judenschutz war ein königliches Vorrecht, das an nachgeordnete Gewalten vergeben werden konnte. In Zeiten instabiler Herrschaft, so während des Ersten Kreuzzugs 1096, oder erst recht, wenn - wie während der Pestzeit 1348/49 geschehen - der König selbst, hier in Person Karls IV., den Schutz der Juden für kurzfristige Ziele preisgab, versagte das sorgsam gestaltete Gefüge.

Judenfeindliche Bewegungen kamen meist im Gewand religiösen Eifers daher, aber die tieferen Triebkräfte und Auslöser blieben dahinter verborgen. Wäre es nach jenen gegangen, die für alles Übel - in Regensburg 1519 selbst für den Hagel - die Juden verantwortlich machen wollten, dann wären am Ausgang des Mittelalters keine Juden in Deutschland geblieben. Immer wieder in Umlauf gebrachte Ritualmordvorwürfe und Legenden von geschändeten Hostien oder vergifteten Brunnen führten ein ums andere Mal zu mörderischen Pogromen. Am Vorabend der Reformation waren auch nur in wenigen Städten wie Frankfurt am Main, Friedberg/Wetterau oder Worms und nur in wenigen Territorien Juden erhalten geblieben. Luthers Judenfeindschaft ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Zum einen bedurfte die allen Traditionsballasts entledigte evangelische Lesart der Bibel keiner jüdischen Bezeugung der "hebräischen Wahrheit" in Augustinus' Sinne mehr. Zum andern gerieten die Juden in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit endgültig zur historisch etablierten negativen Referenz für die Bestimmung von wahrem und falschem Glauben. "Schlimmer als die Juden" waren zwar seit jeher die "Häretiker", aber im schlagwort- und pamphletgeleiteten reformatorischen Übertönungsdiskurs standen sich gleichgroße christliche Lager gegenüber, die virtuos das neue Medium des Schriftendrucks nutzen. Wenig fehlte für eine Situation wie in England oder Frankreich, von wo die Juden auf Befehl der Könige um 1300 völlig vertrieben wurden.

Neue Gemeinden In Deutschland verlief die Entwicklung anders. Gewiss hat das zergliederte Herrschaftssystem mit schwacher Zentralgewalt die Wirkung des königlichen Judenschutzes weithin beeinträchtigt. Zugleich schützte eben diese Situation die Juden vor unmittelbarem Zugriff durch die Zentralgewalt und schuf auskömmliche Nischen. Das gilt erst recht für die Zeit nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648), als geistliche wie weltliche Territorialherren ihre Länder auch durch Aufnahme von Juden wiederbevölkerten. Vor allem in ländlichen Regionen, aber auch in aufstrebenden Residenzstädten wie Mannheim, Kassel oder Berlin entstanden Gemeinden, die langfristig jenes Judentum hervorbrachten, das bis zu den Verfolgungen der NS-Zeit für die Entwicklung Deutschlands prägend wurde.

Der Autor ist Professor für Religion, Geschichte und Kultur des europäischen Judentums an der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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