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EVANGELIKALE
Stephan Cezanne
Die Bibeltreuen

Die Bewegung ist vor allem in Lateinamerika, Asien und Afrika auf dem Vormarsch. In Deutschland ist sie erstaunlich schwach

Es ist paradox: Mehr als vier Fünftel der weißen evangelikalen Christen in den USA haben bei den Präsidentschaftswahlen für Donald Trump votiert. Und das, obwohl sich viele führende Evangelikale zuvor von Trump distanziert hatten, vor allem wegen seines eher unfrommen Lebenswandels. "Die Wahl von Trump ist ein Lehrstück über die Verquickung von Politik und Evangelium", kommentierte der Kasseler Theologieprofessor Tobias Faix daraufhin in der "Zeit". Die sonst so bibeltreuen Evangelikalen hätten Trump gewählt, weil sie ihr konservatives Amerika zurückhaben wollten, urteilte er. Sie hätten weggewollt vom humanistisch-liberalen Weltbild der Clintons und Obamas, hin zu klaren konservativen Werten bei den Themen Familie, Abtreibung und Homosexualität.

Den Wunsch nach einer "moralischen Wende" gebe es auch bei konservativen Evangelikalen in Deutschland, warnte Faix. "Es könnte zu einer ähnlichen Situation führen wie in den Vereinigten Staaten, gerade wenn es darum geht, welche Parteien die eigenen Werte und Themen vertreten", meinte Faix, der selbst der evangelikalen Szene in Deutschland zugeordnet wird.

Neues Leben eingehaucht Gibt es also auch in Deutschland eine solche "fromme Macht" theologisch konservativer Christen, die bei Wahlen bald eine wichtige Rolle spielen könnten? "Ich glaube, dass der Evangelikalismus in Deutschland sich nie als eine Bewegung verstanden hat, die mit politischen Mitteln ihre Interessen, etwa ein Gesetz gegen Abtreibung, durchsetzen will", meint der Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling. Er forscht seit Jahren über geistliche Gemeinschaften wie die charismatische und evangelikale Strömung und die Pfingstkirchen. Konservative Christen in Deutschland hätten keine moralische Mehrheit hinter sich, die mit einem politischen Programm verbunden sei wie in den Vereinigten Staaten, sagt Zimmerling. Dies liege vermutlich an der Herkunft des deutschen Evangelikalismus, "der doch im Wesentlichen aus der pietistischen Gemeinschaftsbewegung vor etwas mehr als 100 Jahren hervorging, den sogenannten 'Stillen im Lande'". Anders in den USA: Dort setzt sich die einflussreiche konservative Tea-Party-Bewegung fast ausnahmslos aus Christen der evangelikalen Bewegung zusammen.

Die evangelikale Glaubensrichtung in Deutschland gibt es, seit der heute 98-jährige US-amerikanische Erweckungsprediger Billy Graham Mitte der 1970er Jahre die Lausanner Bewegung begründet hatte - bis heute eine Art Dachverband und Netzwerk der Evangelikalen. "Graham hauchte der deutschen pietistischen Bewegung neues Leben ein, auch nachdem diese in großen Teilen durch ihre Rolle im Dritten Reich diskreditiert war", sagt Zimmerling. "Durch Billy Graham und seine Kampagne kam es zu einer Verbindung von kontinentaleuropäischem Pietismus und Evangelikalismus aus Amerika." Eine stark politische Dimension wie im amerikanischen Evangelikalismus habe sich in Deutschland dennoch nie etablieren können, dazu seien die Spielarten des Pietismus in Deutschland zu verschieden. So sei der niederrheinische Pietismus immer links gewesen, "und der süddeutsche war immer für die CDU". Parteien wie die früheren "Bibeltreuen Christen" blieben eine Randerscheinung im politischen Spektrum.

Großer Gegenpol Über die Frage, was man als Christ glauben und wie man als solcher leben will, gibt es seit jeher unterschiedliche Meinungen. Gegenüber den großen historisch gewachsenen Strömungen - wie Protestantismus, Katholizismus oder Orthodoxie - versteht sich die evangelikale Bewegung seit ihren Anfängen als großer Gegenpol, auch wenn viele evangelikal oder charismatisch geprägte Christen oder Pfingstler weiter Mitglied ihrer traditionellen Kirche bleiben.

Den meisten Evangelikalen, Charismatikern oder Pfingstlern sind die traditionellen Kirchen zu liberal und politisch zu links. Entsprechend entstand die evangelikale Bewegung im 19. Jahrhundert als Reaktion auf aufgeklärte und liberale Strömungen in den Kirchen, erklärt der Verhaltensbiologie und Weltanschauungsexperte Hansjörg Hemminger. Global gesehen schätzt er die Zahl evangelikaler Christen - ohne diejenigen der Pfingstbewegung - auf über 300 Millionen, mit der Pfingstbewegung auf das Doppelte bis Dreifache. Zum Vergleich: Die katholische Kirche zählt weltweit rund 1,2 Milliarden Christen. Die Evangelikalen einschließlich der pfingstlichen und charismatischen Kirchen oder Glaubensgemeinschaften machen seriösen Schätzungen zufolge weltweit 28 Prozent der organisierten Christen aus. In Europa und vor allem in Deutschland sind sie laut Hemminger, verglichen mit der globalen Christenheit, aber "erstaunlich schwach". Sie stellten drei bis vier Prozent der kirchlich organisierten Christen. "Außerdem verlieren sie, wie alle christlichen Konfessionen, laufend an Mitgliedern", fügt er hinzu.

In Lateinamerika, Asien und Afrika indes bilden evangelikale, charismatische und pfingstkirchlich geprägte geistliche Gemeinschaften seit Jahrzehnten den am schnellsten wachsenden Zweig des Christentums. Dort sind sie daher auch die größte Konkurrenz für die historisch gewachsenen Kirchen. "In Afrika haben sich lutherische Kirchen nur halten können, weil sie sich für charismatische Frömmigkeitsformen geöffnet haben", erklärt Theologe Zimmerling. So könne man zwischen der lutherischen Kirche in Tansania und den charismatischen Gruppen nur ganz schwer unterscheiden.

Kritiker wie der britische Biologe und atheistische Denker Richard Dawkins werfen evangelikalen Christen eine naive Bibelgläubigkeit vor. Als Beispiel nennt er deren wortwörtlichen Glauben an die biblischen Schöpfungsmythen und die kategorische Ablehnung der von Charles Darwin (1809-1882) begründeten wissenschaftlichen Evolutionstheorie. Dawkins wiederum wird vorgeworfen, er missbrauche einige extreme Ansichten für seine grundsätzliche Kritik an Religion überhaupt.

Was aber macht evangelikale, charismatische und pfingstkirchliche Bewegungen für Millionen von Menschen so attraktiv? Unter anderem wohl ihre hohe Emotionalität: Bei ihren Gottesdiensten stehen die Themen Heilung und Versöhnung im Mittelpunkt. Wichtig für beide Strömungen ist zudem eine unmittelbare Beziehung zu Jesus Christus und den Heiligen Geist durch intensives Gebet und leidenschaftliche Gottesdienste. Die Nähe zu Gott äußert sich charismatischer Lehre zufolge auch durch Wunder und Zeichen wie spontane Krankenheilung oder das Reden in fremden Sprachen im Gottesdienst ("Zungenrede").

Die traditionellen Kirchen wie auch der Weltkirchenrat stehen dieser Form des Christseins oft skeptisch bis ablehnend gegenüber. Sie meinen, sie würden oft unrealistische Hoffnungen - etwa bei Gottesdiensten zur Krankenheilungen - wecken.

Tief empfundene Spiritualität Die Pfingstkirchen erinnern mit ihrem Namen an die Anfänge des Christentums und die in der Bibel geschilderte Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingstfest. Die Bewegung entstand Anfang des 20. Jahrhunderts. Die charismatische Bewegung - vom griechischen Wort "charisma" für Geschenk - entstand etwas später in den 1960er Jahren. Sie findet heute besonders viele Anhänger in der lutherischen, anglikanischen und der römisch-katholischen Kirche, von denen sie auch von offizieller Seite unterstützt wird. Auch hier spielt eine besonders tief empfundene Spiritualität eine große Rolle. Freies Gebet, meist mit erhobenen Händen, alltagsbezogene Predigten und moderne Gottesdienstlieder sprechen vor allem junge Menschen an. Beide christliche Bewegungen gelten zugleich als wertkonservativ. Sex außerhalb der Ehe, praktizierte Homosexualität oder Abtreibung werden überwiegend als unbiblisch abgelehnt.

Gerade in Deutschland öffnet sich die evangelikale Bewegung zunehmend der modernen Gesellschaft. So gibt es immer mehr Evangelikale - auch in leitenden Positionen -, die die ablehnenden Aussagen zur Homosexualität der Bibel als zeitbedingt betrachten. "Das wäre vor 40 Jahren noch undenkbar gewesen", gibt Zimmerling zu bedenken. Aber auch in den USA gebe es neben biblischen Fundamentalisten eine ganze Bandbreite ernsthafter und nachdenklicher evangelikal geprägter wissenschaftlicher Theologen. Viele Experten warnen ohnehin vor einer Gleichsetzung der evangelikalen Bewegung mit christlichen Fundamentalisten.

Kein Platz für Kreationismus In Deutschland beobachtet Zimmerling eine Art "aufgeklärte evangelikale Bewegung". So seien die evangelikalen Ausbildungsstätten hierzulande inzwischen fast alle staatlich anerkannt. Dies sei nur möglich gewesen, weil sie sich für den Diskurs mit der wissenschaftlichen Theologie geöffnet hätten. Für den in den USA verbreiteten Kreationismus - nach dem der biblische Schöpfungsbericht wörtlich zu nehmen ist und die Erde vor rund 6.000 Jahren entstanden sein soll - sei hierzulande offiziell kein Platz.

Der Autor ist Fachredakteur für Kirche und Politik beim Evangelischen Pressedienst (epd).

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