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RUSSLAND
Rudolf Prokschi
Wechselvolle Geschichte

Rund 75 Prozent der Einwohner bekennen sich zum russisch-orthodoxen Glauben, Religion ist nationale Tradition. Der Einfluss der Kirche steigt stark an

Umfragen zufolge steht die orthodoxe Kirche bei den Russen auf Platz zwei der größten Vertrauensträger im Land - nach Präsident Wladimir Putin. Dessen Verhältnis zum Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. von Moskau, scheint von außen besehen ein sehr gutes zu sein. Als einfacher Pilger nahm Putin in Begleitung von Kyrill I. an den Feierlichkeiten anlässlich der tausendjährigen Präsenz der Russen auf dem heiligen Berg Athos teil. Anlässlich seines 70. Geburtstags verlieh der Präsident dem Patriarchen den "Orden für Verdienste um das Vaterland" und lobte den kirchlichen Würdenträger dafür, dass er "konsequent und hart" die Werte und Ideale der russisch-orthodoxen Kirche schütze. Mit seinem Engagement für den Dialog unter den Glaubensgemeinschaften und Ethnien trage er zudem zur "Stärkung des Friedens und der gesellschaftlichen Eintracht" im Land bei. Die neue russisch-orthodoxe Kathedrale und das angeschlossene orthodoxe Zentrum in Paris wurden vom russischen Staat finanziell unterstützt, genauso wie das in vielen Regionen neu eingeführte verpflichtende Schulfach "Grundlagen der orthodoxen Kultur" und das Kirchenaufbauprogramm für die Moskauer Außenbezirke.

Der Patriarch selbst hat sich zwar mehrfach für eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat ausgesprochen. Zugleich bezeichnet er das Verhältnis zueinander aber mit dem alten byzantinischen Ausdruck der "Sinfonie"- dem idealisierten Zusammenwirken von geistlicher und weltlicher Macht zum Wohle der ihnen anvertrauten Bevölkerung. Das kommt nicht von ungefähr: Die orthodoxen Würdenträger in Russland sorgen sich, dass die christlichen Werte "im Westen" zu verschwinden drohen und dieser Werteverfall auf die Russische Föderation übergreift. Um das zu verhindern, müssten Staat und Kirche eng zusammenwirken, fordern sie.

Wie stark die Verbindung ist, zeigt sich an einigen Beispielen: So wurde die Begegnung von Papst Franziskus und dem russischen Patriarchen im Flughafengebäude in Havanna (Kuba) vom Kreml offiziell begrüßt. In einer gemeinsamen Erklärung stellten beide das Engagement Russlands im Syrienkonflikt zum Schutz der verfolgten Christen positiv heraus. Auch hat die russisch-orthodoxe Kirche die Annexion der Krim und das Engagement Russlands in der Ost-Ukraine bislang in keiner Weise kritisiert. Ihrer Ansicht nach geht es darum, die historische Einheit der russischen Völker zu fördern. Den Bestrebungen der Ukraine nach Neuorientierung in Richtung Westen und den Unabhängigkeitsbestrebungen der ukrainischen orthodoxen Kirche müsse daher entgegengewirkt werden. In gesellschaftspolitischen Fragen sind Kirche und Kreml ebenfalls enge Verbündete: Gemeinsam kämpfen sie gegen die Gleichstellung von Homosexuellen, die Trennung von Kirche und Staat und den Individualismus der westlichen Kultur.

Den hohen Stellenwert in der russischen Gesellschaft hat die Kirche erst nach dem Fall des Kommunismus erlangt. Die Kirchenvertreter hatten danach auf die historisch bedeutsame Rolle der Orthodoxie für das russische Volk und die russische Kultur verwiesen und darauf gepocht, dass der Staat diese in seinem eigenen Interesse schützen und fördern müsse. Sie warnten vor der Verbreitung ausländischer Sekten, pseudoreligiöser Gruppen und protestantischer Freikirchen, wetterten aber auch gegen die katholische und lutherische Kirche, die sie als westliche Eindringlinge auf dem "kanonischen Territorium" der russischen Orthodoxie ansahen. 1997 erreichte die orthodoxe Kirche gegen heftige Kritik aus dem Ausland die Reform des Gesetzes zur Gewissensfreiheit, welches zu einer Bevorzugung der Orthodoxie gegenüber anderen Religionsgemeinschaften führte. Im Gegenzug ließen die Patriarchen Alexij II. und Kyrill I. vor Präsidentschaftswahlen immer klar erkennen, welchen Kandidaten sie für besonders geeignet hielten.

Derartige Allianzen hat es in dieser Form in der mehr als tausendjährigen Geschichte der russischen Orthodoxie nie zuvor gegeben. Im Gegenteil: Peter der Große (1672-1725) schaffte das erst 1589 mühsam errichtete russisch-orthodoxe Patriarchat einst wieder ab und machte die Bischöfe zu staatlichen Beamten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ Regierungschef Wladimir Iljitsch Lenin dann alle Kirchen und Religionsgemeinschaften liquidieren. Kirchlicher Besitz wurde enteignet, Kirchengebäude für profane Zwecke verwendet. Zigtausende mussten ins Gefängnis, Zehntausende wurden hingerichtet. Erst während des Zweiten Weltkriegs verbesserte sich die Lage: Weil die orthodoxe Kirche sich für die Verteidigung des Vaterlandes einsetzte, ließ Stalin 1944 als Gegenleistung erstmals wieder die Wahl eines Patriarchen zu. Auch durften einige theologische Ausbildungsstätten auf bescheidenem Niveau ihre Arbeit wieder aufnehmen. Letztlich blieb die Kirche unter Kontrolle der Sowjetführung; Stalins Nachfolger, Nikita Chruschtschow, verschärfte die Situation sogar wieder.

Erst unter Michail Gorbatschow wurde das kirchliche Leben in Russland wiedergeboren. Pfarrgemeinden wurden gegründet, Geistliche, die wegen ihres Glaubens hatten sterben müssen, heiliggesprochen. Unter Putin ist die Orthodoxie schließlich Staatskirche geworden. Den ideologischen Überbau bildet die "Sinfonie" aus orthodoxer Glaubenslehre und großrussischem Nationalismus.

Der Autor lehrt Ostkirchenkunde an der Universität Wien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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