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KIRCHenBAUTEN
Johann Hinrich Claussen
Reiches Erbe

In kaum einem Land gibt es so viele und vielfältige Sakralgebäude wie in Deutschland. Um ihren Erhalt und den Neubau von Gotteshäusern wird teilweise heftig gestritten

Streit und Liebe sind keine Gegensätze. Gerade über das, was einem besonders am Herzen liegt, lohnt es sich zu streiten. Das gilt auch für die Kirchbauten in Deutschland. Sie werden nicht nur von vielen Menschen geschätzt und geliebt, besucht und gepflegt. Über sie wird auch an vielen Orten heftig gestritten und dies aus guten Gründen. Denn im Umgang mit den Kirchbauten zeigt sich, wie es um unsere Kultur bestellt ist. Das war schon immer so, hat sich aber in den vergangenen Jahren zugespitzt.

Das hat auch damit zu tun, dass die Wertschätzung der christlichen Sakralarchitektur gestiegen ist. Nur auf den ersten Blick kann dies erstaunen. Gerade in unseren hochbeschleunigten Zeiten wächst das Bedürfnis nach Orten der Stille, der Tradition, der seelischen Vergewisserung, der Transzendenz. Dies lässt sich an der neuen Beliebtheit eines Kirchentypus ablesen, den man lange verachtet hat: die historistischen Kirchen des 19. Jahrhunderts. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten sie als minderwertiger Abklatsch des klassischen Erbes - der Romanik, der Gotik und des Barocks. Doch inzwischen ziehen sie gerade kirchenferne Menschen an, erfüllen sie doch deren Vorstellungen davon, was eine "richtige" Kirche ist. Sie besitzen eine Wiedererkennbarkeit und sakrale Ausdruckskraft, die man bei den funktional-modernistischen Kirchbauten der 1970er Jahre vermisst. Je rasanter die Modernisierung fortschreitet, umso größer wird die Sehnsucht nach anderen Orten, die sich dem Zwang nach Effizienz und Profitabilität verweigern. Zudem wächst in einer Zeit, in der sich so vieles ins Digitale verlagert und dort verflüchtigt, der Wunsch nach wirklichen Räumen aus Stein, Holz und Glas, in denen man seelisch wie körperlich etwas erfahren kann.

Aus dem Stadtbild getilgt Diese neue Wertschätzung der Kirchen führt jedoch auch zu Konflikten. Der schärfste betrifft derzeit die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin. An manche Baukatastrophe haben sich die Berliner gewöhnt. Doch das Schicksal der Schinkel-Kirche gegenüber dem Außenministerium empört sie immer noch. Dieses Kleinod des 19. Jahrhunderts wurde von Luxusimmobilien so zugebaut, dass es aus dem Stadtbild fast getilgt wurde. Zudem wurde es durch Baufehler in der Substanz beschädigt. Es ist ein Hoffnungszeichen, dass die Verantwortlichen signalisiert haben, aus diesem Unglück Lehren ziehen zu wollen. Doch ein Folgekonflikt kündigt sich schon an. Am Berliner Kulturforum soll ein neues Museum für moderne Kunst gebaut werden. Der ausgewählte Entwurf ist aber so massiv, dass er die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene St. Matthäus-Kirche, die als Kunstort in ihrer Art einzigartig ist, zum Verschwinden zu bringen droht. Wiederholt sich hier das Schicksal der Friedrichswerderschen Kirche?

Beide Beispiele stehen für eine Entwicklung, die sich in allen deutschen Ballungsgebieten beobachten lässt. Die historischen Kirchen werden von der Bevölkerung geliebt, aber der öffentliche Raum wird enger. Das, was eigentlich die Qualität einer Stadt ausmacht, wird der Öffentlichkeit zunehmend entzogen. Daran sind nicht nur "böse" Investoren schuld, sondern häufig genug die öffentliche Hand selbst. Hier stellen sich Grundsatzfragen, über die noch viel deutlicher gestritten werden müsste: Was ist der öffentliche Raum wert? Wer bestimmt über ihn? Welche Bedeutung hat hier das kulturelle Erbe, das ebenso oft beschworen wie missachtet wird? Und welchen Stellenwert haben die Kirchbauten als wesentlicher Teil des kulturellen Erbes im öffentlichen Raum? Indem die Vertreter der christlichen Kirchen hier Position beziehen, verteidigen sie nicht bloß Eigeninteressen, sondern treten für die kulturelle Ökologie Deutschlands ein.

Doch auch in den Kirchen selbst haben die Konflikte um die eigenen Gebäude zugenommen. Eine reiche Baugeschichte vom frühen Mittelalter an hat eine unüberschaubare Fülle an architektonischen Schätzen entstehen lassen. Es dürfte kein anderes Land auf der Welt geben, das so viele und so vielfältige Kirchbauten hervorgebracht und auf einem so hohen Niveau bewahrt hat: romanische Klöster und gotische Kathedralen, elegante Bürgerkirchen und anrührende Dorfkapellen, historistische Kirchbauprogramme und avantgardistische Provokationen, Repräsentationstempel und soziale Bauten. Man staunt, welcher Reichtum an christlicher Kultur in Deutschland entstanden ist. Man bedenke aber auch, wie dies bisher bezahlt wurde: durch die Unterstützung der öffentlichen Hand und viele Spenden, vor allem aber durch die Kirchensteuer. Letzteres wird sich ändern, nicht allein wegen der sinkenden Kirchenbindung der Deutschen, sondern vor allem wegen des demografischen Wandels. Deshalb wird in der evangelischen und katholischen Kirche intensiv darüber beraten und gestritten, welche Gebäude man auf Dauer sinnvoll unterhalten kann und nutzen will.

Anti-sakrale Bauweise Es ist aber nicht nur ein Konflikt um Ressourcen, sondern auch um Architekturen. Es ist kein Zufall, dass besonders die Kirchen der Nachkriegszeit gefährdet sind. Das hat zum einen damit zu tun, dass es besonders viele hiervon gibt. In Hamburg etwa wurden nach 1945 so viele Kirchen gebaut wie in der gesamten Geschichte zuvor. Zum anderen hat sich der Zeitgeschmack gewandelt. Die anti-sakrale Bauweise der 1970er Jahre etwa wird nicht mehr als epochale Befreiungstat wahrgenommen, sondern als trübe "Entzauberung". Oder der Betonbrutalismus: Zwar wusste er virtuos mit einem modernen Baustoff umzugehen, erinnerte aber nicht zufällig an Militäranliegen des Krieges und verewigte eine Buß-Frömmigkeit, die heutige Gottesdienstbesucher eher abschreckt. Gerade weil in der säkularisierten Gegenwart die Sehnsucht nach Beheimatung wächst, haben es fortschrittlich gemeinte Kirchbauten schwer. Dies zeigt sich auch bei einer Reihe von Renovierungen. Die St. Hedwigs-Kathedrale zu Berlin oder der Dom St. Nikolai zu Greifwald wurden nach dem Krieg einer Neugestaltung unterzogen, die die ursprüngliche Raumlogik aufbrach, um den Bruch zur vorherigen Epoche zu markieren. In den zum Teil erbitterten Konflikten um ihre Re-Renovierung zeigt sich heute, wie im Kirchbau immer noch die kulturelle Katastrophe der NS-Diktatur bearbeitet wird - mit offenem Ausgang.

In den zahlreichen Konflikten wird sichtbar, wie viel die christliche Sakralarchitektur den Deutschen heute noch bedeutet. Sie sind deshalb auch eine Chance, dieses kulturelle Erbe bewusster wahrzunehmen und für sich in Besitz zu nehmen. Die Bewahrung dieses Erbes ist keineswegs nur Sache kirchlicher Bauämter oder staatlicher Denkmalverwaltung, sie sollte Angelegenheit aller Bürger sein, gleichgültig, wie kirchlich verbunden oder distanziert sie sind. Sie müssen sich entscheiden, was es für sie, ihre Lebensorientierung, die kulturellen Perspektiven in der Gegenwart sowie für die nächsten Generationen bedeutet, und ob sie es annehmen oder ausschlagen wollen. Johann Hinrich Claussen

Der Autor ist seit dem 1. Februar 2016 Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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