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UMWIDMUNGEN
Susanne Kailitz
Klettern in der Kirche

In früheren Sakralgebäuden entstehen Restaurants oder Wohnungen und manchmal sogar Moscheen

Viele Menschen nennen ihre Wohnung ihre heiligen Hallen. Doch nur wenige können von sich behaupten, dass ihre vier Wände früher tatsächlich einmal geweiht waren: Sie leben in ehemaligen Kirchen. Im sächsischen Demitz-Thumwitz ist das etwa möglich, aber auch in Hamburg und Mönchengladbach. Hier entstanden hinter den Mauern einer Basilika 23 Sozialwohnungen. Ihre Bewohner leben dort, wo früher gepredigt und getauft wurde, ihre Wohnungen gruppieren sich um die Laubengänge des ehemaligen Kirchenschiffs. Die wunderschönen Bleiglasfenster und das beeindruckende Kreuzrippengewölbe erinnern an die Geschichte des Gebäudes.

Nicht immer bleibt die so sichtbar wie in Mönchengladbach. Hunderte Kirchen wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren entweiht und neuen Bestimmungen zugeführt. Aus vielen wurden Pflegeeinrichtungen, Jugendtreffs, Museen oder Ausstellungshallen. Die Kirchenumwidmungen sind angesichts schrumpfender Gemeinden und einer sinkenden Zahl von Menschen, die kirchlich gebunden sind, vor allem ökonomischen Erwägungen geschuldet. Der Kunsthistoriker Martin Bredenbeck hat sich ausführlich mit dem Thema befasst und weiß, wie schwierig das ist: "Bistümer und Landeskirchen sind gezwungen, sich genau anzuschauen, was es kostet, die Gebäude weiter zu unterhalten - oder ob es nicht günstiger wäre, den Ort, manchmal auch nur das Grundstück, anders zu nutzen. Häufig sehen sie sich dann gezwungen, Kirchen rein als Immobilien ohne besondere emotionale und kunsthistorische Werte zu sehen." Für die Bewohner ist genau das aber häufig schwierig. "Auch wenn Kirchen für viele Menschen nicht zu ihrem täglichen Leben gehören, stehen sie doch für einen vertrauten Ort, zu dem man immer gehen kann. Fällt der weg, ist das schmerzhaft."

Bisher haben die Umwidmungen vor allem Kirchenbauten getroffen, die in den 1950er und 1960er Jahren gebaut wurden, und nicht die alten prunkvollen Dome. Betroffen ist vor allem der Westen Deutschlands. Das hat überwiegend zwei Gründe: Zum einen wurden im Osten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich weniger Kirchen gebaut, zum anderen gibt es hier ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement, das für den Bestand der Sakralbauten kämpft, um vor allem in den zunehmend entvölkerten und alternden ländlichen Regionen den Mittelpunkt von Dorf oder Stadt zu erhalten - auch um den Preis, dass die Kirchen kaum besucht und nur selten genutzt werden.

Werden Kirchen in ihrem Unterhalt zu teuer, weil zu wenige Menschen sie nutzen, und es wird die Entscheidung getroffen, sie nicht mehr als sakrale Stätte zu nutzen, kommt ein bestimmtes Prozedere in Gang: die so genannte Profanierung. Die Entweihung katholischer Kirchen ist meist mit einer letzten Messe verbunden, dann müssen die Reliquien und das Allerheiligste entfernt werden. Danach gilt die frühere Kirche nicht mehr als geheiligter Raum, sondern als normales Gebäude, das abgerissen oder anderweitig genutzt werden kann. Bei den evangelischen Kirchen wird eine förmliche Entwidmung durchgeführt und meist mit einer würdigen Zeremonie begleitet.

Während in Großbritannien oder den Niederlanden der Verkauf ehemaliger Kirchen und ihre Neuverwendung als Hotels, Diskotheken und Bars kaum Grenzen kennt, ist man hierzulande noch vorsichtiger. Dass frühere Sakralbauten wie in Magdeburg und Bielefeld zu Restaurants umgebaut werden, ist eine Ausnahme. Auch die Kletterhalle in der Mönchengladbacher Kletterkirche ist einzigartig. Häufiger wird entschieden, die Orte einer besonderen Bestimmung zuzuführen: In Marl, Rheine oder Datteln beherbergen ehemalige Kirche heute Kolumbarien - Gebäude mit kleinen Kammern, in denen Urnen beigesetzt werden.

Selten werden Kirchen anderen Religionen zur Verfügung gestellt. So wurde die Kreuzkapelle im Kölner Stadtteil Riehl Anfang 2016 einer jüdischen Gemeinde übergeben, die das Gebäude seither als Synagoge nutzt. Auch Brandenburgs erste Synagoge gehörte bis vor wenigen Jahren der evangelischen Gemeinde. Ein Schritt, der allerdings nicht unkritisch gesehen wird: Als die Hamburger Kapernaumkirche 2015 zur Moschee umgebaut wurde, sorgte das in der Öffentlichkeit für hitzige Diskussionen. Aus den Reihen der Evangelischen Kirche in Deutschland hieß es, die Umwandlung einer Kirche in eine Moschee sei "kein angezeigter Weg".

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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