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EDITORIAL
Jörg Biallas
Festjahr als Plattform

Das noch junge Jahr 2017 hat seine Schatten lange vorausgeworfen. Mit großem Vorlauf widmeten sich Staat und Kirche der Planung des Gedenkens der Reformation, die vor 500 Jahren die römisch-katholische Tradition in Frage gestellt hatte. Martin Luther löste 1517 mit seinen Thesen gegen den päpstlichen Ablasshandel die Spaltung des westlichen Christentums in verschiedene Konfessionen und damit die Geburtsstunde der evangelischen Kirche aus. Dieses Datum ist weit mehr als ein kirchenhistorisch bedeutsamer Moment. Es war in vielerlei Hinsicht prägend für die staatliche und gesellschaftliche Entwicklung des Abendlandes. Auch deshalb hat der Bundestag das Reformationsjubiläum zum "Ereignis von Weltrang" erklärt. Eine Einordnung, die bei aller akademischen Debatte, wie revolutionär, wie neuzeitfähig die Reformation seinerzeit tatsächlich war, gewiss nicht übertrieben ist.

Heutzutage können viele Menschen mit Religion, gleich welcher Prägung, nichts mehr anfangen. Das hat mehrere Gründe: In Familien und Schulen wird die Glaubenslehre oftmals nicht mehr so vermittelt, dass sie neugierig auf eigene Auseinandersetzung macht. Der Pragmatismus einer von vermeintlich einfachen Erklärungsmustern überschwemmten Welt gilt als ausreichend, die Probleme des Daseins zu lösen. Das eigene Handeln nach moralischen Prinzipien wie etwa der Nächstenliebe zu hinterfragen, ist da eher hinderlich. Und schließlich: Religion wird zunehmend einseitig assoziiert mit Fanatismus, in dessen Namen Kriege geführt und Terroranschläge verübt werden.

Die evangelische wie katholische Kirche spüren das deutlich. Seit Jahrzehnten sinken ihre Mitgliederzahlen kontinuierlich; nur die Hälfte der Deutschen zählt überhaupt noch zu einer der beiden großen christlichen Konfessionen.

Deshalb ist es richtig, dass das Reformationsjahr der Kirche als Plattform zur Selbstdarstellung dient. Übrigens nicht nur für den evangelischen Glauben, sondern auch für den katholischen. Und damit für das Zusammenspiel beider, die Ökumene. Denn Toleranz kann Religionen, kann Menschen verbinden. Es hat gedauert, bis sich diese Erkenntnis in der christlichen Kirche durchgesetzt hat. Wäre das Jubiläum nicht ein schöner Anlass, diese Erfahrung weiterzutragen und etwa dafür zu plädieren, dem Islam weniger aufgeregt zu begegnen?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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