Inhalt

Ortstermin: Diskussionsforum im Deutschen Bundestag
Eva Bräth
»Social Media ist nicht die Gesellschaft«

Plakate kleben, Programme verteilen und Klinken putzen heißt es derzeit für die Bundestagskandidaten. Doch der Kontakt mit den Bürgern findet nicht mehr nur auf Marktplätzen und an Haustüren statt. Der digitale Wandel hat auch den Kampf um Wählerstimmen verändert. Parteien und Politiker sind längst in sozialen Netzwerken präsent. Dort mischen aber nicht nur sie mit, sondern auch softwaregesteuerte Roboter, sogenannte Social Bots. Welchen Einfluss üben diese auf die Bundestagswahl am 24. September aus? Können sie Wahlen durch Fake-News manipulieren? Und was bedeuten Meinungsmaschinen für die Demokratie? Diese Fragen beantwortete Politikwissenschaftler Simon Hegelich bei einer Veranstaltung der Reihe W-Forum, die die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags in der vergangenen Woche veranstalteten.

"Wir erleben gerade eine digitale Revolution, in der sich gesellschaftliche Praktiken, unsere Art der Kommunikation, völlig verändern", sagte Datenforscher Hegelich. Jeder könne in Echtzeit an Diskussionen teilnehmen. Welche Themen öffentlich diskutiert werden, bestimmten immer mehr technische Codes, die Algorithmen.

In der Folge steige die Geschwindigkeit der Debatten und auch die Grenze zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre verschwimme, sagte Hegelich. Denn private Daten, die Nutzer im Netz teilen, könnten politisch ausgenutzt werden. Micro-Tageting, personalisierte Werbung, lautet das Stichwort: Ursprünglich für die Produktwerbung entwickelt, fand das Konzept im US-Wahlkampf Einsatz. "Wie lässt sich ein Wahlkampf kontrollieren, der auf der Mikroebene stattfindet?", fragte Hegelich. Schließlich könnten Wählern verschiedene Versprechen gegeben werden, ohne dass dies öffentlich sichtbar ist. In den USA zielten Manipulationsversuche zudem darauf ab, bestimmte Gruppen von der Wahl abzuhalten.

Technisch stützen sich die Manipulationsversuche auf Roboter. Neun bis 15 Prozent aller Twitter-Konten in den USA würden von Social Bots gesteuert, schätzt Hegelich. Auch in Deutschland seien sie aktiv; rund zehn Prozent der Twitter-Nachrichten, die mit den Schlagworten "Merkel" und "Schulz" verlinkt seien, hätten Maschinen als Urheber. Die meisten Bots seien reine "Werbeschleudern". Trotzdem können sie Trends systematisch verfälschen, indem sie Nachrichten immer wieder verbreiten. "Es geht um Verunsicherung", sagte Hegelich. Die User glaubten, wenn etwas oft geteilt wird, müsse es wahr sein.

Für die Bundestagswahl gab Hegelich eine klare Entwarnung. Eine kurzfristige Manipulation sei unwahrscheinlich, weil die Nutzer wenig Vertrauen in die Netzwerke hätten und schnell dazulernten. Außerdem: "Social Media ist nicht die Gesellschaft. Nicht alle Leute sind online", betont Hegelich. Es müssten aber jetzt die Weichen gestellt werden, um mittel- oder langfristig negative Folgen zu verhindern: In zehn Jahren würden wir in einer völlig anderen Gesellschaft leben.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag