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Ortstermin: Im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages
Eva Bräth
Kämpfer für die parlamentarische Demokratie

Die erleuchtete Glasfassade strahlt durch die Nacht. Sie hat Touristen angelockt, die den Weg vom Reichstagsgebäude Richtung Spree entlang spazieren. Neugierig schauen die jungen Leute durch die Glasfenster, gehen weiter zur Westfassade, in der sich das Bundeskanzleramt spiegelt. "Was ist das für ein Gebäude? Gehört das zum Bundestag?", fragt einer. Eine Frau entdeckt eine Tafel: "Paul-Löbe-Haus", liest sie vor.

Wer war dieser Paul Löbe? Kaum jemand weiß noch, dass Löbe (1875-1967) zwölf Jahre lang Reichstagspräsident der Weimarer Republik war, bis er 1932 von dem Nationalsozialisten Hermann Göring abgelöst wurde. Dabei ist der Name des Sozialdemokraten, der vor 50 Jahren, am 3. August 1967, starb, eng mit der Geschichte der parlamentarischen Demokratie Deutschlands verknüpft. Löbe wirkte an beiden demokratischen Verfassungen des 20. Jahrhunderts mit: 1919 war er Vizepräsident der verfassungsgebenden Versammlung in Weimar, nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Vertreter Berlins im Parlamentarischen Rat das Grundgesetz mit aus.

Wer das Paul-Löbe-Haus durch den Haupteingang betritt, steht in der Halle mit ihrem glasgedeckten Rasterdach. Über 200 Meter durchzieht sie das Gebäude. In den Sitzungswochen geht es hier geschäftig zu: Abgeordnete eilen in die Ausschüsse, die in den 21 Sitzungssälen stattfinden. Die gläsernen Aufzüge flitzen zwischen Erdgeschoss und achtem Stock hin- und her. In den Sitzgruppen warten Sachverständige auf ihre Anhörung.

Im Gebäude an der Spreeseite steht eine Büste Löbes. Eine kleine Inschrift erinnert an den Mann mit der beeindruckenden Vita. In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, war Löbe 18-jährig in die SPD eingetreten. Nach einer Schriftsetzerlehre arbeitete er als Redakteur. Wegen Majestätsbeleidigung wurde er mehrfach zu Freiheitsstrafen verurteilt. Diese nutzte er, um staatsrechtliche Schriften zu studieren. "Das Gefängnis wurde meine Hochschule", sagte er. 1920 wurde er zum Reichstagspräsidenten gewählt. Angesichts instabiler und kurzlebiger Regierungen verkörperte er Kontinuität, wurde "zum Symbol der Weimarer Republik", wie SPD-Kanzler Willy Brandt später einmal sagte.

Löbe kämpfte zu Beginn der NS-Herrschaft für die Rechte des Parlaments. In der SPD-Fraktion setzte er sich dafür ein, an der Abstimmung zum Ermächtigungsgesetz teilzunehmen und demonstrativ mit "Nein" zu stimmen. Ab Juni 1933 wurde er monatelang im Konzentrationslager interniert. Nach dem 20. Juli 1944 kam er wegen seiner Kontakte zu einer Widerstandsgruppe erneut in Haft.

Ab 1945 beteiligte sich Löbe am Wiederaufbau der SPD. Als Alterspräsident eröffnete er 1949 die erste Sitzung des Bundestages. Die Benennung des 2001 eröffneten Parlamentsgebäudes nach ihm stellt den Bundestag in die demokratische Tradition der Weimarer Republik. Heute gilt das Gebäude als "Motor der RepublikEva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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