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Parlamentarisches Profil
Eva Bräth
Die Polyglotte: Franziska Brantner

W enn die Grünen-Abgeordnete Franziska Brantner über Familie spricht, hat sie ganz verschiedene Modelle vor Augen. "Für mich ist Familie überall dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sind." In dieser Vielseitigkeit sei die Familie eine wichtige Säule unserer Gesellschaft, betont die familienpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Ihre Partei habe lange um die Öffnung der Ehe für alle gekämpft. "Das ist jetzt durch", freut sich Brantner. Ein "Pakt für das Zusammenleben" müsse der nächste Schritt sein."Es gibt viele Formen der Verantwortungsübernahme oder der sozialen Familie, die gar nicht auf Liebe oder Sexualität basieren", erklärt sie. Auch diesen sollte der Staat eine rechtliche Verbindlichkeit und Vereinfachung ermöglichen.

Auch sonst hat Brantner viele Ideen, wie sich Familienpolitik verändern soll. Die Familienförderung etwa müsste "vereinfacht und entschlackt", ja sogar regelrecht "auf den Kopf gestellt" werden. Kinderförderung statt Eheförderung lautet der Grundgedanke. Kritisch sieht sie außerdem, dass Familien weitgehend über das Steuerrecht unterstützt werden. Denn davon profitierten besonders diejenigen Familien mit hohem Einkommen. "Das wollen wir umdrehen. Wir müssen Kinderarmut bekämpfen und Familien mit mittleren und niedrigeren Einkommen mehr unterstützen." Etwa Alleinerziehende, die besonderen Armutsrisiken ausgesetzt sind. "Dabei arbeiten Alleinerziehende sogar im Schnitt mehr Stunden als Frauen, die in einer Paarbeziehung leben", sagt Brantner. "Diese Ungerechtigkeit ist nicht nachvollziehbar und gehört abgeschafft" - beispielsweise durch Steuergutschriften auch für untere Einkommensgruppen und eine Erhöhung des Kinderzuschlags.

Moderne Familienpolitik ist aber deutlich mehr als Sozial- und Steuerpolitik für Familien - das ist Brantner wichtig. Es geht auch um den Ausbau der Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur. 300.000 Kitaplätze fehlten laut Experten, kritisiert sie. Genauso wie ein Gesetz, das die Qualität der Betreuung sichert. "Familien brauchen außerdem mehr Zeit füreinander, und Kinder müssen gezielter gefördert werden", fordert Brantner.

Schaut man sich Brantners Vita an, schien es lange auf eine akademische Karriere hinauszulaufen: Abitur am deutsch-französischen Gymnasium in Lörrach, Studium der Politikwissenschaften an renommierten Universitäten in Paris und New York, Beratungstätigkeiten für die Vereinten Nationen und dazwischen Aufenthalte in Tel Aviv und Washington. Für die Promotion in Mannheim kehrt die polyglotte Südbadenerin nach Deutschland zurück. 2009 kandidiert sie erfolgreich für das Europäische Parlament und wird außenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. 2013 wechselt sie von Brüssel nach Berlin. Im Bundestag vertritt sie den Wahlkreis Heidelberg.

Warum der Wechsel in die Parteipolitik? Eine Beratungsposition habe sie auf Dauer nicht zufriedengestellt. "Ich war immer politisch", unterstreicht die 38-Jährige. Mobilisiert wird sie im Wahlkampf 1998. "Der Kohl-Abwahlkampf", erinnert sie sich. Ein weiterer Schlüsselmoment sei das französische Referendum über die Europäische Verfassung im Jahr 2005 gewesen. Ihr sei klar geworden: "Wenn sich meine Generation nicht bewusst für die EU engagiert, dann bleibt es ein Projekt unserer Großeltern und Eltern."

Manchmal sind es für die selbst alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter auch kleinere Schritte, die zählen. So ist es beispielsweise gelungen, in dieser Legislatur einen Betreuungsraum für Kinder neben dem Plenarsaal einzurichten. Denn es gab im Parlament zwar einen Andachtsraum und einen Sportraum, erklärt sie, "einen kindgerechten Raum aber nicht". Außerdem können Bundestagspolitikerinnen seit dieser Wahlperiode offiziell angeben, wenn sie im Mutterschutz sind. "Jetzt können wir dokumentieren: Ich lag nicht faul im Garten, sondern habe mich um ein Neugeborenes gekümmert."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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