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Susanne Kailitz
Im zweiten Anlauf

Die Zahl der Stieffamilien in Deutschland steigt - damit verändert sich zunehmend auch das Bild von Elternschaft

Manchmal fragt sich Eva Daubner, (Familienname geändert) warum sie sich das alles antut: das ständige Planen, Verhandeln, Absprechen, das so viel Zeit und Nerven kostet. Wenn sie dann alle ihre Jungs bei sich hat, fällt es ihr wieder ein. "Das ist meine Familie. Die ist chaotisch und nervig und anstrengend, aber das Beste, was ich im Leben habe."

Eva Daubner lebt ein Familienmodell, wie es immer mehr Menschen praktizieren: Patchwork. Das heißt, dass ihre beiden Söhne, die sie mit ihrem früheren Mann hat, im halbwöchentlichen Wechsel bei ihr und dem leiblichen Vater leben. Sie selbst hat einen neuen Partner und mit dem einen kleinen Sohn. Ihre großen Kinder leben in der "Papazeit" mit dem Vater, seiner neuen Frau und deren Tochter zusammen. Seit fünf Jahren besteht dieses Modell - und inzwischen hätten sich alle Beteiligten damit arrangiert, erzählt die 35-Jährige. Aber dennoch: "Patchwork ist einfach kompliziert."

Doch es kommt immer häufiger vor: Je nach Datenquelle seien etwa sieben bis 13 Prozent der Familien in Deutschland Stief- beziehungsweise Patchworkfamilien, schreibt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSJ) in seinem Bericht "Stief- und Patchworkfamilien in Deutschland". Als Stieffamilie wird darin eine "auf Dauer bemühte Lebensgemeinschaft" definiert, "in die mindestens einer der Partner mindestens ein Kind aus einer früheren Partnerschaft mitbringt, wobei das Kind beziehungsweise die Kinder zeitweise auch im Haushalt des jeweils zweiten leiblichen Elternteils leben kann beziehungsweise können". Wie viele dieser Familien es in Deutschland gibt, ist nur schwer zu messen, da die Zählung sowohl verheiratete Paare, nichteheliche Lebensgemeinschaften, eheliche oder nichteheliche Paare mit getrennten Haushalten sowie Alleinerziehende einschließt. Fest steht jedoch eines: Der Anteil an Stieffamilien ist in den neuen Bundesländern deutlich höher als in den alten. Die Forscher schreiben im Bericht des BMFSJ, dies lasse sich mit der Tatsache begründen, dass im Osten Deutschlands häufiger Ehen geschieden und damit auch öfter neue Familienkonstellationen entstehen würden.

Nicht erste Wahl Für Eva Daubner war Patchwork nicht die erste Wahl. "Wenn man jemanden heiratet und gemeinsam ein Kind bekommt, wünscht man sich, dass diese Familie für immer hält. Dass es bei mir nicht so war, habe ich als Scheitern wahrgenommen. Aber wenn man nicht für immer allein bleiben will, muss man das machen, was man sich so freiwillig nie ausgesucht hätte: eine Patchworkfamilie gründen." Weil ihr das Wohl ihrer beiden Söhne wichtig gewesen sei, habe sie sich nach der Trennung mit deren Vater die Betreuung geteilt. "Die Jungs brauchen beide Elternteile. So ein Modell, in dem sie ihren Vater nur einmal pro Woche und alle zwei Wochen am Wochenende sehen, hätte für uns nicht funktioniert, dafür war mein Ex einfach ein zu aktiver Vater." Sich das einzugestehen, sei nicht immer leicht gewesen. "Für mich als Mutter wäre es definitiv leichter gewesen, wenn die Kinder komplett bei mir geblieben wären. Ich hätte Unterhalt bekommen und mich nicht permanent mit jemandem abstimmen müssen, mit dem ich ja aus guten Gründen nicht mehr zusammenleben wollte." Das sei aus ihrer Sicht vielleicht die größte Herausforderung am Patchwork: "Man wird den Ex-Partner nicht los, auch wenn man längst in einer neuen Beziehung lebt."

Das mussten sowohl Daubners neuer Partner als auch die neue Freundin ihres Ex-Mannes erfahren. "Wir haben denen sehr deutlich gemacht, dass das unsere Realität ist - und wenn sie das nicht akzeptiert hätten, hätten die neuen Beziehungen keinen Bestand gehabt."

Doch auch für Daubner und ihren früheren Mann bedeutete die Erweiterung der Familie Zumutungen, die nicht leicht zu verdauen waren. "Meine Söhne leben die Hälfte der Woche mit einer anderen Frau zusammen, die sich um sie kümmert und zu der sie eine Bindung haben. Natürlich tut das am Anfang irre weh." Auch der leibliche Vater der Kinder habe am Anfang ein Problem damit gehabt, dass seine Jungs eine neue männliche Bezugsperson gehabt hätten. "Da gab es auch viel Krach. Inzwischen haben wir eine goldene Regel: Das letzte Wort haben die leiblichen Eltern. Wenn wir irgendetwas entschieden haben, gilt das - und die Bonuseltern sind raus bei der Mitsprache." Wichtig sei das Vertrauen, dass es allen Beteiligten um das Wohl der Kinder gehe.

Solche neuen Wege erarbeitet auch die Psychologin Katharina Grünewald, die sich auf die Beratung von Patchworkfamilien spezialisiert hat, mit ihren Klienten. "Wichtig ist die Einsicht, dass Patchworkfamilien ganz anders funktionieren als klassische Kernfamilien, die aus Vater, Mutter, Kind bestehen", sagt sie. "Die sind nicht besser oder schlechter, sie sind aber ein anderes System." Der Grundfehler sei, zu glauben, man könne mit der Patchworkfamilie quasi im zweiten Anlauf den ursprünglichen Plan verwirklichen. "Patchwork ist Plan B und kann gar nicht das ,normale' Familienleben sein. Wenn man das anerkennt, kann Patchwork für Eltern und Kinder aber ein genauso glückliches und normales Familienleben bereithalten wie die klassische Kernfamilie."

Davon ist auch Harald Rost überzeugt. Der stellvertretende Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg sagt, man wisse in Deutschland noch nicht viel über Patchworkfamilien, weil es bisher kaum Studien dazu gebe. Sicher aber sei, dass es sich dabei um "hochkomplexe Gebilde" handele, deren Zahl in den kommenden Jahren vermutlich zunehmen werde. Denn: "Die Scheidungsraten sind konstant hoch, bei immer weniger Eheschließungen sind beide Partner vorher ledig." Die Forscher würden zudem ein Auseinanderfallen der verschiedenen Elternrollen beobachten: biologische, soziale und rechtliche Elternschaft seien längst nicht mehr zwangsläufig identisch.

Ob es den Kindern in den Patchwork-Konstellationen genauso gut, schlechter oder gar besser geht als in der traditionellen Kernfamilie? Darauf kann Harald Rost heute noch keine Antwort geben. Der Forscher sieht aber Hinweise darauf, "dass es entscheidend für das Kindeswohl ist, wenn die leiblichen Eltern auch nach der Umbildung der Familie noch kooperieren". Für die neuen, zusammengesetzten Familien könne der Start einfacher sein, wenn er "auf neutralem Boden", also in einer neuen Wohnung stattfinde. Auch der Bamberger Soziologe Laszlo Vaskovics, der viele Jahre zu Patchworkfamilien geforscht hat, hat in seiner Studie "Pluralisierung von Elternschaft und Kindschaft" festgestellt, dass die Bedeutung der Blutsverwandtschaft abnehme und Kinder heute immer häufiger in ihrem Leben mehrere Mütter oder Väter haben könnten, zu denen jeweils nur eine genetische, biologische oder soziale juristische Beziehung bestehe. Die offiziellen Funktionen der Eltern seien Kindern tendenziell egal: Für sie sei vor allem wichtig, wer sich wirklich um sie kümmere.

Fehlendes Puzzleteil All das sind Erfahrungen, die Eva Daubner unterschreiben würde. Sie ist inzwischen davon überzeugt, dass es neben den vielen Absprachen und Regeln, an die sich alle Beteiligten im Patchwork-Arrangement halten müssen, auch das Bauchgefühl ist, dem man trauen sollte. "Bevor ich meinen jüngsten Sohn bekommen habe, habe ich mich gefragt, ob ich meinen älteren Kindern damit zu viel zumute - ein Geschwisterchen, das einen anderen Vater hat und für das dann natürlich auch ein Stück weit andere Regeln gelten." Doch gerade die Söhne seien es gewesen, die sie ermuntert hätten: "Die beiden haben immer wieder gefragt, wann ich endlich nochmal ein Baby bekomme." Heute sei sie froh, die Entscheidung so getroffen zu haben. "Der Kleine bringt einfach Freude - es ist, also ob er das letzte Puzzleteil war, das es gebraucht hat, unsere ganz unterschiedlichen Teile in ein perfektes Ganzes zu bringen."

Jetzt wünscht die Berlinerin sich noch mehr Normalität - auch in der Wahrnehmung von Patchwork. "Manchmal ist es mühsam, wenn man in der Schule immer wieder erklären muss, wer hier wie mit wem zusammenhängt. Da ist man immer wieder der Paradiesvogel und wird gelegentlich richtig mitleidig angeschaut." Auch manche Rechtsvorschriften seien in der Theorie vielleicht gut, würden aber den Alltag der neuen Familien nicht abbilden. "Man kann ein Kind bis heute nicht gleichberechtigt an zwei Wohnsitzen anmelden, obwohl es bei Mutter und Vater gleichermaßen lebt."

Um dem Rechnung zu tragen, haben die Daubners einen Sohn bei ihr und einen beim Vater angemeldet. "Als ich unterschrieben habe, dass mein Achtjähriger bei mir nur seinen Nebenwohnsitz hat, habe ich mich wie die allerletzte Rabenmutter gefühlt. Und geheult wie ein Schlosshund." In solchen Momenten helfe es, sich wieder ins häusliche Chaos zu stürzen und sich auf den neuen Lebensentwurf einzulassen. "Auch wenn es anstrengend ist: Es ist nie langweilig - und meistens wirklich schön."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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