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GEBURTEN
Stefan Uhlmann
Mehr Kinder

Die Zahl der Neugeborenen pro Frau in Deutschland steigt wieder an, liegt aber weiter unter der der Sterbefälle. Im europäischen Vergleich ist der Zuwachs eher bescheiden

Es ist ein Signal der Hoffnung. Frauen in Deutschland bringen wieder mehr Kinder auf die Welt. Vor allem ausländische Frauen sorgen für den Anstieg der Geburtenrate. Im europäischen Vergleich ist sie aber weiter unterdurchschnittlich. Auch reicht die Zahl der Neugeborenen nicht, um die Alterung der Bevölkerung aufzuhalten. Die Politik hat in den vergangenen Jahren viel für Familien und Kinder getan.

2015 - dem Jahr, für das die aktuellsten Zahlen vorliegen - erreichte Deutschland erstmals seit der Wiedervereinigung wieder eine Geburtenrate von 1,5 Kindern je Frau. In der alten Bundesrepublik wurde dieser Wert zuletzt 1982, im Ostdeutschland 1990 registriert. Seit 2012 geht es langsam bergauf. Um die Bevölkerungszahl aufrecht zu erhalten, müsste jede Frau allerdings im Schnitt 2,1 Kinder bekommen, wenn man die Zuwanderung außen vor lässt.

Expertenstreit um die »Pille« Mitte der 1960er Jahre lag die Geburtenrate in West und Ost noch bei 2,5. Darin spiegelten sich die geburtenstarken Jahrgänge der 1930er Jahre wider, die nun selbst Kinder bekamen. Danach sanken die Zahlen rapide, im Westen ab 1967, im Osten schon ab 1964. Nun war die dezimierte Kriegsgeneration in das Alter gekommen, Nachwuchs in die Welt zu setzen.

Der Einfluss der Antibabypille auf die sinkenden Geburtenzahlen ist unter Experten umstritten. Der "Pillenknick" habe den Babyboom beendet, sagen die einen. Andere halten das für einen Mythos. Sie verweisen darauf, dass die Pille im Westen ab 1961 verfügbar war, die Geburtenzahl dann aber noch sechs Jahre lang stieg. In der DDR wiederum wurde das Verhütungsmittel 1965 eingeführt, also zu einem Zeitpunkt, als schon weniger Kinder zur Welt kamen. In Westdeutschland ging die Geburtenrate bis Mitte der 1980er Jahre auf 1,3 zurück. Frauen bekamen weniger und später Kinder. 1990 wurden im Westen 1,45 Kinder je Frau geboren, danach pendelte sich der Wert auf 1,4 ein. In der DDR sorgten in den 1970er Jahren umfangreiche Fördermaßnahmen wie massiver Wohnungsneubau, zinslose Ehekredite, der Bau von Kindergärten sowie voll bezahlter Schwangerschaftsurlaub und ein voll bezahltes "Babyjahr" ab dem zweiten Kind für einen zeitweiligen Anstieg der Geburtenzahl. 1980 lag die Rate bei 1,94 Kindern je Frau, ehe sie wieder sank. Die Unsicherheit der Nachwendezeit ließ die Rate drastisch auf 0,77 bis 1994 sinken. 2007 wurde mit 1,37 wieder das Westniveau erreicht; ab 2008 wurden im Osten mehr Kinder je Frau geboren als im Westen.

Das ist auch heute noch so. Laut Statistischem Bundesamt brachte eine Frau 2015 in den ostdeutschen Ländern im Schnitt 1,56 Kinder zur Welt, im Westen Deutschlands sind es 1,50. Spitzenreiter ist Sachsen mit einer Rate von 1,59, Schlusslicht das Saarland mit 1,38. Rund 738.000 Kinder erblickten 2015 bundesweit das Licht der Welt, immerhin 75.000 mehr als noch 2011. Dem standen allerdings 925.000 Sterbefälle gegenüber.

So erfreulich der Zuwachs bei den Geburten auch ist, so bescheiden ist er im europäischen Vergleich; hier gebar 2015 eine Frau im Durchschnitt 1,58 Kinder. Mit 1,96 Kindern je Frau lag Frankreich laut der Statistikbehörde Eurostat an der Spitze, gefolgt von Irland (1,92), Schweden (1,85) und Großbritannien (1,80). Am unteren Ende der Skala rangieren Portugal (1,31), Polen und Zypern (1,32), Spanien (1,33) und Italien (1,35), also vor allem Länder im Süden des Kontinents.

Trendwende Die Bundesrepublik hat jedoch gute Chancen aufzuholen. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erwartet, dass 1973 geborene Frauen im Schnitt 1,56 Kindern neues Leben schenken. Für nachfolgende Jahrgänge soll die Quote auf 1,6 steigen. Die Forscher sprechen von einer Trendwende, auch wenn man vom Wert von 2,1 noch weit entfernt wäre. Den erreichten zuletzt Frauen, die Mitte der 1930er Jahre geboren wurden. Noch deutlich darüber lag die Geburtenrate in Deutschland 1870 mit 4,7; um die folgende Jahrhundertwende betrug sie noch 4,0. Im Ersten Weltkrieg brach sie auf 2,0 ein, ehe sie wieder stieg.

80 Prozent aller Frauen in Deutschland werden Mutter, konstatierte das Statistische Bundesamt in seinem jüngst vorgestellten Mikrozensus 2016, für den die Frauen zu dritten Mal seit 2008 zur Geburt von Kindern befragt wurden. Überdurchschnittlich hoch ist danach die Kinderlosigkeit in Stadtstaaten, dort erreicht sie den doppelten Wert wie im Durchschnitt der ostdeutschen Flächenländer. Bei Akademikerinnen sinkt die Kinderlosigkeit, während sie bei in Deutschland geborenen Frauen mit nicht-akademischem Bildungsabschluss zunimmt. Anders ist das bei Zuwanderinnen mit niedrigem Bildungsniveau. Bei höheren Abschlüssen gibt es hingegen keinen Unterschied.

Die dominierende Familienform stellen mit 68 Prozent immer noch Ehepaare mit Kindern, wenn auch mit abnehmender Tendenz. 2008 waren es noch 71 Prozent, 1996 sogar 79 Prozent. Der Anteil der Alleinerziehenden ist mit 23 Prozent (2008: 22 Prozent) etwa gleich geblieben. Deutlich mehr Kinder wachsen heute in Lebensgemeinschaften auf: Acht Prozent sind es 2016 gewesen; 2008 waren es sieben Prozent, vor 20 Jahren nur vier Prozent. Generell bekommen Verheiratete öfter mehrere Kinder, Lebensgemeinschaften haben häufiger jüngere und Alleinerziehende ältere Kinder.

Mit der Wiedervereinigung trafen zwei familienpolitische "Regime" aufeinander, wie Professorin Irene Gerlach von der Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in einer Studie konstatiert. Aus der DDR kam das die Erwerbstätigkeit von Müttern fördernde Modell, in der Bundesrepublik herrschte das mit monetären Maßnahmen verbundene System, das die väterliche Haupterwerbstätigkeit stützte. Die Konfrontation habe mehrere Impulse für die Familien- und Frauenpolitik mit sich gebracht und letztlich 1994 auch zu einer Verfassungsänderung geführt, schreibt Gerlach, die bis 2016 den Familienbeirat beim Familienministerium leitete. Hieß es im Artikel drei des Grundgesetzes bis dato nur, "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", kam nun der Satz hinzu: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."

Das Familienbild hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Dass Mütter kleiner Kinder arbeiten gehen, ist bundesweit zur Normalität geworden, ebenso, dass Kleinkinder in die Kita gehen und Väter Elternzeit nehmen. Der Staat hat dies mit vielen Maßnahmen gefördert, mit dem Elterngeld, Elterngeld Plus, Vätermonaten, vor allem aber mit dem Ausbau von Betreuungsplätzen. Seit August 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Platz für Kinder unter drei Jahren. In Westdeutschland hat sich die Zahl der Krippenplätze innerhalb von zehn Jahren verdreifacht, im Osten war die Infrastruktur aus DDR-Zeiten weitgehend erhalten geblieben.

Dachte man 2007, rund 750.000 Krippenplätze würden reichen, so gilt dies aufgrund der hohen Nachfrage längst nicht mehr. 763.000 Kinder unter drei Jahren gingen zum 1. März 2017 in eine Kita oder wurden von Tageseltern betreut. Das waren 41.300 mehr als im Vorjahr; dennoch suchen Eltern vielerorts fieberhaft nach einem Betreuungsplatz. Dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge fehlen bundesweit 293.000 Krippenplätze, 262.000 im Westen und 31.000 im Osten. 13 Prozent mehr Plätze müsste es geben, um den Bedarf zu decken: 14,8 Prozent in den westlichen und 7,3 Prozent in den östlichen Ländern.

Der Autor lebt als freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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