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Susanne Kailitz
Beim Bund fürs Leben sind Männer flexibler

Für Frauen kommt in der Regel die Wahl eines Mannes mit niedrigerem Sozialstatus nicht in Frage. Das Ziel einer »Ehe auf Augenhöhe« hat aber auch negative Folgen

Gleich und gleich gesellt sich gern: Das alte Sprichwort gilt mehr denn je - vor allem, wenn es um die Partnerwahl geht. Zu diesem Befund kommt der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld, der sich seit vielen Jahren beruflich mit dem Dating- und Heiratsverhalten der Menschen befasst.

Einst war das Heiraten durch die gesellschaftlichen Schichten hindurch vollkommen normal. Man denke nur an die vielzitierten Beispiele etwa des Arztes, der eine Krankenschwester ehelicht, oder des Unternehmers, der seine Sekretärin heiratet.

Massiver Wandel Heute ist das anders: Immer mehr Menschen setzen auf Partnerschaften auf Augenhöhe. Nach dem letzten Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes haben 61 Prozent der Paare den gleichen Bildungsabschluss. Arzt heiratet also Ärztin, Firmenchef ehelicht Unternehmerin. Dieser Befund ist Ergebnis eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels: Gab es früher massive Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Sachen Bildung und Qualifikation, weil der Anteil der ungebildeten Frauen viel höher war, ist die Zahl der weiblichen gut Qualifizierten in den vergangenen Jahrzehnten rasant gestiegen. "Bei den 1930er-Jahrgängen waren noch rund 60 Prozent der Frauen ungelernt", erklärt Soziologe Blossfeld, "heute haben die Frauen die Männer in Sachen Abitur und Studienabschluss nicht nur ein-, sondern stellenweise schon überholt." Früher hätten Männer in dem strukturellen Zwang gestanden, sich nach unten Partnerinnen zu suchen; das sei nun nicht mehr der Fall - die Auswahl unter Frauen mit akademischem Abschluss sei einfach immens gewachsen.

Doch diesem Wandel steht paradoxerweise an anderer Stelle ein Verharren in Traditionen entgegen: Für Frauen kommt in der Regel das so genannte Downdaten, also die Wahl eines Partners mit niedrigerem Bildungsstand und damit geringerem sozialen Status, nicht in Frage. Obwohl das Bild des Mannes als Familienernährer und Versorger an vielen Stellen ausgesorgt habe, würden viele Frauen noch immer nach einem Partner suchen, der diese Funktionen übernehmen könne, konstatiert Blossfeld. "Da wirken alte Normen und Vorstellungen unbewusst weiter. Den meisten Menschen ist das gar nicht klar. Das passiert, ohne dass es wahrgenommen wird." Bis heute könnten sich nur wenige wirklich vorstellen, dass etwa die Ärztin den Pfleger ehelicht.

Grundsätzlich sei eine Partnerschaft auf Augenhöhe auch eine vernünftige Sache, meinen Experten. Die "Tendenz zur Homogamie", wie Blossfeld das Phänomen nennt, bringe mehr Übereinstimmungen in Interessen und Werten: Es fällt uns leichter, uns in Menschen zu verlieben, die ähnlich denken und leben. Denn das führt im Alltag zu wesentlich weniger Reibungen und Konflikten. Zudem sprechen Soziologen bei der Partnerwahl von so genannten Gelegenheitsstrukturen: Wenn das Geschlechterverhältnis an Universitäten ausgeglichen ist, steigt auch die Chance, hier den Partner fürs Leben zu finden. Warum sich noch in der Arbeiterkneipe umsehen, wenn die Auswahl schon im Hörsaal groß genug ist?

Doch dieses Paarungsverhalten hat durchaus unerwünschte Folgen. Es verstärkt beispielsweise den Unterschied zwischen Arm und Reich. Zu diesem Schluss kam bereits vor einigen Jahren eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): Mit dem doppelten Verdienst von Spitzenverdiener-Paaren vergrößerten sich die Einkommensunterschiede zwischen reichen und armen Haushalten immer weiter. Die OECD benannte 2011 die "Tendenz zur Paarung unter Gleichen" als einen Grund für die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft. Auch die soziale Durchmischung werde davon gebremst: Bot eine Eheschließung früher häufig die Chance auf sozialen Aufstieg, bleiben die sozialen Schichten heute unter sich.

Und immer mehr Menschen bleiben deshalb auch allein: Weil Männer heute eine größere Auswahl an gut qualifizierten Frauen haben, sich aber auch tendenziell mit der Verpartnerung nach unten leicht tun, können sie unter vielen Kandidatinnen auswählen. Bei den Frauen ist es anders: Weil sie nur selten Männer mit niedrigerem Bildungsstandard wählen, gehen vor allem die Akademikerinnen häufiger leer aus und heiraten überhaupt nicht.

Ohne Antwort "Die größten Single-Quoten finden wir unter unqualifizierten Männern und hochqualifizierten Frauen", sagt Blossfeld; daran ändere auch das Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, zu anderen Kreisen Zugang zu finden, nicht viel. Dass auch hier die Strukturen aus dem analogen Leben wirkten, sei zuallererst den Frauen zuzuschreiben: "Viele Männer mit geringer Bildung haben auf Dating-Portalen kein Problem damit, Frauen mit Abitur oder Hochschulabschluss anzuschreiben. Von denen bekommen sie aber in der Regel keine Antwort."

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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