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Kind Und Karriere
Claudia Heine
In der Perfektionsfalle

Solange Vereinbarkeit von Familie und Beruf Frauensache ist, bleibt die Lastenverteilung einseitig

Unter Gesundheitsrisiken verstehen die meisten Menschen Nikotin, Alkohol und ungesunde Ernährung. Doch vor drei Jahren fügte das Müttergenesungswerk anlässlich seiner Jahrespressekonferenz der Liste ein weiteres Risiko hinzu: das Muttersein. Aufgeführt wurde die Tatsache, dass die Zahl der Mütter, die wegen Erschöpfungszuständen an einer Kurmaßnahme teilnehmen, in den vergangenen Jahren um fast 40 Prozent gestiegen ist.

Markus Erhart leitet die Fachklinik St. Marien, gelegen in einem idyllischen Ort im Allgäu; die Kurklinik gehört zum Müttergenesungswerk. In den Körpern und Köpfen der Frauen, die zu Erhart kommen, herrscht alles andere als Idylle. St. Marien ist eine von nur fünf Kliniken in Deutschland, die reine Mütterkuren anbietet und nicht die ansonsten verbreiteten Mutter-Kind-Kuren. "Viele Frauen brauchen gezielt Zeit für ihre Regeneration, ohne die direkte Verantwortung für die anwesenden Kinder", sagt Erhart, der auch viele Veränderungen beobachtet: "Die meisten Frauen, die heute zu uns kommen, sind gut ausgebildet und berufstätig. Das war vor 25 Jahren noch ganz anders." Allein von 2011 bis 2016 sei die Zahl der Patientinnen um 35 Prozent auf 1.083 pro Jahr gestiegen. 80 Prozent von ihnen klagten über Erschöpfungszustände bis hin zum Burnout, Schlafstörungen, Angstzustände und depressive Episoden. Vor 15 Jahren seien noch körperliche Beschwerden die Hauptleiden gewesen, berichtet der Klinikleiter.

Gute Ausbildung Warum ist das so? Schaut man sich die Entwicklung der Erwerbsbeteiligung von Frauen an, scheint eine einfache Antwort auf der Hand zu liegen. Immer mehr Frauen verfügen heute über eine sehr gute Berufsausbildung. Arbeiten zu gehen, ist für sie selbstverständlich, auch wenn sie Mütter kleiner Kinder sind. Den Wandel zeigt auch ein Blick auf die Zahlen. 1990 arbeitete im Westen Deutschlands nur jede zweite Frau, Mütter kleinerer Kinder waren kaum darunter. 2005 waren bundesweit rund 63 Prozent aller Frauen berufstätig, 2014 schon 73 Prozent. Dazwischen, im Jahr 2007, wurde das Elterngeld eingeführt. Eine Reform des Unterhaltsrechts 2008 signalisierte den Ehefrauen außerdem, besser berufstätig zu sein, da eine Ehe nun nicht mehr als lebenslanges Absicherungsmodell taugte. Aber auch auf noch intakte Familien ist der ökonomische Druck gewachsen. Jana Z., Mutter dreier Kinder, arbeitet als Zahnarzthelferin in Berlin. Sie sagt: "Nach dem dritten Kind brauchten wir eine größere Wohnung. Unabhängig davon, dass ich gerne arbeite: Ein Gehalt reicht nicht."

Das alles ist ganz im Sinne der Arbeitgeber, die schon seit Jahren für eine bessere "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" trommeln. Freilich auch aus eigennützigem Interesse: Es geht ihnen um die "Hebung des Arbeitskräftepotenzials", wie es so schön heißt.

Das ist keinesfalls neu: Die Tatsache, dass 1990 rund 90 Prozent der Frauen in der DDR berufstätig waren, hatte nicht zuletzt seine Ursache im großen Arbeitskräftebedarf der Industrie.

Die Berufstätigkeit der Frau ist also eine politische und wirtschaftliche Zielsetzung geworden, die sich zu erfüllen scheint. Doch die Sache hat einen Haken, der wiederum ein neues politisches Ziel generiert: Mehr als die Hälfte der Frauen arbeitet "nur" Teilzeit. Spätestens seit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) für ein "Rückkehrrecht auf Vollzeit" kämpfte, ist das Wort von der "Teilzeitfalle" in aller Munde. Viele Mütter stecken dort fest, weil sie keinen Anspruch haben, ihre einmal reduzierte Arbeitszeit wieder zu erhöhen. Für Alleinerziehende und Mütter mit niedrigeren Verdiensten kann das jedoch, auch im Rentenalter, existenzielle Folgen haben, wenn sie längerfristig in einem 20-Stunden-Job feststecken. In einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) heißt es dazu: 36 Prozent der erwerbstätigen Mütter in Paarhaushalten und 44 Prozent der Alleinerziehenden würden ihre Wochenarbeitszeit gerne erhöhen. Das bedeute aber nicht, dass sie sich eine Vollzeittätigkeit wünschen. Es gehe ihnen vielmehr um die "erweiterte Teilzeit", also rund 30 Wochenstunden.

Rolle der Männer Auf der anderen Seite stecken viele Väter in der "Vollzeit-Falle" fest. Sie würden gerne etwas weniger arbeiten, die Firma ermöglicht ihnen das aber nicht. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist jedoch keine Einbahnstraße. Sie einzufordern und sich dabei recht einseitig auf die Rolle der Frau zu konzentrieren, bedeutet, die Frauen den Preis dafür zahlen zu lassen. "Sie stehen unter dem Druck widersprüchlicher Anforderungen, entweder Familie oder Beruf den Vorrang geben zu müssen. Sie können es keinem recht machen", erläutert Yvonne Lott, die für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung den Wandel der Erwerbsarbeit erforscht. Sie sagt: "Abgesehen von einem Rückkehrrecht auf Vollzeit liegt der Schlüssel im Engagement der Männer im Haushalt, bei Kinderbetreuung und Pflege. Übernehmen sie hier mehr Verantwortung, können die Frauen entlastet werden, die häufig durch Job und Familie überfordert sind." Doch hier liefert der aktuelle Gleichstellungsbericht der Bundesregierung ernüchternde Ergebnisse, zeigt er doch, dass der Anteil der Haus- und Erziehungsarbeit bei Frauen deutlich über dem Wert der Männer liegt.

Und die Frauen? Sie müssen sich auch davon befreien, es allen recht machen zu wollen: "Sie stecken zu oft in der Perfektionsfalle, super Mutter, attraktive Partnerin und toll im Job sein zu wollen", beobachtet Klinikleiter Erhart. Darin spiegelt sich auch die Erwartungshaltung einer Gesellschaft, in der nur noch zählt, was noch toller, noch spannender ist. Mit den Bedürfnissen von Kindern hat das übrigens wenig zu tun.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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