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WOHNEN

Zusammen ist man weniger allein

Im Berliner Haus Eisenzahn leben Senioren neben Singles und Familien. So weit, so normal - doch hier war das generationenübergreifende Gründungsidee

Annegret Kern-Zoza hat Blaubeerkuchen gebacken. "Mit ganz wenig Mehl, kaum Zucker und vielen Nüssen", sagt die drahtige 72-Jährige sichtlich stolz an ihre Nachbarin gerichtet. Herta Singh kapituliert. Eigentlich hat sie gerade erst Kaffee getrunken und mittags schon Kuchen muss auch nicht sein. "Aber nur ein kleines Stück, bitte", sagt sie. Ein Mal im Monat lässt sich Singh von der Physiotherapeutin Kern-Zoza behandeln, was der über 80-Jährigen genauso so gut tut wie der Plausch, der die Treffen begleitet. Schließlich war dieser unkomplizierte Austausch von Stockwerk zu Stockwerk einer der Hauptgründe, warum sich Singh und ihr Mann für eine Wohnung im Haus Eisenzahn entschieden haben. Für das Mehrgenerationenprojekt im Berliner Westen, in einer ruhigen Seitenstraße zum Hohenzollerndamm, haben sie nach langem Überlegen ihr Haus mit Garten aufgegeben. "Wir wollten zwar ursprünglich näher zum Kudamm, hier aber haben uns Konzept und Preis überzeugt", erzählt sie. Singh, wache Augen, wellige Kurzhaarfrisur und von eher kleiner Statur, war von Anfang an eine der "Mütter" des Projekts. Gestartet als Baugruppe, begleitet von der Bürgerstadt AG und konzipiert vom Architekturbüro Feddersen, ist auf sechs Stockwerken ein Haus mit 31 Wohnungen entstanden. Die Gesamtanlage ist von der Eingangsrampe über die Bäder, Terrassenzugänge und dem Weg durch den Dachgarten barrierefrei, in ihr leben Familien, Senioren und Singles.

Damit versuchen die Bewohner eine Gemeinschaft herzustellen, die früher normal war: Verschiedene Generationen leben unter einem Dach, kommen mindestens miteinander aus und unterstützen sich im besten Fall gegenseitig. Mehrgenerationenwohnen wirkt dabei nicht nur der Anonymität der Großstadt und der Einsamkeit im Alter entgegen, es ergibt auch wirtschaftlich Sinn und kann Kosten sparen, wie der Immobilienwissenschaftler Tobias Just von der International Real Estate Business School an der Universität Regensburg bestätigt:. Ein solcher Zusammenhalt sei inzwischen längst mehr als "nice to have", sagt der Ökonom. In ihrer Gesamtheit könnten Projekte wie Mehrgenerationenwohnen und Nachbarschaftshilfen Pflegesysteme deutlich entlasten.

Ältere treiben die Projekte voran Indes, so einleuchtend das Konzept scheint, so schwer ist seine Entwicklung zu verfolgen. Das liegt vor allem daran, dass der Begriff Mehrgenerationenwohnen alles sein kann: von der Wohnung mit bodengleicher Dusche bis hin zum von der gemeinschaftlichen Idee getragenen Projekthaus, initiiert von Privatmenschen, Genossenschaften, kirchlichen Trägern oder renditebewussten Investoren. "Karriere machte das Thema so etwa ab der Jahrtausendwende, parallel zur Diskussion über den demographischen Wandel und Maßnahmen zur Altersvorsorge", sagt Winfried Hammann. Der Stadtsoziologe ist Vorstand des Projektentwicklers Bürgerstadt AG, der seit Jahren derartige Vorhabenbegleitet. Auch das Haus Eisenzahn fußt auf Impulsen der Bürgerstadt AG. Die Wissenschaftlerin Ricarda Pätzold, die am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) unter anderem zu Potenzialen gemeinschaftlichen Wohnens forscht, bestätigt indirekt diesen Zusammenhang. Häufig würden ältere Bürger solche Projekte vorantreiben, sagt sie. "Die Familien steigen später ein."

Beim Haus Eisenzahn war das nicht anders. Erst als Detailpläne zu Architektur und Design entstanden, hätten sich jüngere Interessenten gemeldet, erinnert sich Architekt Stefan Drees. "Man sieht es nicht und man soll es auch nicht sehen", fasst der Mitinhaber des Büros Feddersen den Grundgedanken der Barrierefreiheit zusammen. Drees und seine Kollegen zählen zu den wenigen Architekturbüros bundesweit, die sich auf altersgerechtes Wohnen spezialisiert haben. An der straßenseitigen Fassade des Haus Eisenzahn sind die Balkone leicht geschwungen und federn die Wucht der gegenüberliegenden Seite ab, wo die Deutsche Rentenversicherung sich niedergelassen hat. Zum Garten hin laufen die Balkone über Eck, was das Gebäude offen und freundlich erscheinen lässt. Die bodengleichen Duschen und tiefen Fenster in den Wohnungen gelten längst mehr als schick denn seniorengerecht.

Die Möglichkeit, kompakte Wohnungen zu kombinieren, machte das Projekt zusätzlich attraktiv für Familien: Die Architekten haben die Einzelobjekte als Module in vier verschiedenen Ausprägungen angelegt, so dass Einheiten je nach Lebensabschnitt vergrößert oder verkleinert werden können. Durch alle Türoffnungen passt bequem ein Rollstuhl. Weil das Haus Eisenzahn in mehreren Dimensionen modellhaft ist, überzeugt es auch durch Energieeffizienz und hochwertige Materialien. Zwei Jahre nach dem Einzug der Erstbewohner sind tatsächlich noch keinerlei Abnutzungsspuren zu erkennen, selbst der ständig benutzte Aufzug sieht aus wie neu. Es gibt halb so viele Tiefgaragenplätze wie Wohnungen, dafür mehr als 70 Fahrradstellplätze. Die Kosten für das 2015 fertiggestellte Gebäude lagen bei 3.200 Euro je Quadratmeter Wohnfläche.

Zu damaliger Zeit lag dies im markt- und lageüblichen Rahmen - bezahlbar noch genau für die eigentumswillige Mittelschicht, die in Großstädten mittlerweile schon an den Grundstückspreisen scheitert. So gelang bei der Bewohnerstruktur eine Mischung mit guten Voraussetzungen für den Mehrgenerationen-Gedanken: Ein Drittel sind junge Eltern mit Kindern, ein Drittel Ältere beziehungsweise Rentner; ein Drittel liegt dazwischen, auch Rollstuhlfahrer sind dabei.

Entsprechend engagiert war die Gemeinschaft gestartet. "Schon während der Bauphase haben wir uns zu einem Stammtisch getroffen, um uns kennenzulernen und bei konkreten Bau-Fragen auszutauschen", erzählt Singh. Beim Einweihungsfest gründete sich eine Garten-AG, beim Bau eines Sandkastens lernten sich Familienväter und alleinstehende Rentner kennen. Der mit sibirischer Lärche durchwegte Dachgarten sollte ebenso als unkomplizierter Treffpunkt dienen wie die Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss. Zwei Jahre später ist der Anfangszauber nüchterner Alltagsrealität gewichen. "Ich hätte mir von dem Stammtisch mehr erwartet", erklärt Singh beispielsweise. Sie hat die Organisation des monatlichen Treffens vor kurzem abgegeben. Es sei sehr bei konkreten Problemlösungen geblieben, anstatt Projekte und Ideen darüber hinaus anzuschieben.

Ohnehin sei der Kreis zwar verbindlich, aber konstant klein in Anbetracht der Zahl der Hausbewohner, findet Herta Singh. Zum Teil liegt das an der Bewohnerstruktur - Familien mit zwei berufstätigen Eltern stehen in der Regel unter Zeitdruck, freie Zeiten sind bei ihnen eher rar gesät. Andere, ungebundene Menschen wie Annegret Kern-Zoza sind häufig über längere Zeiten verreist und bringen sich eher spontan ein.

Difu-Wissenschaftlerin Pätzold wundert sich nicht über die Entwicklung in der Eisenzahnstraße. "Es gibt immer einen Unterschied zwischen dem Wollen und dem, was man in der Praxis hinkriegt", sagt sie. Der Anspruch sei zwar hehr, unter einem Dach in einer Art Wahlverwandtschaft zu leben. Allerdings hänge damit die Latte auch hoch. Zudem würden die Vorstellungen vom Angestrebten häufig doch voneinander abweichen: Nähe und Nachbarschaft sind subjektiv definierbare Begriffe. Einer der Punkte, an denen sich schnell Herausforderungen kristallisierten, sei der Lärm - Ältere, die aus dem Eigenheim-Leben kommen, spüren bei Geräuschen in der Regel andere Toleranzgrenzen als vom Spielplatz abgehärtete Mehrfacheltern.

Im Haus von Singh und Kern-Zozo kommt dazu, dass mehr Eigentümer als gedacht ihre Wohnung als Kapitalanlage sehen und vermieten - worauf die als Baugruppe organisierten Mitstreiter keinen Einfluss haben. Dies unterscheidet Baugruppen nach den Erfahrungen von Architekt Drees etwa von Genossenschaften, die noch stärker auf den gemeinsamen Grundgedanken bauen und denen eben eine verbindliche Rechtsform zugrunde liegt. "Viele der Mieter kennt man gar nicht so", sagt Singh. Sie blieben häufig für sich, von Aus- und Einzügen bekommt die Hausgemeinschaft höchstens zufällig etwas mit.

Stabile Alltagsstimmung Die Bürgerstadt AG versucht bei ihren Projekten, über die Auswahl der Interessenten eine Mischung aus alt und jung, Familien, Paaren und Singles herzustellen. An Bewerbern mangelt es dem als alternativen Projektentwickler gestarteten Bündnis nicht: In kaum einer Stadt sind die Wohnungs- und Mietpreise in so kurzer Zeit so angestiegen wie in Berlin. Baugruppen mit einer Eigentümerstruktur wie beim Haus Eisenzahn wären in zentralen Lagen nicht mehr möglich; wer sich noch einbringen möchte bei Idee und Gestaltung, muss deutlich weiter raus, Kompromisse auch bei der Mikrolage machen und tiefer in die Tasche greifen. Für ihr neues Mehrgenerationenprojekt gelang es der Bürgerstadt AG, sich ein Grundstück im Südwesten der Stadt zu sichern, zurückversetzt von einer vielbefahrenen Straße - lange vor dem Baustart waren fast alle Wohnungen weg. Auch hier planen die Entwickler eine Verbindung der Idee mit architektonischen Impulsen. "Man muss den Hebel in den Köpfen umlegen", sagt Hammann.

Schließlich brauche es auch bei idealen Voraussetzungen langfristig Menschen, die eine Idee im Konkreten vorantreiben. Menschen wie Herta Singh. Ähnlich wie ihre Nachbarin Kern-Zozo hält sich ihre Enttäuschung über die Entwicklung im Haus Eisenzahn in Grenzen; vielmehr hat sich die Euphorie relativiert hin zu einer stabilen Alltagsstimmung. Die Gemeinschaftsräume werden genutzt, auf den Fluren wird geplauscht, die schnelle Nachbarschaftshilfe funktioniert. Wer am Schwarzen Brett oder über den E-Mail-Verteiler zum Spieleabend einlädt, kann sich auf eine volle Wohnung freuen - Kindergetobe inklusive. "Wenn eine Idee kommt, sind sie da", sagt Singh über ihre Mitbewohner. Die Garten-AG hat eine Seite der Grünfläche zum Kräuter- und Gemüsebeet gewandelt, handgeschriebene Schilder benennen die Pflanzen. Toben Kinder im Garten, freuen sich die anderen, Beschwerden sind selten. Der Dachgarten ist eingewachsen und wirkt ebenso gepflegt wie die gesamte Anlage. Nur Bewohner trifft man ungeachtet des milden, sonnigen Wetters und der erstaunlichen Ruhe nicht auf dem Dach an, überhaupt wirkt die Anlage verwaist. Annegret Kern-Zozo wundert das nicht. "Ehrlich gesagt, setze ich mich auch lieber auf meinen Balkon", sagt sie mit einem Schulterzucken. "Der Weg ist einfach kürzer."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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