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ALLEINERZIEHEND

In der Armutsfalle

In Ein-Eltern-Familien gibt es nur einen, der alle Lasten trägt. Das hat Folgen für die finanzielle, soziale und gesundheitliche Situation

Wie Armut sich anfühlt, weiß Christine Finke genau. Sie kennt den Moment, wenn einem nach dem Bezahlen von ausnahmsweise zwei Milchkaffee klar wird, dass sie für diese sechs Euro fast elf Liter Milch hätte kaufen oder zwei Mittagessen für die Kinder kochen können. "Was Armut mit Dir macht" ist einer von vielen Texten auf Finkes Blog mama-arbeitet.de - und ein Einblick in die Welt der vielen alleinerziehenden Eltern in Deutschland, den man in dieser Ehrlichkeit selten findet.

Christine Finke - freie Journalistin und Bloggerin, 51 Jahre alt, drei Kinder - gehört zu den mehr als 2,7 Millionen alleinerziehenden Eltern in Deutschland. Die übergroße Mehrheit von ihnen sind Frauen - fast 90 Prozent der Alleinerziehenden sind weiblich. Die Ein-Eltern-Familien kümmern sich um insgesamt 2,3 Millionen Kinder. Inzwischen lebt fast jedes fünfte Kind in Deutschland mit nur einem Elternteil zusammen, so hat es das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung berechnet - diese Quote habe sich seit Mitte der 90er-Jahre um rund 50 Prozent erhöht.

Alle Last bei einem Jede dieser Ein-Eltern-Familien ist unterschiedlich, jede hat ganz individuelle Geschichten und eigene Herausforderungen. Und doch ähneln sie sich in vielem - auch deshalb erfuhren die Texte auf Finkes Blog und das Buch "Allein, alleiner, alleinerziehend", das sie im vergangenen Jahr veröffentlicht hat, so große Aufmerksamkeit. "Im Grunde gibt es ein Hauptproblem, mit dem sich die meisten Alleinerziehenden herumschlagen", sagt Finke. "Das ist diese Mischung aus Zeit- und Geldnot." Das belegt die Statistik: Nach dem jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands gelten fast 44 Prozent der Alleinerziehenden als arm. Rund 40 Prozent Ein-Eltern-Familien sind auf Hartz IV angewiesen - bei Paarfamilien, in denen zwei Partner die Kinder aufziehen, ist der Anteil mit 7,3 Prozent deutlich kleiner. Dabei sind die alleinerziehenden Mütter mit etwa 60 Prozent berufstätig - weil sie aber häufig in schlecht bezahlten Jobs sind und aufgrund der eingeschränkten Kinderbetreuungsangebote oft in Teilzeit arbeiten müssen, reicht das Geld in vielen Fällen nicht für ein Leben außerhalb der Armut. Dazu kommt: Kinder sind teuer - aber nur ein Viertel der Alleinerziehenden bekommt vom Ex-Partner ausreichend Unterhalt. Drei von vier Elternteilen, die zum Unterhalt verpflichtet sind, zahlen gar nicht oder nur unzureichend.

Eine Situation, die Christine Finke kennt. Ihr Ex-Mann hat nur sporadisch Kontakt zu seinem Nachwuchs. Als Selbstständiger kann er nur wenig Unterhalt zahlen. Es ist an Finke, für sich und die Kinder materiell zu sorgen - und dazu die komplette Familienarbeit allein zu stemmen. "So geht es nicht nur mir. Die allermeisten Alleinerziehenden reiben sich komplett auf. Deshalb sind wir öffentlich auch so wenig sichtbar: Wer einen Job stemmt und danach noch die Familie, hat kaum Freizeit, geschweige denn die Energie, sich noch irgendwie politisch zu engagieren." Finke selbst ist Stadträtin in Konstanz. Auch wenn das zusätzlichen Stress bedeutet: "Wenn ich nicht mitentscheide, tun es andere - und dann können alte Männer entscheiden, dass wir genügend Kitaplätze und ausreichend sozialen Wohnraum haben."

Viel zu tun für die Politik Dabei müsste viel getan werden - auch wenn die Große Koalition in den vergangenen Monaten einiges auf den Weg gebracht hat. So wurde gerade erst der Unterhaltsvorschuss reformiert. Jahrelang war darum gerungen worden, Familienpolitiker aller Fraktionen sehen in der Neuregelung einen großen Fortschritt. Dieser Unterhaltsvorschuss wird vom Staat gezahlt, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht zahlt - seit Anfang des Jahres auch für Kinder, die älter als 12 Jahre sind und nicht mehr nur wie bisher sechs Jahre lang. Grundsätzlich sei das zwar gut, befindet der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). "Aber weil der Unterhaltsvorschuss auf das Wohngeld und den Kinderzuschlag bei Kindern über 12 Jahren, die keine SGB II Leistungen erhalten, angerechnet wird, bedeutet das, dass einige Alleinerziehemde künftig weniger Geld zur Verfügung haben werden als vorher", sagt die VAMV-Bundesvorsitzende Erika Biehn.

Dass politisch gerade diskutiert wird, ob nicht das Wechselmodell, bei denen die Kinder nach einer Trennung je zur Hälfte von Mutter und Vater betreut werden, zum gesetzlichen Regelfall gemacht werden soll, hält sie für falsch. "In den Fällen, in denen die Eltern sich gut verständigen, ist es eine gute Sache. Aber da, wo Trennungen konfliktreich sind, kann es schaden." Noch gebe es an anderer Stelle viel zu tun: beim Ausbau einer guten Kinderbetreuung und dem Zugang Alleinerziehender zum Arbeitsmarkt etwa. Der VAMV plädiert zudem für eine Abschaffung des Ehegattensplittings, das nur Ehepaaren deutliche Vorteile bringt. "Wir sind für eine Individualbesteuerung und eine Kindergrundsicherung", sagt Biehn.

Auch Christine Finke kann aus dem Stand Wünsche an die Familienpolitik der neuen Regierung formulieren: "Wir brauchen eine steuerliche Entlastung von Alleinerziehenden, sie müssen in Arbeit kommen und dürfen nicht von den Jobcentern in sinnlosen Fortbildungen geparkt werden." Und es müsse endlich in den Blick geraten, wie hoch das gesundheitliche Risiko von Alleinerziehenden ist: Studien zeigten eine hohe körperliche Belastung, gleichzeitig fehlten Erholungspausen. Bei alledem, so die Bloggerin, würde es helfen, "wenn man die Rechte der Kinder, die unter der Armut ja auch leiden, zum Maßstab nehmen würde". Denn die seien schließlich kein Privatvergnügen, sondern Aufgabe der ganzen Gesellschaft.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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