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Erziehung

Eine Frage des Stils

Eltern von heute stehen unter dem Druck, alles richtig machen zu wollen. Das führt oft zu Streit bei den Paaren

Die Anfrage der jungen Mutter klingt verzweifelt. "Baby schläft nicht durch", hat die Nutzerin des Forums auf der Webseite urbia.de ihren Eintrag betitelt. Das Baby sei immer so hungrig, obwohl es für nächtliche Zwischenmahlzeiten schon zu alt sei - was also tun? Statt einer Hilfe kommt wenige Minuten später von einer anderen Mutter die Antwort: "Komm von deiner Erwartungshaltung runter und gib deinem Baby, was es braucht". Und schon geht eine regelrechte Wortschlacht unter Müttern los.

Erziehung ist ein umstrittenes Thema, nicht nur unter Müttern - und nicht nur im Schutz der Anonymität eines Internetforums. Bernhard Huf, Leiter zweier Caritas-Beratungsstellen zu den Themen Erziehung und Familie in Berlin, trifft häufig auf Eltern unter Druck. "Wir haben es hier in der Beratung oft mit Eltern zu tun, die richtig gute Eltern sein wollen. Sie wollen es perfekt machen."

Dass Eltern unter Druck stehen, liegt auch daran, dass es heute weniger als früher den einen Erziehungsstil gibt. Das bestätigt Verena Wittke, Referentin für Familienbildung beim Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt. Während noch vor einigen Generationen im Wesentlichen ein strenger Stil vorgeherrscht habe, gebe es inzwischen die ganze Bandbreite von autokratisch bis laissez faire. Mit allen Schattierungen dazwischen, denn "man kann die Stile natürlich auch miteinander kombinieren", sagt Wittke.

Insgesamt lasse sich aber sagen, dass Eltern heute stärker als früher versuchten, ihren Kindern Handlungen und Anweisungen zu erklären. "Es stehen nicht mehr Sauberkeit und Disziplin an erster Stelle der Erziehungsstile, sondern freie Entfaltung der Persönlichkeit und gleichzeitig sollen die Kinder Sozialkompetenz lernen", erklärt Wittke. Kein einfaches Unterfangen: "Wenn ich mein Kind zur Selbständigkeit erziehen will, muss ich ihm mehr Verhandlungsspielraum geben", sagt Wittke. Die Balance zu finden zwischen klaren Ansagen und Verhandlungsspielräumen, sei aber nicht immer einfach. "Mir scheint es schon so, dass Eltern heute verunsicherter sind."

Neue Offenheit Das kann auch zu Konflikten zwischen den Eltern führen. Huf berät nicht selten Paare, die sich über den Erziehungsstil nicht einig sind. "Einer stammt aus einem rigideren Haushalt, der andere aus einem laissez-faire-Elternhaus. Bringen Sie das mal zusammen." Statt einer festen Vorstellung, wie Familien auszusehen und zu funktionieren haben, herrscht heute Offenheit. Eltern wollen sich auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einlassen und müssen sich außerdem als Paar einigen.

Diese Herausforderung zeigt sich auch öffentlich, unter anderem in einer steten Nachfrage nach Erziehungstipps. Die Seiten von urbia.de, dem nach eigenen Angaben größten deutschen Internetportal für die Themen Kinder und Familie, werden monatlich mehrere Millionen Mal aufgerufen. Auch die gedruckten Ratgeber verkaufen sich nach wie vor gut. So heißt es beispielsweise beim Gräfe und Unzer Verlag in München, die Zahl der Ratgeber von Kinder- und Jugenderziehung wachse. Christoph Klocker, Verlagsleiter des "Programmbereichs Partnerschaft und Familie" sieht aber noch einen weiteren Aspekt: Der Markt ist gespalten: "Es kommen verstärkt entweder bewusst provokante Titel, die sich gegen Helikoptereltern richten", sagt Klocker. "Oder bewusst einfühlsame und sehr um das positive Verhältnis von Eltern und Kindern bemühte Titel."

Auch bei Spielzeug orientieren sich Eltern gerne an Expertenmeinung. So wirbt etwa der Spielehersteller Ravensburger damit, was ein Kind mit einem bestimmten Spielzeug lernen kann - und preist an, wenn unabhängige Experten es gut bewertet haben. "Eltern achten sehr auf bestimmte Förderaspekte in Spielen und Büchern, die inzwischen klar gekennzeichnet sind", sagt Jutta Lehmberg, Leiterin der Redaktion Lernspiele. Aber es seien nicht nur klassische Lernthemen, die Eltern wichtig sind. "Heutzutage sind es auch persönliche und soziale Kompetenzen wie Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen oder Teamfähigkeit, die mit Spielen gefördert werden sollen."

Regelrechte »Mami Wars« Die Konsequenzen aus dieser heterogenen Elternschaft erlebt Monika Maruschka, Chefredakteurin von urbia.de. In den urbia-Foren können sich Nutzer, in der Regel Mütter, über alles austauschen, das sie gerade bewegt. Und hier finden nicht selten "Mami Wars" statt, also heftige Streite unter Müttern über die richtige Kinderpflege und Erziehung. Stillende Mütter gegen Mütter, die mit Fläschchen füttern - und so weiter. "Vielleicht ist ein Grund für diese heftigen Auseinandersetzungen gerade die unglaubliche Flut an Informationen, die man heute hat ", sagt Maruschka. Für viele sei diese eindeutige Positionierung ein Mittel zur Abgrenzung.

Eltern, die sich mehr einmischen - das erlebt auch Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, der Interessenvertretung von Gymnasiallehrern. "Was sich geändert hat in den vergangenen 15 Jahren, ist das Bewusstsein für Bildung", meint er. Das sei sicher ein Resultat des Pisa-Tests. Eltern suchten häufiger als früher das Gespräch mit Lehrern. "Es gibt Eltern, die schon bei einer einzigen schlechten Note die Schule anrufen oder Nachhilfe organisieren." Trotzdem bestätigt auch Meidinger, dass die Elternschaft nicht homogen ist. "Pisa hat durchgeschlagen auf die ohnehin schon bildungsaffine Mittelschicht", sagt er. Der Wert von Bildung sei bei ihnen noch stärker in den Mittelpunkt gerückt, ebenso wie das Bewusstsein, dass Eltern sich dafür engagieren müssen. Er nehme eine Spreizung wahr zwischen Eltern, die noch mehr tun als bisher schon, und solchen, die die Schule genauso selten kontaktieren wie früher.

Auch die Einstellung vieler Lehrer habe sich gewandelt. "Man hat früher Eltern eher als Bedrohung gesehen." Manche Kollegen hätten mit Sorge auf die Elternsprechtage gewartet, im Ungewissen, wie die Eltern sind, die da kommen. "Heute sieht man den Kontakt zu Eltern eher als Chance, gemeinsam an einem Strang zu ziehen." Das gelte für den Fall, dass Probleme auftreten, aber auch, wenn es um die Förderung von Begabungen gehe.

Die Eltern als Partner wahrnehmen - das setze sich auch in der Familienbildung immer mehr durch, sagt Familienexpertin Wittke. "Das Selbstverständnis von Fachkräften, dass sie immer alles besser wissen, geht zurück", sagt die Referentin, die für den Kitabereich zuständig ist. Sicherlich auch deswegen, weil Eltern sich mehr informieren. "Die Eltern lesen mehr Ratgeber als früher, sie wissen mehr", sagt Caritas-Vertreter Huf. Allerdings seien sie weniger gewillt, sich auf einen längeren Beratungsprozess einzulassen. "Lieber Problem benannt und sofort eine Lösung". Dieses Verhalten entspreche aber auch dem Zeitgeist. "Wir sind alle insgesamt schneller geworden."

Insgesamt stellen die Experten heutigen Eltern aber ein gutes Zeugnis aus. "Was sicher heute besser funktioniert ist der Schutz der Kinder", sagt Huf. Das sei ein Vorteil des gestiegenen Bewusstseins von Eltern für ihre Verantwortung. Und Wittke ergänzt: "Die meisten Familien sind wirklich liebevoll und bringen ganz tolle Kinder hervor."

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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