Inhalt

Kuckuckskinder

»Die Heimlichkeit schafft das Problem«

Es kommt vor, dass Männer unwissend Kinder großziehen, die nicht ihre eigenen sind. Das kann zu bösen Überraschungen und emotionalen Verletzungen führen

Acht Monate ist es her, dass bei André Brune das Bürotelefon klingelte. Seine Ex-Freundin war dran, Brune rechnete mit nichts Schlimmem. "Ich dachte, sie plant eine Party für unseren Sohn", sagt der Mittvierziger. Denn der hatte gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen. Brune ist stolz auf ihn. Stattdessen erfährt er: "Julian* ist nicht Dein Sohn." Der Sohn wisse seit zwei Monaten Bescheid; ebenso der leibliche Vater. Brune ist erschüttert. "Das war ganz komisch, ganz surreal", sagt er. Niemals habe er den leisesten Zweifel gehegt, dass Julian sein Sohn sei. Sogar ähnlich sähen sich die beiden. Obwohl die Beziehung zur Mutter ein Jahr nach der Geburt in die Brüche gegangen war, habe er immer Kontakt gehalten, ein gutes Vater-Sohn-Verhältnis aufgebaut. "Und plötzlich ist nicht mehr klar, wie es um die Beziehung zum Sohn steht", sagt Brune. Er spricht jetzt schneller, die Stimme klingt aufgebracht.

"Für Scheinväter bricht ganz klar eine Welt zusammen", sagt Anwältin Kerstin Aust. In ihrer Münchener Kanzlei hat sie häufiger Fälle von "Kuckuckskindern" auf dem Tisch. Besonders tragisch sei es, wenn die Wahrheit spät ans Licht kommt. "Nach meiner Erfahrung ist das in der Mehrheit der Fälle so", sagt die Familienrechtlerin. Für die Kinder ist es dann besonders schwer mit der Situation umzugehen. Viele stürzen in eine Identitätskrise - vor allem, wenn sie den leiblichen Vater nicht kennenlernen können. Dabei sei es längst normal, dass der Vater woanders wohnt. "Erst die Heimlichkeit schafft das Problem."

Emotionale Krise Auch Brunes Sohn braucht erst einmal Abstand - von der Mutter und dem Mann, der plötzlich nicht mehr sein biologischer Vater sein soll. Den Studienbeginn hat er verschoben, auf einer Asienreise denkt er über die Situation nach. Acht Monate sind wenig Zeit, um eine Neuordnung der familiären Beziehungen zu verarbeiten. "Es wäre überhaupt nicht nötig gewesen, nach den vielen Jahren mit der Wahrheit herauszurücken", findet Brune. Seine Exfreundin habe ihr eigenes Gewissen erleichtern wollen, die emotionalen Konsequenzen für die anderen Beteiligten aber nicht bedacht. Seine Ehefrau und die Töchter müssten ebenso damit umgehen wie der Ehepartner der ExFreundin. Und dann ist da noch der Erzeuger, wie er den biologischen Vater nennt. Der war bei der Geburt von Julian erst 16 Jahre alt. Brune wäre damals die bessere Option gewesen, bitte ihn die Ex-Partnerin heute um Verständnis.

Nicht nur emotional sind die "Kuckucks-kinder"-Fälle verworren. Wenn herauskommt, dass ein Kind "untergeschoben" wurde, gibt es außerdem juristisch einiges zu regeln. Denn mit einer Vaterschaft sind viele rechtliche Fragen verbunden: Sorgerecht, Unterhaltspflicht, Erbrecht und die Staatsangehörigkeit sind an diese geknüpft. Das Abstammungsrecht, verankert im Bürgerlichen Gesetzbuch, legt fest, dass einem Kind nicht mehr als zwei Eltern zugeordnet werden können. Doch was passiert, wenn beide Männer die rechtliche Vaterschaft beanspruchen? Welche Rechte und Pflichten soll der biologische Vater erhalten? Wie wird der Scheinvater, der für das Kind eines anderen bezahlte, finanziell gerecht entschädigt?

Anfechtungsverfahren "Ein Mann, der von der Scheinvaterschaft erfährt, hat ab diesem Moment zwei Jahre Zeit, die rechtliche Vaterschaft anzufechten", erklärt Aust. Ein Vaterschaftstest und ein Erörterungstermin vor Gericht stehen dann an. Auch der leibliche Vater kann die Elternschaft des anderen Mannes anfechten. Allerdings nur, wenn sich zwischen dem rechtlichen Vater und dem Kind keine sogenannte sozial-familiäre Beziehung entwickelt hat. Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes, der Pflege und Erziehung der Kinder als natürliches Recht der Eltern schützt, gebe keine starre Rangordnung zwischen leiblichem und sozialen Vater vor, unterstrich das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2003.

Kuckucksväter können außerdem den gezahlten Unterhalt zurückfordern, wenn sie den Namen des genetischen Vaters kennen. Als "wahrer Unterhaltsschuldner" wird dieser in Regress genommen, und zwar für den kompletten Unterhalt seit der Geburt. Er muss nachträglich die Summe zahlen, die er entsprechend der Düsseldorfer Unterhaltstabelle gezahlt hätte.

In der Praxis ist das schwierig: "Knackpunkt ist ein gesetzlicher Auskunftsanspruch. Die Mutter kann sonst die Wahrheit verschweigen", sagt Aust. Weil dafür die Rechtsgrundlage fehlte, hat Justizminister Heiko Maas (SPD) 2016 eine Neuregelung des Regressverfahrens eingebracht. Doch der Bundestag wird sie in dieser Legislatur nicht mehr verabschieden können.

Zum Glück, findet Brune. Denn laut Gesetzentwurf sollen nicht nur Mütter nur zur Auskunft verpflichtet werden, sondern gleichzeitig die Unterhaltsforderungen beschränkt werden - auf die letzten zwei Jahre vor Bekanntwerden. "Ein Unding", empört sich Brune. 19 Jahre lang hat er Unterhalt gezahlt, 60.000 Euro insgesamt. Hätte die Gesetzesänderung gegolten, hätte er keinen Cent zurückfordern können, weil Julian ab 2014 ein Einkommen hatte. Auch Anwältin Aust hält eine starre zeitliche Begrenzung für ungerecht. Laut Gesetzesbegründung hat der Scheinvater ein Familienleben genossen, das den Unterhaltsanspruch aufwiegt. "Es gibt genug Männer, die nur Zahlväter sind", widerspricht die Anwältin. Brune ärgert vor allem eins: "Für entgangene Vaterfreuden ist die Mutter die Ansprechpartnerin." Sie habe als einzige nicht mit rechtlichen Folgen zu rechnen.

»Kein Sieger« Mit dem leiblichen Vater hat Brune immerhin eine Verständigung gefunden: Monatelang gingen Anwaltsschreiben hin und her, bis Brune vorschlug, sich an einen Tisch zu setzen. Ein gutes Gespräch hätten sie geführt. "Es ist nicht nur ums Geld gegangen." Die Vereinbarung: Der Erzeuger wird der rechtliche Vater. Ein Drittel der Summe zahlt er in Raten an Brune. "Das Beste ist, dass keiner sich als Sieger fühlt." Das solle eine gesetzliche Neuregelung ebenso anstreben.

Noch besser wäre ein verpflichtender Vaterschaftstest, meint Brune. "Der Mann kann dann eine bewusste Entscheidung treffen." Dies sei ein zu starker Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, wenden Juristen ein. Aust verweist zudem auf die Kosten. 560 Euro koste etwa ein Test aktuell in München. "Die allermeisten Kinder werden in intakte Beziehungen geboren, in denen niemand Zweifel an der Vaterschaft hat", argumentiert sie. Tatsächlich haben Statistiker die Schätzungen deutlich nach unten korrigiert: Hieß es früher, jedes zehnte Kind sei ein Kuckuckskind, geht man heute von knapp einem Prozent aus.

Für einen Betroffenen wie Brune ist das kein Trost. Im Oktober wird er Julian, die Ex-Freundin und den Erzeuger vor Gericht sehen. Warum Brune die rechtliche Vaterschaft anficht? Sie habe keine Bedeutung mehr, weil sie aufgrund einer Lüge zustande kam. Der biologische Vater habe Interesse an einer Beziehung zu Julian. "Das finde ich gut. Das sind ja auch seine Wurzeln." Wenn Julian aus Asien zurückkommt, stehen ernsthafte Gespräche an. "Wir müssen sehen, wie es mit uns weitergeht." Emotional bestehe die Vaterschaft natürlich weiter, sagt Brune. "Julian sagt immer noch Papa zu mir. Das ist extrem wichtig für mich."

*Name geändert

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag