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Ohne Rosenkrieg

Kinder im Mittelpunkt

Wenn gemeinsamer Nachwuchs im Spiel ist, muss nach einer Trennung oder Scheidung viel geregelt werden. Eine Beratung kann helfen, um Rechte und Pflichten zu Überblicken

Mama, endlich kannst du wieder richtig lachen!" Ein Satz, der damals fünfjährigen Anna (Namen geändert), bei dem ihrer Mutter Sophie die Luft wegblieb. Dieser eine Satz zeigte der Mutter, was den Kindern gefehlt hatte. "Ich glaube nicht, dass sich Elternpaare eine Trennung leicht machen", sagt Sophie. Sie und ihr Mann Nils waren zwölf Jahre verheiratet, die Kinder Anna und Tim waren vier und sechs Jahre alt, als sich das Paar trennte

Vor dem Aus der Beziehung hatte sich das Paar Hilfe suchen wollen. "Aber es ist gar nicht einfach, eine Paarberatung zu finden. Wir wollten nicht zu einer kirchlichen Stelle und das einzige kostenlose Angebot war in der nächsten Stadt. Letztlich sind wir dann doch nicht hin gefahren." Es gibt viele Gründe, warum Paare sich trennen. Gerade Elternpaare machen sich diese Entscheidung aber selten leicht. Sophie und Nils hatten ein gemeinsames Haus, die Kinder gingen in der Nähe in einen Kindergarten, alles schien perfekt. "Wir haben uns schon seit Jahren auseinandergelebt. Es gab so viele kleine Dinge, die mich störten. Und ihn auch. Da war einfach nichts mehr, was uns verbunden hat." Außer Anna und Tim: "Eben wegen der Kinder waren wir noch lange zusammen," sagt Sophie. Es war Nils, der Tatsachen schuf. Er zog aus.

"Das war für mich ein ziemlicher Schock", berichtet Sophie. Zunächst war sie wie gelähmt, hatte Schwierigkeiten den Alltag zu bewältigen. "Ich fühlte mich schon sehr verraten. Keiner plant doch, als Alleinerziehende zu leben. Ich wusste auch nicht, wie ich das mit den Kindern, mit dem Job regeln soll." Sophie hatte das Gefühl, nur noch "zu funktionieren". Und suchte sich Hilfe. Sie las Bücher, suchte sich Unterstützung im Internet. Vor allem ein Satz des Schweizer Kinderarztes und Bestsellerautors Remo Largo half ihr: "Wenn es den Eltern nach der Trennung gut geht, geht es auch den Kindern gut." Gemeinsam mit einer Familienmediatorin setze sie sich mit ihrem Mann zusammen. "Wir mussten als Eltern gemeinsam eine Lösung finden."

Klarer Weg für Ehepaare Rein rechtlich war der Weg für das Ehepaar relativ klar. Sie reichten die Scheidung ein, Nils zahlte Trennungs- und Kindesunterhalt. Sophie hatte sich kurz nach seinem Auszug auch anwaltlich beraten lassen. Ein wichtiger Schritt, denn vorher wusste sie gar nicht, welche Unterstützung ihr zusteht. "Klar, als Ehepaar haben wir ein gemeinsames Sorgerecht. Aber was bedeutet das für den Alltag? Welche Entscheidungen darf ich alleine treffen, wann muss ich mich mit Nils absprechen?" Da sich Sophie und Nils einig waren, konnten beide recht schnell eine Lösung finden, die zunächst alle zufriedenstellte. Sophie würde die Kinder die meiste Zeit betreuen und im Haus bleiben, Nils die Kinder jedes zweite Wochenende und jeden Mittwoch abholen.

Doch trotzdem gab es Konflikte. Sophie fühlte sich oft im Alltag überfordert. "Nils war der lustige Papa, der Zeit hatte für Ausflüge und tolle Aktivitäten. Ich musste arbeiten, mich um Hausaufgaben und den täglichen Kleinkram kümmern. Zeit für Spaß hatte ich gar nicht." Als Alleinerziehende stand sie vor Aufgaben, die ihr unendlich schwer vorkamen. "Vor allem aber macht ich mir Vorwürfe. Hätten wir es als Familie nicht doch schaffen können? Hätten wir für die Kinder weiter zusammenbleiben sollen?"

Es waren ihre Bücher, die Sophie halfen. "Es machte mir Mut zu lesen, dass Scheidungskinder auch glücklich sein können. Ich machte mir klar, dass es ihnen auch so gut gehen kann. Wenn sie mit Nils lachen, dann ist das kein Grund zur Eifersucht. Aber ich musste erst für mich eine Aussöhnung mit der neuen Situation finden." Sophie bat schließlich Nils, sich mehr um die alltäglichen Aufgaben zu kümmern. Es dauerte knapp ein Jahr, bis sich die beiden Eltern mit der Situation zurechtfanden. "Es war und es ist noch immer Arbeit. Aber es gibt auch nicht mehr täglich Streit, der Alltag ist seit der Trennung anstrengend, aber auch besser." Und seit Sophie das Gefühl hat, dass sie mit den Kindern wieder richtig unbeschwert lachen kann, ist noch etwas passiert. "Mir wurde klar, dass wir uns letztlich wegen der Kinder trennen mussten. Wir haben ihnen eigentlich nur Streit und Unglück gezeigt. Nun leben die Kinder mit zwei glücklicheren Erwachsenen zusammen, wenn auch nicht in einem Haushalt."

Nach einer Trennung fällt es vielen Eltern schwer, sich zu einigen. Sich nicht mehr als Paar verbunden zu fühlen und doch eben noch gemeinsam die Aufgaben als Eltern zu bewältigen ist eine Herausforderung. Remo Largo betont in seinem Buch "Glückliche Scheidungskinder. Was Kinder nach der Trennung brauchen", dass es viele Wege gibt, die Kinder zu stärken und ihr Wohl auch als getrenntes Elternpaar in den Mittelpunkt zu stellen. Leitgedanke ist die "unkündbare Elternschaft" - auch wenn die Eltern sich nicht mehr lieben. Sie beide können und sollten für ihre Kinder da sein.

Eine wichtige Voraussetzung ist zunächst, sich Unterstützung zu holen. Ansprechpartner können Familienmediatoren, das Jugendamt und auch gemeinnützige Verbände wie "Pro Familia" sein. Offene Fragen gibt es viele: Wie soll der Alltag geregelt werden? Wo soll das Kind wohnen? Entscheiden sich die Eltern für das klassische Residenzmodell oder das neuere, rechtlich noch unsichere Wechselmodell? Ist das überhaupt mit den Anforderungen des Berufes möglich? Leben beide Elternteile so nahe beieinander, dass die Kinder von beiden Wohnorten ihre Schule oder ihren Kindergarten erreichen? Wer aus dem Umfeld - Großeltern, Freunde, Paten - kann noch unterstützen und dem Kind Halt geben? Gerade dann, wenn es den Eltern vielleicht schlecht geht? Wie geht man mit Konflikten mit dem Ex-Partner um, gerade, wenn um Unterhalt und Co. gestritten wird?

Oft fällt es schwer, sich nach einer Trennung - die ja auch nicht immer von allen Seiten freiwillig ist - sich an die neue Situation zu gewöhnen. "Nach dem Scheitern einer Beziehung stehen fast alle vor den Trümmern vieler Träume: dem Traum von einer Ehe, einem Bild von Familie" sagt Alexandra Widmer, Fachärztin für Neurologie und ärztliche Psychotherapie. Sie ist selbst vom Vater ihrer Kinder getrennt und hat das Projekt "Stark und alleinerziehend" ins Leben gerufen. Widmer weiß, dass es wichtig ist, dass Eltern zunächst vieles für sich klären müssen. "Viele Grundsätze müssen neu bedacht werden, etwa eben das Familienbild. Zu einer glücklichen Familie müssen nicht unbedingt Vater, Mutter und Kind gehören. Nach einer Trennung muss jeder auch wieder zu sich selbst finden. Selbstfürsorge ist ein ganz wichtiges Thema - und sich Hilfe zu holen."

»Wilde Ehen « Bei Eheleuten wie Sophie und Nils gibt es nach der Trennung eine Scheidung und eine offizielle Regelung des Umgangs. Bei Paaren, die ohne Trauschein zusammenleben, sieht das anders aus. Trennen sich "wilde" Ehen, also Paare mit Kindern ohne Trauschein, steht zunächst die Frage nach dem Sorgerecht im Raum. Haben beide Eltern ein gemeinsames Sorgerecht, so sind die Kinder rechtlich ehelichen Kindern gleich gestellt. Da es aber keine Scheidung gibt, wird das Paar nur dann vor ein Familiengericht gehen, wenn Uneinigkeit besteht. Auch hier ist es wichtig, die rechtliche Situation zu kennen. Denn auch ohne Trauschein gilt es Unterhaltsansprüche zu klären. Zwar gibt es keinen klassischen Geschiedenenunterhalt, gegebenenfalls wird aber Betreuungsunterhalt für ein Elternteil fällig - und Kinder haben sowieso Anspruch. Auch am Ende von "wilden" Ehen bleibt abzustimmen, wo die Kinder leben sollen und wie der Umgang mit dem anderen Elternteil geregelt wird.

Viele Paare möchten die Kinder in den Mittelpunkt stellen, wollen auf deren Bedürfnisse achten und gleichzeitig auch nicht verzichten. Dass die Kinder überwiegend beim anderen Partner leben, ist für Mütter und Väter oft ein Schmerz, der mit der Kränkung einer Trennung eine brisante Mischung ergeben kann. "Eine gut funktionierende Beziehung bricht selten auseinander und oft ist auch viel Unglück da", sagt Widmer. Gerade wenn die Konflikte schwer sind, sollte sich Unterstützung gesucht werden. Denn die Kinder brauchen Klarheit, betont auch Remo Largo. Sie brauchen beide Eltern und haben einen Anspruch auf einen regelmäßigen Umgang und darauf, dass ihre Bedürfnisse - und nicht nur die ihrer Eltern - gesehen werden. Im Interesse der Kinder sollte vor einer Scheidung, nach einer räumlichen Trennung, eine transparente detaillierte Entscheidung über die Betreuung getroffen werden.

Die Trennung kann als Katastrophe oder als Chance für einen Neustart gesehen werden", sagt Widmer. Eltern sollten versuchen, für sich neue Möglichkeiten zu entdecken. Als Elternpaar gemeinsam getrennt erziehen - eine Herausforderung, die mit Unterstützung und mit viel Kommunikation gelingen kann.Silke R. Plagge

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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