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Claus Peter Kosfeld
Martyrium der Kinder

Viele Jungen und Mädchen werden von ihren Vätern sexuell misshandelt. Sie finden bei den Müttern oft keine Hilfe

Sexueller Missbrauch von Kindern in der Familie ist ein gut gehütetes Geheimnis. Nicht die Tatsache an sich, dass so etwas vorkommt, auch in den sogenannten besseren Kreisen, sondern der konkrete Fall, der verleugnet, verharmlost, vertuscht und durch subtile Formen der Erpressung im wahrsten Sinne des Wortes unter der Decke gehalten wird. Die verfügbaren Zahlen zu diesem Tabuthema sind entsprechend wenig aussagekräftig. Kriminalisten, Psychiater und Sozialarbeiter vermuten, dass sexuelle Übergriffe in der eigenen Familie überwiegend nicht angezeigt und damit auch nicht aufgedeckt werden. Das riesige Dunkelfeld stellt das kleine Hellfeld, wie Kriminalisten es nennen, tief in den Schatten und lässt nur erahnen, in welchen Dimensionen Jungen und Mädchen in diesem an Sicherungsseilen reichen Sozialstaat mehr oder weniger unbemerkt zu Opfern werden.

Strafen Sexuelle Gewalt an Kindern ist im Strafgesetzbuch (StGB) durch mehrere Paragrafen abgedeckt und mit drakonischen Sanktionen belegt, bis hin zu lebenslänglicher Haft, wenn ein Kind an den Folgen sexueller Übergriffe stirbt. Es sind im StGB die Paragrafen 176 (Sexueller Missbrauch von Kindern), 176a (Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern) und 176b (Sexueller Missbrauch von Kindern mit Todesfolge), die in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes (BKA) Auskunft geben über diese Art von Verbrechen. In der BKA-Statistik für das Jahr 2016 werden 12.019 Fälle und 9.159 Tatverdächtige aufgeführt, die unter diese Paragrafen fallen. Experten schätzen die tatsächliche Zahl der Übergriffe indes auf mehr als das Zehnfache, wobei vermutlich die Mehrzahl der Vorfälle innerhalb der Familie oder im sogenannten sozialen Nahfeld anzusiedeln ist.

Die verfügbaren Zahlen belegen, dass sexuelle Übergriffe an Kindern vor allem von Männern begangen werden. Unter den Tatverdächtigen waren 8.748 Männer (rund 95 Prozent) und 411 Frauen, was mitnichten bedeutet, dass Frauen und Mütter keine Schuld trifft, wie die im Januar 2016 eingerichtete Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in ihrem jüngst veröffentlichten Zwischenbericht feststellt. Die schockierende Wahrheit lautet: "Mütter treten nach den Erkenntnissen der Kommission auch als Einzeltäterinnen auf, aber vorwiegend als Mitwissende und damit als Unterstützende der Taten."

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, sieht ein "Versagen von Müttern". Rund 300 Gespräche mit Erwachsenen, die der Kommission im Rückblick über Missbrauchserfahrungen in der Kindheit berichteten, hätten gezeigt, dass Mütter auch dann nicht reagiert hätten, wenn ihnen die Kinder trotz der enormen Schamschwelle von den Übergriffen der Väter erzählten. Nicht selten hätten Mütter ihre Töchter stattdessen als "Schlampen" beschimpft, sagte Rörig bei der Vorlage des Berichtes.

Abhängigkeiten Dieses Verhalten der Mütter wirkt natürlich verstörend, ist dem Bericht zufolge aber in vielen Fällen zumindest erklärbar. So werde Missbrauch von Frauen oft geduldet, weil sie finanziell abhängig seien von ihren Männern oder in der Partnerschaft selbst mit Gewalt unterdrückt würden. Aus Angst, den Partner oder die gesamte Familie zu verlieren, wird eisern geschwiegen. Nicht selten wird den Kindern die Geschichte vom Missbrauch auch nicht abgenommen. "In den wenigsten Fällen haben die Mütter ihren Kindern geglaubt und sie vor weiterem Missbrauch geschützt", berichtet die Kommission.

Hilfe für missbrauchte Kinder von außen ist nach Angaben der Kommission selten zu erwarten, weil die Familie als "Privatraum" angesehen wird. Zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Aufgabe des staatlichen Wächteramtes ergebe sich so ein "Dilemma". In den vergangenen Jahren sind allerdings auch erschreckende Fälle von systematischem Kindesmissbrauch in kirchlichen Einrichtungen, Sportvereinen oder Internaten bekannt geworden (siehe auch Interview unten).

Aus den Schilderungen der Betroffenen wird deutlich, dass viele Opfer sexuelle Übergriffe mehrfach erlebt haben, durch unterschiedliche Täter und in verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen. So berichteten Opfer von Misshandlungen in der Familie sowie gleichzeitig oder später auch im Heim oder in der Schule. In anderen Fällen wurden Kinder zuerst vom Großvater, später vom Vater missbraucht. Auch Stiefväter, Onkel oder neue Partner gelten als mögliche Täter. Laut Polizeistatistik werden Mädchen wesentlich häufiger Opfer sexueller Gewalt als Jungen.

Langzeitfolgen Das Martyrium der geschändeten Kinder dauert sehr lange und schmerzt auch dann noch, wenn die Zeit der Übergriffe schon längst vorbei ist. Vielen Opfern gelingt es erst viele Jahre später, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Rund 1.000 Betroffene und Zeitzeugen haben sich bei der Kommission gemeldet, um in vertraulichen Anhörungen von ihren Erfahrungen zu berichten. Hinzu kommen bislang rund 170 schriftliche Berichte. In 70 Prozent der Fälle ging es um familiären Missbrauch.

Die psychischen Folgen des Missbrauchs sind dramatisch und reichen von Angststörungen über dauerhafte Bindungsprobleme und Aggressionen bis hin zum Suizidversuch. Weitere Symptome sind Schlafstörungen, Albträume, psychosomatisch bedingte Zuckungen, Haut- und Magenerkrankungen aufgrund der psychosozialen Belastung, sexuelle Dysfunktionen sowie psychisch bedingte Schmerzen im Kopf, Rücken oder Unterleib.

Die Kinder werden nach Angaben von Psychiatern in ihren moralischen Grundfesten erschüttert und erleben neben der Hilflosigkeit einen geradezu brutalen Vertrauensverlust durch den "Verrat" des übergriffigen Familienmitglieds.

Experten gehen davon aus, dass die Schädigungen umso gravierender ausfallen, je größer der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer ist, je länger der Missbrauch andauert, je jünger die Kinder sind, je mehr Gewalt angewendet wird, je vollständiger die Geheimhaltung ist und je weniger schützende Vertrauensbeziehungen zu anderen Familienangehörigen bestehen. Der als Kind erlebte sexuelle Missbrauch in der Familie ist oft eine traumatische Erfahrung, die für das ganze Leben bestimmend sein kann. Kinder mit solchen Erfahrungen leiden auch als Erwachsene noch unter Schuldgefühlen und geringem Selbstwertgefühl, bisweilen unter Suchtproblemen und Essstörungen.

Hilfen Schwierig ist die akute "Diagnose", zumal die Scham der Kinder den Wunsch nach Hilfe vielfach überdeckt und körperliche Blessuren oft nicht auszumachen sind. Woran lässt sich erkennen, dass ein Kind womöglich sexuell missbraucht wird oder wurde? Zu den beobachteten Hinweisen zählen auch Bettnässen, wiederholtes Weglaufen sowie ein aggressives und selbstzerstörerisches Verhalten. Betroffenen steht ein umfangreiches Hilfsangebot zur Verfügung. Beratungsstellen vor Ort, Hinweise auf Therapiemöglichkeiten und eine Rechtsberatung sowie eine Hilfetelefon sind im Internet (www.hilfeportal-missbrauch.de) zu finden.

Aber auch Tätern oderd potenziellen Tätern, die ihre pädophile Neigung erkennen, wird geholfen, wobei die Frage, ob es sich bei Pädophilie (bezogen auf kleine Kinder) beziehungsweise Hebephilie (bezogen auf Jugendliche) um eine sexuelle Orientierung oder Veranlagung oder womöglich um eine psychische Störung handelt, umstritten ist. Pädophilie oder Pädosexualität äußert sich zudem in vielen Variationen, sodass von einem einheitlichen Verhaltensmuster nicht auszugehen ist.

Das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" (www.kein-taeter-werden.de) soll Betroffenen helfen, mit ihrer sexuellen Präferenz zu leben, ohne Kinder anzugreifen, auch nicht indirekt über Kinderbilder im Internet. Dazu werden Diagnosen und Therapien angeboten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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