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EDITORIAL
Helmut Stoltenberg
Von wegen »Gedöns«

Die Familie gilt gemeinhin als die Urzelle menschlicher Gemeinschaft; ihrem Beziehungsgeflecht kann sich niemand vollständig entziehen - hat doch jeder von uns zumindest Eltern, ob nun im rein biologischen Sinn oder auch im sozialen oder rechtlichen Kontext. Sie kann den Traum von Geborgenheit und Gemeinschaft, von Vertrauen und Verantwortung erfahrbar machen, aber auch zum Trauma von Verletzung und Verlassenheit werden, mit zumindest seelischen Folgen für jeden Einzelnen. Nicht umsonst stellt unsere Verfassung die Familie an prominenter Stelle unter den "besonderen Schutz der staatlichen Ordnung".

Dabei ist, was unter "Familie" verstanden wird, im Fluss. Schon die Entwicklung der Reproduktionsmedizin wirft Fragestellungen biologischer, rechtlicher, sozialer und ethischer Art auf, die noch vor einem halben Jahrhundert kaum denkbar gewesen wären. Und gilt heute den einen nur "Mutter, Vater, Kind" als Familie, sehen andere Familie "dort, wo Kinder sind", und dritte in ihr eine exklusive Verantwortungsgemeinschaft unterschiedlicher Dauer. Die gesellschaftliche Realität kennt viele Lebensformen, von der lebenslangen Partner- und Elternschaft mit oder ohne Trauschein über Patchworkfamilien und Lebensabschnittsbindungen mit und ohne Kindern bis hin zu polyamourösen Gemeinschaften.

Natürlich oder besser naturgegeben finden diese Entwicklungen auch in der Politik ihren Widerhall; die Entscheidung des Bundestages vom vergangenen Monat zur "Ehe für alle" steht hierfür so aktuell wie exemplarisch. Auch

in der zurückliegenden Wahlperiode hat die Familienpolitik das Parlament in vielerlei Hinsicht beschäftigt; Elterngeld Plus und Kita-Betreuungsplätze, Familienpflegezeit und Unterhaltsvorschuss sind nur einige Stichworte. Umstritten etwa blieb der Rechtsanspruch auf Rückkehr in Vollbeschäftigung nach Teilzeitarbeit. Ohne Frage ist die Familienpolitik mit ihren zahlreichen Facetten ein zentrales Wahlkampfthema der Parteien.

Die verschiedenen Konzepte spiegeln auch die unterschiedlichen Familienvorstellungen wider, die unsere offene Gesellschaft beheimatet und die sie bewegen. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorherzusagen, dass die einst als "Gedöns" abgetane Familienpolitik auch für den neuen Bundestag ein Megathema bleibt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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