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Ortstermin: Der Stenografische Dienst des Bundestages
Eva Bräth
»Wir halten die Atmosphäre der Debatte fest«

Plötzlich fliegen kleine Papierschnipsel durch die Luft, regenbogenfarben und glitzernd, mitten im Plenarsaal des Bundestages. Im Konfettiregen steht der Grünen-Abgeordnete Volker Beck, klatscht in die Hände und lacht. Das Bild entsteht kurz nach der Zustimmung des Parlaments zur "Ehe für alle" am 30. Juni. "In den Reihen des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN werden Konfettiwerfer betätigt", heißt es dazu nüchtern im Plenarprotokoll.

"Da mussten wir eine Klammerbemerkung basteln", erklärt Bärbel Heising, Schlussredakteurin beim Stenografischen Dienst des Bundestages. Solche Bemerkungen fügen die Parlamentsstenografen immer dann ein, wenn Abgeordnete sich nonverbal äußern. Denn Aufgabe der Stenografen ist es, nicht nur das gesprochene Wort mitzuschreiben. "Wir halten die Atmosphäre der Debatte fest", sagt Heising. "Klatschen in den Reihen der SPD", oder "Heiterkeit bei der CDU/CSU", steht dann im Protokoll. "Manche Abgeordnete bringen auch Requisiten mit, um etwas zu illustrieren", erzählt die Stenografin. "Etwa einen Zollstock." Wichtig sei, die Bemerkung im Protokoll präzise und neutral zu formulieren. Als der CSU-Politiker Ernst Hinsken im Jahr 2002 Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eine rote Laterne überreichen wollte, ging diese beispielsweise als "Zugschlusslicht" ins amtliche Protokoll ein.

Den Parlamentsstenografen darf kein Wort entgehen. Weil sie in Kurzschrift sieben- bis achtmal schneller schreiben als ein durchschnittlicher Mitschreiber, ist das möglich. "Schwierig wird es, wenn komplexe Themen bis ins Detail erörtert werden", sagt Heising. "Oder bei schnellem Reden und Dialektfärbung." Die Tonaufzeichnung erfasst nur, was über die Mikrofonanlage gesprochen wird. Die Stenografen registrieren zusätzlich Zustimmung und Schimpfen - und ordnen diese Äußerungen den Abgeordneten zu. Kein leichtes Unterfangen; Im Bundestag gibt es keine feste Sitzordnung, die Gesichter der 630 Abgeordneten müssen die Stenografen daher kennen. Pflicht ist zudem eine intensive Zeitungs- und Medienlektüre. "Das ist wichtig, um Anspielungen und Zurufe zu verstehen", sagt Heising. Ganz genau schauen die Stenografen im Vorfeld, wer auf der Rednerliste steht. "Das sieht unsere potenziellen Zurufer." Bleiben dennoch einmal Zweifel, welcher Abgeordneter gerufen hat, hilft eine eigene Datenbank mit Fotos und Beschreibungen.

Ohnehin arbeiteten die Stenografen in einem exakt getakteten System mit mehreren Kontrollinstanzen. 16 Stenografen, acht Revisoren und zwei Schlussredakteure sind an einem Sitzungstag im Einsatz. Im Plenarsaal sitzen ein Stenograf und ein Revisor. Während der Revisor eine halbe Stunde lang protokolliert, bevor er abgelöst wird, arbeiten die Stenografen im Fünf-Minuten-Takt. Sobald ihre Schicht endet, eilen sie ins Büro, um die Mitschrift einer Schreibkraft zu diktieren. Außerdem kontrollieren sie die sprachliche und sachliche Richtigkeit des Notierten. Auf Zahlen, Daten, Namen achten sie besonders. Schon in der Rede des Abgeordneten kann sich hier ein Versprecher eingeschlichen haben. Wenn ein offensichtlicher Fehler vorliegt, korrigieren die Stenografen. Die Redner bekommen die erste Version zugeschickt und können innerhalb von zwei Stunden von ihrem Korrekturrecht Gebrauch machen. Anschließend überprüft der Revisor, ob die Korrekturen zulässig und richtig sind. Dann folgt Heisings Einsatz. Gemeinsam mit einem anderen Schlussredakteur überprüft sie das gesamte Protokoll - alles muss richtig und einheitlich sein, wenn es am nächsten Tag in gedruckter Form erhältlich ist. Ins Internet stellen die Stenografen das Protokoll schon im Laufe des Nachmittags sukzessive ein. "Wir gehören zu den schnellsten Protokollierungsdiensten der Welt", sagt Heising.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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