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Architektur
Eva Bräth
Die Utopie der idealen Stadt

Die Vision von der Mustersiedlung ist Jahrhunderte alt. Sie spiegelt unsere Modelle des Zusammenlebens

Der Besucher spaziert an einer langgestreckten, dunkelroten Häuserfront entlang, nur sparsam aufgelockert durch rosafarbene Treppenhäuser über den Hauseingängen: Wie ein Riegel schirmt die "Rote Front" in Berlin-Neukölln den Rest der weltberühmten Hufeisensiedlung von Bruno Taut aus den 1920er Jahren von der Hektik der Großstadt ab. Zwischen der abweisend wirkenden Häuserzeile öffnet sich schließlich die Bebauung, in der Mitte breitet sich ein grünes Oval aus, umsäumt vom namensgebenden Hufeisengebäude, das die Freifläche in weitem Bogen umspannt: Ebenfalls drei Stockwerke hoch, aber einladend weiß, gegliedert durch geklinkerte Loggien, davor kleine Gärten vor jeder Hauseinheit, die eine offene Grünfläche mit einem kleinen Teich im Zentrum umrahmen. Es ist ruhig; ein Ort, der Raum gibt.

Weltkulturerbe 350 Meter lang schwingt sich das Hufeisen dem Besucher entgegen: "Wie ausgebreitete Arme wirkt das Gebäude", sagt Ben Buschfeld, "als wollte es sagen: Hallo, willkommen. Hier ist der Ort für den neuen Menschen." Der Grafikdesigner kennt die Siedlung, die seit 2008 zum Weltkulturerbe zählt, wie seine Westentasche. Buschfeld und seine Frau leben seit 20 Jahren in der Hufeisensiedlung und setzten sich für die denkmalgerechte Erhaltung und das Erbe Bruno Tauts ein. Der Architekt der Großsiedlung sah seine Aufgabe nicht nur darin, ein Dach über dem Kopf bereitzustellen. "Es ging darum, Orte zu schaffen, an denen man mit anderen in Kontakt treten und sich entspannen kann", erklärt Buschfeld.

Taut war ein pragmatischer Architekt, aber auch sozialutopischer Denker und künstlerischer Freigeist. Zwischen den Weltkriegen publizierte er Konzepte wie "Alpine Architektur". Darin schlug er vor, die Alpen mit gläsernen Dächern zu überbauen, um die Selbstbefreiung des Menschen durch mehr Licht und Farbe zu ermöglichen. Einige der visionären Szenarien haben auch in der Hufeisensiedlung Niederschlag gefunden, meint Buschfeld. "Bei den Freiflächen sprach Taut immer von Außenwohnräumen. Die Bewohner sollten sich dort gern aufhalten und mit anderen kommunizieren."

"Licht, Luft, Sonne für alle", lautete Tauts Kontrastprogramm zur innerstädtischen Mietskaserne, die damals über weite Strecken die triste Wohnwirklichkeit der Hauptstadt prägte. "Zeige mir, wie Du wohnst, und ich werde Dir sagen, wie es um Dich steht", schrieb Taut 1927. Mit der betont modernen Ästhetik verband er ein Gemeinschaftsideal. Bauwerke sollten "Kristallisationspunkte des Gemeinschaftsgefühls werden, hatte Taut schon 1920 postuliert.

Der Anspruch ist nicht ungewöhnlich. Architekten und Stadtplaner wollen immer auch ein bisschen "Gesellschaft erbauen". Immer wieder gab es in der Geschichte Versuche, Utopien in städtebauliche Wirklichkeit umzusetzen; Idealstadtgründungen sollten zeigen, dass bessere Formen des sozialen Zusammenlebens gelingen können. Als Idealstadt geplant, passten sich die Siedlungen indes zumeist in der Realität dem Alltagsgebrauch an und büßten ihren utopischen Anspruch ein - Brasiliens Retorten-Hauptstadt Brasilia etwa gilt manchem dafür als prominentes zeitgenössisches Beispiel.

Auch Taut musste in der Hufeisensiedlung Abstriche von seinem Ideal hinnehmen. Während der Errichtung der Großsiedlung spiegelten spätere Bauetappen Ende der 1920er Jahre die wirtschaftlichen Probleme wider. War die zugeteilte Bodenfläche anfangs noch großzügig bemessen, wurde sie in den Folgejahren immer geringer. Tauts visionärer Erweiterungsplan konnte nicht mehr umgesetzt werden; sein sozialer Anspruch, Wohnungen für Fabrikarbeiter zu schaffen, scheiterte an Baukosten und steigenden Hypothekenzinsen. Angestellte, Beamte und Handwerker bezogen die Wohnungen. Gleichwohl war die Hufeisensiedlung das erste Großprojekt gewerkschaftlicher Wohnungsfürsorge nach dem damaligen architektonischen Leitbild des "Neuen Bauens".

Entwürfe des idealen Zusammenlebens gibt es seit der Antike - angefangen mit Platons staatstheoretischen Überlegungen in der "Politeia". Die Anzahl der tatsächlich umgesetzten Planungen ist demgegenüber recht gering. Für den 1993 verstorbenen Kunsthistoriker Hanno-Walter Kruft konnten Idealstadtkonzepte erst ab dem Frühhumanismus entwickelt werden. "Utopie, ästhetische Reflexion und urbanistische Umsetzung müssen zusammentreten, wenn man von einer ,Idealstadt' sprechen soll", schrieb Kruft in seinem Buch "Städte in Utopia". Parallel zu den literarischen Utopien von Denkern wie Thomas Morus und Tommaso Campanella entstanden danach an der Schwelle zur Neuzeit Idealstadtentwürfe Albrecht Dürers; der Bau der "ersten Idealstadt" Pienza in der Toskana korrespondiert ab 1459 für Kruft nicht zufällig mit "der ersten Architekturtheorie der Neuzeit", die Leo Battista Alberti 1452 abgeschlossen hatte. Kruft verstand Idealstädte als tatsächlich umgesetzte Planungen, denen eine Staats- oder Sozialutopie zugrunde liegt und deren Erbauer architektonisch und ästhetisch so bauen wollten, dass die gewünschte Lebensform möglich wird. Die Stadt soll danach Abbild einer Vorstellung sein, die über die vorhandene Wirklichkeit hinausgeht und sie verändern möchte.

Haben Theoretiker wie Thomas Morus Gesellschaftsentwürfe vorgelegt, die auch städtebauliche Rahmen enthielten, zielt andererseits eine Vielzahl städteplanerischer Visionen auf ein harmonischeres Zusammenleben der Gesellschaft ab. Dazu zählt etwa die vom britischen Stadtplaner Ebenezer Howard Ende des 19. Jahrhunderts publizierte Idee der Gartenstadt - eine Antwort auch auf die mit der industriellen Revolution verbundene Umwälzung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Hatte es zu Beginn des 19. Jahrhunderts weltweit noch keine einzige Millionenstadt gegeben, sah der Übergang zum 20. Jahrhundert bereits rund ein Dutzend solcher Metropolen: Großstädte, die als Ort der Enge und des Chaos galten, als Spiegel einer inhumanen Gesellschaft. Howards Gartenstadtidee zielte auf lichte, mittelgroße Neugründungen im Umland der Großstädte, mit denen die Trennlinie zwischen Stadt und Land überwunden werden sollte. Ihre Umsetzung schloss freilich nicht nur in England etwa Arbeiter aufgrund der Mietkosten aus.

An Howards Konzept erinnert auch die Vorstellung des US-Amerikaners Frank Lloyd Wright aus den 1930er Jahren, die Menschen auf dem Land anzusiedeln und über autogerechte Verkehrswege an das urbane Zentrum anzukoppeln. Andere Überlegungen entwickelte beispielsweise der französische Architekt Charles Le Corbusier mit seiner "Wohnmaschine", bei der ein Wohnturm eine komplette städtische Infrastuktur von Werk- und Sportstätten bis hin zu Wäschereien, Schulen und Restaurants enthielt.

Viele Vorstellungen blieben in der Planung stecken, manche wurden teilweise umgesetzt. Bildeten etwa bei Alfred Krupps Werkwohnungen in Essen wirtschaftliche Interessen die Hauptmotivation oder lässt sich bei den italienischen Futuristen des vergangenen Jahrhunderts eine noch ungebrochene Fortschrittsgläubigkeit als Antriebsfeder erkennen, standen bei anderen soziale Beweggründe im Vordergrund.

Antworten auf Umbrüche Dabei hat jede Vision von Stadt ein bestimmtes Modell des Zusammenlebens vor Augen. Städtebauliche Utopien sind auch Antwortversuche auf die Probleme ihrer Zeit, auf Landflucht etwa und neue Verkehrsformen. Waren die Arbeiterwohnsiedlungen des 19. Jahrhunderts eine Reaktion auf die miserablen Wohnbedingungen in den Industriestädten, suchen Stadtplaner heute nach Antworten auch auf Klimawandel und Gentrifizierung. Die Idealvorstellungen einer Stadt verändern sich wie die Lebensbedingungen ihrer Bewohner, doch bleiben die Utopien auch in Zukunft ein Schrittmacher der Entwicklung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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