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WohnungsMANGEL
Christian Hunziker
Boomstädte im Baufieber

Mit unterschiedlichen Instrumenten wollen Großstädte den Bau neuer Immobilien ankurbeln und den Markt entlasten

Geht es nach dem Willen der Rathausspitze von Frankfurt am Main, so wird in einigen Jahren im Westen der Stadt ein neues Viertel mit rund 10.000 Wohnungen stehen. 550 Hektar groß ist das dafür ins Auge gefasste Areal, das sich beidseits der Autobahn A5 hinzieht und dazu beitragen soll, den akuten Mangel an Wohnraum in der Bankenmetropole zu beheben. "Aufgrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums reichen die Projekte der Innenentwicklung nicht aus", sagt Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). "Deshalb sind wir auch auf die Außenentwicklung angewiesen und gehen nun an die Schaffung eines neuen Stadtteils heran."

Vor ähnlichen Problemen stehen die Verantwortlichen in zahlreichen deutschen Großstädten. Ob in Frankfurt oder Freiburg, in Hamburg oder Heidelberg, in München oder Münster - überall mangelt es an Wohnraum. Der anhaltende Zuzug in die Großstädte führt zu einem Wachstum der Einwohnerzahl und damit zu einer stärkeren Wohnungsnachfrage, während gleichzeitig die Bautätigkeit nicht so recht auf Touren kommt und immer weniger Bauland zur Verfügung steht.

Als Folge dieser Entwicklung spitzt sich die Wohnungsknappheit zu. Eine "gravierende Unterversorgung von Wohnraum in vielen Ballungsräumen" diagnostiziert das Forschungsinstitut Prognos in einer vor kurzem vorgelegten Studie. Und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) stellt fest, dass in den besonders betroffenen Metropolen viel weniger Wohnungen errichtet werden, als eigentlich erforderlich wären.

Frankfurt wächst in die Region Vor diesem Hintergrund suchen die Städte nach Wegen, den Wohnungsbau anzukurbeln. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Ansätze. Frankfurt am Main zum Beispiel setzt nicht nur auf das neue Wohngebiet an der Autobahn, sondern auch auf eine Kooperation mit dem Umland. "Der Wohnungsneubau macht nicht an den Stadtgrenzen halt, sondern ist eine Aufgabe der gesamten Metropolregion", verdeutlicht dies Oberbürgermeister Feldmann. In diesem Jahr haben deshalb die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding und die SEG Stadtentwicklungsgesellschaft Wiesbaden eine gemeinsame Gesellschaft gegründet mit dem Ziel, in der Metropolregion Rhein-Main Flächen für den Wohnungsbau zu aktivieren.

Neue Baugebiete plant auch die Freie und Hansestadt Hamburg - so sollen zum Beispiel auf einem ehemaligen Bahnareal in Altona ("Mitte Altona") rund 3.500 Wohnungen entstehen. Vor allem aber ist Hamburg diejenige Großstadt, die den Wohnungsbau früh zur Chefsache gemacht und es mit einem Bündel an Maßnahmen geschafft hat, die Zahl der fertig gestellten Wohnungen innerhalb von fünf Jahren zu verdoppeln. Ausgangspunkt dafür war das "Bündnis für das Wohnen in Hamburg", mit dem sich Senat und Wohnungswirtschaft 2011 zum gemeinsamen Ziel bekannten, mehr Wohnungen zu bauen.

Eingebunden sind auch die Bezirke; sie haben sich verpflichtet, Bauanträge innerhalb von sechs Monaten zu bearbeiten. Gemäß der mittlerweile aktualisierten Fassung des Bündnisses soll jährlich der Bau von 10.000 Wohnungen genehmigt werden, wovon 3.000 öffentlich gefördert sein sollen. Allein die städtische Wohnungsbaugesellschaft SAGA will jedes Jahr 2.000 Wohnungen fertig stellen.

Sozialer Blick in Berlin "Die landeseigenen Gesellschaften sind bei der Wohnraumversorgung unsere wichtigsten Partner", sagt auch Berlins Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke). Die sechs Wohnungsbaugesellschaften des Landes Berlin sollen deshalb in den kommenden vier Jahren mindestens 30.000 Wohnungen errichten. Dabei berücksichtigt der Senat auch einen zentralen Engpass für den Wohnungsbau, nämlich die Verfügbarkeit von Grundstücken: Landeseigene Grundstücke überträgt er gezielt an seine eigenen Gesellschaften, damit diese darauf günstige Mietwohnungen bauen können.

Auch sonst legt der Berliner Senat großen Wert darauf, dass nicht nur Eigentumswohnungen und gehobene Mietwohnungen entstehen. Bei den Projekten der landeseigenen Gesellschaften müssen deshalb 50 Prozent der entstehenden Einheiten mietpreis- und belegungsgebunden sein und damit denjenigen Berlinern offen stehen, die über einen Wohnberechtigungsschein (WBS) verfügen. In die Pflicht nimmt der Senat aber auch private Entwickler: Bei Vorhaben, für die ein Bebauungsplan aufgestellt wird, müssen sie 30 Prozent der entstehenden Wohnfläche als Sozialwohnungen realisieren.

Damit orientiert sich Berlin am Vorbild Münchens, das bereits 1994 die Sozialgerechte Bodennutzung (SoBoN) eingeführt hat. "Das Grundprinzip ist, Planungsbegünstigte an den ursächlichen Kosten und Lasten, die durch eine kommunale Bauleitplanung ausgelöst werden, angemessen zu beteiligen", heißt es bei der bayerischen Landeshauptstadt. Gut 46.000 Wohnungen sind bis Ende 2016 nach den SoBoN-Grundsätzen geschaffen worden, davon 12.000 im geförderten Wohnungsbau. Allerdings weist München mit einer durchschnittlichen Angebotsmiete von 18,70 Euro pro Quadratmeter nach Angaben der Immobilienberatungsgesellschaft JLL trotzdem die höchsten Wohnkosten aller deutschen Großstädte auf.

Deutlich entspannter ist die Situation in Leipzig mit einer durchschnittlichen Angebotsmiete von 6,55 Euro pro Quadratmeter. Dennoch beweist die Messestadt, dass selbst Städte, die noch vor wenigen Jahren mit einem hohen Wohnungsleerstand zu kämpfen hatten, mittlerweile eine Strategie für den Wohnungsbau entwickeln. Denn die Einwohnerzahl der sächsischen Großstadt ist zwischen 2011 und 2016 um fast 62.000 auf knapp 580.000 gestiegen. Laut der offiziellen Bevölkerungsvorausschätzung könnten 2030 sogar 722.000 Menschen in Leipzig wohnen, was den Bau von 59.000 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern erforderlich machen würde.

"Wir haben uns das Ziel gesetzt, dafür vorwiegend Flächen innerhalb der Stadt zu nutzen", sagt Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos). Vier große Areale stehen für den Wohnungsbau zur Verfügung, darunter der ehemalige Freiladebahnhof in Eutritzsch, der Platz für rund 2.000 Wohnungen bietet.. Und auch die städtische Wohnungsbaugesellschaft LWB beschäftigt sich erstmals seit vielen Jahren wieder mit dem Neubau: 500 bis 600 Wohnungen will sie bis zum Jahr 2020 errichten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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