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Claus Peter Kosfeld
»Autofahrer sind gestresst wie Kampfpiloten«

Der Psychiater Mazda Adli befasst sich mit Auswirkungen des Stadtlebens. Verkehr wird als belastend empfunden

Herr Adli, in Großstädten leiden Bewohner unter Abgasen, Feinstaub, Lärm und Stress. Was ist aus Ihrer Sicht das hauptsächliche Gesundheitsproblem?

Lärm und Feinstaub sind gut untersuchte Gesundheitsbelastungen. Weniger bekannt ist der soziale Stress und seine Rolle für die psychische Gesundheit. Dieser Stress erwächst aus der Kombination von sozialer Dichte und sozialer Isolation. Wenn beides gleichzeitig auf uns einwirkt, wird sozialer Stress gesundheitsrelevant, vor allem, wenn er subjektiv unkontrollierbar erscheint.

Was heißt das konkret?

Die Dichte in einer Stadt macht uns dann etwas aus, wenn sie mit sozialen Problemen einhergeht. Wenn man in beengten Verhältnissen wohnt und durch dünne Wände die lauten Fernseher der Nachbarn hört, diese Nachbarn aber gar nicht richtig kennt, erlebt man Isolation und Dichte gleichzeitig.

Sind psychische Störungen bei Städtern stärker verbreitet?

Die Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen ist bei Stadtbewohnern messbar größer. Das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, ist mindestens doppelt so groß, bei in der Stadt aufgewachsenen Personen fast drei Mal so groß. Das Depressionsrisiko ist anderthalb Mal so groß und das Risiko für Angsterkrankungen ist ebenso höher als bei der Landbevölkerung. Dahinter steht ein stressabhängiger Mechanismus. Wenn Stress chronisch und unkontrollierbar wird, können solche Folgeerkrankungen auftreten. Das Gehirn von Stadtbewohnern reagiert viel empfindlicher auf sozialen Stress.

Macht die Großstadt den Leuten also per se Angst?

Nein, das kann man nicht sagen. Für die meisten Menschen ist das Stadtleben ja etwas Gutes und bedeutet Vielfalt, Stimulation, Bildung, Chancen auf Wohlstand und eine gute Gesundheitsversorgung. Hinzu kommt der kulturelle Reichtum, der für viele Menschen überhaupt der Grund ist, in die Stadt zu ziehen. Das ist also der gesunde Teil der Stadt.

Gerade Kultureinrichtungen wirken sozialer Isolation entgegen, weil sie Menschen zusammenbringen. Jedes Theater hat im Grunde auch einen öffentlichen Gesundheitsauftrag. Problematisch wird es für jene Menschen, die keinen Zugang finden zu den städtischen Vorteilen.

Einige Gesundheitsrisiken haben mit dem hohen Verkehrsaufkommen zu tun. Wie äußert sich das?

Wenn man Leute fragt, was sie in der Stadt am stärksten belastet, nennen die meisten den Verkehr, die Arbeitswege und Staus. Untersuchungen belegen, dass Staus und Pendlerwege erheblichen Stress hervorrufen können. Eine Studie hat ergeben, dass Autofahrer im Berufsverkehr eine Stressreaktion zeigen können, die vergleichbar ist mit der eines Kampfpiloten im Einsatz. Die AOK hat vor einiger Zeit eine Untersuchung über Pendler und deren psychische Gesundheit vorgelegt. Mit längerem Arbeitsweg steigt demnach die psychische Belastung. Untersuchungen zeigen auch, dass die Fahrrad-Pendler am zufriedensten sind, gefolgt von Fußgängern und ÖPNV-Nutzern. Schlusslicht sind die Autofahrer.

Verkehr steht ja auch für Lärm. Was bewirkt das bei Menschen?

Lärm ist ein bekannter Belastungsfaktor in der Umweltmedizin und gut untersucht. Lärm kann zu akustischem Stress werden, wenn etwas einfach schmerzhaft laut ist. Er kann aber auch sozialen Stress bewirken. Das geschieht dann, wenn der Stadtlärm unsere territorialen Grenzen infrage stellt. Wenn zum Beispiel laute Motorengeräusche von der benachbarten Straße in unsere Wohnung dringen, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen könnten. Das wird zu Territorialstress, weil, evolutionär ableitbar, das eigene Revier infrage gestellt wird.

Welche Bedeutung haben Schlafstörungen als Folge des ständigen Lärms?

Es gibt Lärmgrenzen, die den Schlaf schwer machen. Ab etwa 50 Dezibel. Eine viel befahrene Straße, die auch nachts nicht zur Ruhe kommt, kann das bewirken. Schlaf und Konzentration können empfindlich gestört werden durch Lärm. Auch die Schulleistungen von Kindern sind messbar schlechter, wenn sie an einer lauten Straße leben.

Auch Lärm ist im Übrigen leichter auszuhalten, wenn er kontrollierbar ist. Das zeigt den sozialen Faktor: Das Problem, dem Lärm hilflos ausgeliefert zu sein, stellt den Stress in seiner Gesundheitsrelevanz erst so richtig scharf.

Was könnte verändert werden, um die Gesundheitsrisiken zu reduzieren?

Veränderungen sind tatsächlich das Gebot der Stunde, weil wir in einer sich rasant urbanisierenden Welt leben. Öffentliche Plätze spielen dabei eine Rolle, weil Menschen sich dort austauschen können. Auch breite Bürgersteige sind gute Verweilzonen, nicht nur Transitzonen. Das ließe sich ausbauen. Eine Straße sollte Anwohner dazu anregen, vor die Haustür zu treten. Das wirkt der sozialen Isolation entgegen. Auch Parks oder kleine Taschenparks sind wichtig. Ein Stadtgrün, das für viele psychische Funktionen günstig ist, verbessert die Konzentration und Schulleistungen von Kindern. Auch die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, wird geringer, wenn ein Grün in erreichbarer Nähe ist.

Unterscheiden sich deutsche Städte von ausländischen, was den Stressfaktor betrifft?

Da gibt es deutliche Unterschiede. Die Verstädterung, die wir im globalen Süden erleben, in den Mega-Citys der Schwellenländer, findet in viel größeren Dimensionen statt. Es gibt diese Endlosstädte, die weit über Verwaltungsgrenzen hinaus gewachsen sind. Das ist eine unstrukturierte, informelle Urbanisierung und das bringt dann noch gravierendere Probleme mit sich.

Das Interview führte Claus Peter Kosfeld.

Der Privatdozent Mazda Adli ist Chefarzt an der Fliedner Klinik in Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Charité.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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