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Veränderungen
Christian Hunziker
Der permanente Wandel

Städte müssen sich immer wieder neuen Verhältnissen anpassen. Das läuft nicht ohne Konflikte ab

An einem Samstag im Mai herrschte in der Leipziger Südvorstadt Ausnahmezustand. 450 Mütter und Väter standen Schlange, um ihrem Nachwuchs einen Platz in einer neuen Kindertagesstätte zu sichern. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf eines der größten Probleme der sächsischen Messestadt: Obwohl die Rathausspitze viel Energie darauf verwendet, mehr Kitas errichten zu lassen, hält die Bautätigkeit mit dem Bedarf nicht Schritt - denn es kommen wesentlich mehr Kinder zur Welt, als die Planer noch vor wenigen Jahren errechnet haben.

Das Leipziger Kitaproblem steht stellvertretend für eine grundsätzliche Herausforderung, mit der Städte konfrontiert sind: Während Gebäude und Infrastruktur für Jahrzehnte und manchmal Jahrhunderte angelegt sind, verändern sich demografische, gesellschaftliche und politische Umstände oft innerhalb weniger Jahre. Deshalb müssen Politiker, Architekten und sonstige Planer nach Wegen suchen, wie sich städtische Strukturen den sich stetig wandelnden Anforderungen anpassen lassen. "Wohnungsbau und Architektur", stellt Hessens Stadtentwicklungsministerin Priska Hinz (Bündnis 90/Die Grünen) fest, "sind keine statischen Konstrukte, sondern wandelnde und flexible Instrumente, um auf neue Wohnbedürfnisse zu reagieren."

Neubau statt Abriss Wie schnell solche Veränderungen eintreten können, zeigt ein Blick auf die jüngste Vergangenheit. Noch kurz vor der Jahrtausendwende hatten viele der heute stark wachsenden Städte mit einem Bevölkerungsrückgang zu kämpfen - auch Leipzig. Die dortige Rathausspitze reagierte auf die Prognosen eines weiteren Einwohnerverlusts, indem sie im Rahmen des Programms Stadtumbau Ost Tausende von Wohnungen abreißen ließ. Doch seit einigen Jahren wächst Leipzig wieder deutlich, weshalb die Stadt nun nicht mehr auf Abriss, sondern auf Neubau setzt. Doch was passiert, wenn sich die Prognostiker erneut täuschen sollten? Muss dann wieder die Abrissbirne in Aktion treten? Und sind dann möglicherweise viele der Kitaplätze unbelegt, die die Stadt jetzt mit großer Mühe errichtet?

Zusätzlich an Brisanz gewinnen diese Fragen, weil gleichzeitig zahlreiche Städte vor allem im ländlichen Raum weiter schrumpfen. Manche Landkreise verloren zwischen 2000 und 2015 ein Fünftel ihrer Einwohner wie das Bundesinstitut für Bau-Stadt- und Raumforschung (BBSR) errechnet hat. Die sächsische Stadt Hoyerswerda beispielsweise zählt heute nur noch halb so viele Einwohner wie 1989. In Hoyerswerda und anderen schrumpfenden Städten Ostdeutschlands wurden deshalb ganze Stadtteile komplett abgerissen.

Wie schnell sich Umstände ändern können, führte zuletzt die große Flüchtlingswelle von 2015 und 2016 vor Augen. Unter gewaltigem Zeitdruck mussten die Kommunen Hunderttausende von Übernachtungsplätzen schaffen. Mancherorts mieteten sie deshalb leer stehende Immobilien an, nur um bald festzustellen, dass die Zuwanderungszahlen nicht auf dem erwartet hohen Niveau blieben und viele der angemieteten Flächen gar nicht benötigt wurden.

Erforderlich sind deshalb auch in diesem Bereich flexible Lösungen, wie sie beispielsweise die Wohnungsbau Ludwigsburg (WBL) realisiert hat. Die Wohnungsbaugesellschaft stellte im Juni ein Pilotprojekt für die Unterbringung von Flüchtlingen fertig: zwei dreigeschossige Gebäude aus Holz, die in typologisierter Bauweise errichtet sind und unterschiedliche Grundrissvarianten ermöglichen. Wenn die Häuser eines Tages nicht mehr für Flüchtlinge benötigt werden, können sie mit Balkonen und Loggien ausgestattet und dem allgemeinen Wohnungsmarkt zugeführt werden.

"Das Bauen und die Wohnformen werden sich in naher Zukunft deutlich verändern", sagt WBL-Geschäftsführer Andreas Veit. "Denn unsere Städte müssen sich den Veränderungen durch Faktoren wie demografischer Wandel, Zuwanderung, Nachhaltigkeit und Klimaschutz anpassen." Ähnlich sieht das Ingo Malter, Geschäftsführer des landeseigenen Berliner Wohnungsunternehmens Stadt und Land. "Unsere neu gebauten Wohnungen müssen wandlungsfähig sein", sagte er auf einem Symposium über neue Ansätze im Wohnungsbau. "Sie müssen für mehr als eine Generation halten und später durch unkomplizierten Umbau möglichen neuen Nutzungskonzepten angepasst werden können."

Wie das konkret passieren kann, will das Bundesbauministerium mit dem "Modellvorhaben Variowohnen" aufzeigen. "Variowohnungen bieten intelligente Lösungen für den demografischen Wandel", sagt Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD). "Sie sind flexibel nutzbar, heute für Studierende oder Azubis und in Zukunft womöglich für Senioren." Gefördert werden deshalb Projekte, die günstigen Wohnraum für Studierende schaffen, aber so konzipiert sind, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt ohne großen Aufwand für Familien oder ältere Menschen nutzbar gemacht werden können.

Gerade die Alterung der Gesellschaft verlangt nach Anpassungen des Gebäudebestands und des öffentlichen Raums. Doch dabei kann es zu Zielkonflikten kommen: Einerseits sollten Immobilien vor dem Hintergrund des demografischen Wandels möglichst barrierefrei sein. Andererseits verteuern Schwellenfreiheit und Aufzüge die Baukosten, was der Forderung nach günstigem Wohnraum widerspricht.

Flexibles Baurecht Damit sich Städte den sich verändernden Umständen anpassen können, brauchen sie auch ein flexibles Baurecht. In diesem Jahr hat der Bund deshalb mit dem Urbanen Gebiet eine neue Baugebietskategorie eingeführt, in der weniger strenge Lärmschutzvorgaben gelten und die es so ermöglicht, auch in der Nähe von Gewerbebetrieben Wohnraum zu schaffen. Damit unterstützt das Urbane Gebiet das Ziel, der Innenentwicklung den Vorrang vor dem Bau neuer Siedlungen auf der grünen Wiese zu geben.

Doch auch hier tut sich ein Zielkonflikt auf, den das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einem im Auftrag des Bauministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen erstellten Gutachten benennt: den "möglichen Konflikt zwischen Innenentwicklung (Leitbild der kompakten Stadt) mit baulicher Verdichtung zur Reduzierung des Flächenbedarfs und aufgelockerter Bebauung zur besseren Durchlüftung und Abkühlung der Städte". Damit spricht das Wuppertal Institut die Notwendigkeit an, dass sich Städte an den Klimawandel anpassen müssen. Dieser Aufgabe stellen sich Kommunen mit unterschiedlichen Instrumenten. So hat Unna eine Gefahrenkarte erarbeitet, die zeigt, welche Bereiche der Stadt durch Starkregen besonders gefährdet sind. Und Saarbrücken hat nachgewiesen, dass der Einsatz heller Oberflächenmaterialien in der Freiflächengestaltung an heißen Sommertagen für Abkühlung sorgt.

Eine der größten Herausforderungen für die Wandlungsfähigkeit der Städte ist aber die sich verändernde Mobilität. Untersuchungen zeigen, dass vor allem für junge Menschen der Besitz des eigenen Autos an Bedeutung verloren hat. Gleichzeitig eröffnen Carsharing und Elektromobilität neue Formen der Fortbewegung. Auch auf diese Entwicklung reagiert das Baurecht, indem immer mehr Städte darüber diskutieren, ob starre Stellplatzregelungen noch zeitgemäß sind. Während Berlin und Hamburg die entsprechenden Vorgaben abgeschafft haben, hat Frankfurt am Main ein System eingeführt, das die Zahl der erforderlichen Stellplätze davon abhängig macht, wie gut ein Standort an den öffentlichen Verkehr angebunden ist.

Die eigentliche Herausforderung steht den Städten aber noch bevor: Sollte sich tatsächlich das fahrerlose Auto durchsetzen, so könnte die Anpassungsfähigkeit städtischer Strukturen ernsthaft auf die Probe gestellt werden. "In den kommenden 50 bis 60 Jahren wird sich so viel verändern, dass wir von einer historischen Dimension sprechen können", prophezeit Mathias Mitteregger von der Technischen Universität Wien, der im Auftrag der Daimler und Benz Stiftung ein länderübergreifendes Forschungsvorhaben über autonomen Verkehr koordiniert. Experten zufolge könnte ein Carsharing-System auf Basis selbstfahrender Autos periphere Wohnlagen attraktiver machen. Und weil autonome Autos nicht zwingend in der Innenstadt parken müssen, könnten große Flächen im Zentrum für eine neue Nutzung frei werden: eine Chance für die Städte, zu beweisen, dass sie sich immer wieder neu erfinden können.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin mit den Schwerpunkten Immobilien, Architektur und Stadtentwicklung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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