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INKLUSION
Christian Hunziker
Auf dem Weg zur barrierefreien Stadt

Menschen mit Handicap wollen uneingeschränkt am urbanen Leben teilhaben

Zwei Stufen vor der Bäckerei oder dem Drogeriemarkt sind für Menschen ohne Gehbehinderung kein Problem. Für Rollstuhlfahrer aber bedeuten sie ein unüberwindbares Hindernis. Und auch Menschen, die auf den Rollator angewiesen sind oder Eltern mit Kinderwagen fühlen sich in einer solchen Situation ausgeschlossen.

Das ist nur ein Beispiel für die Einschränkungen im öffentlichen Raum, mit denen Menschen mit Handicap zu kämpfen haben. Arztpraxen im zweiten Stock ohne Aufzug, extrem kurze Ampel-Grünphasen für Fußgänger und defekte Aufzüge in U-Bahnstationen, aber auch hoch komplexe und entsprechend schwer verständliche Behördentexte - in all diesen Fällen zeigen sich die Grenzen der Inklusion. "Im Alltag stoßen Menschen mit Behinderungen noch immer auf viele Barrieren: beim Bahnfahren, am Geldautomaten, beim Einkaufen oder beim Arztbesuch", kritisiert deshalb Hannelore Loskill, die Sprecherratsvorsitzende des Deutschen Behindertenrats.

Inklusion bedeutet laut einer Definition der Aktion Mensch, "dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Egal wie du aussiehst, welche Sprache du sprichst oder ob du eine Behinderung hast." Dabei kommen Maßnahmen zur Barrierereduktion eine besondere Bedeutung zu. 2009 verpflichtete sich deshalb die Bundesrepublik mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention, geeignete Maßnahmen für eine barrierefreie Gesellschaft zu treffen.

Auch die 2016 verabschiedete Neufassung des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) verfolgt das Ziel, Inklusion zu ermöglichen. Als Ziel formuliert der Gesetzestext, "die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen zu beseitigen und zu verhindern sowie ihre gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten". Allerdings kritisieren Behindertenvertreter, dass das Gesetz der Privatwirtschaft keine zwingenden Vorgaben macht. "Das neugefasste Behindertengleichstellungsgesetz verpflichtet einzig die Bundesverwaltung sowie die Sozialleistungsträger, Standards zur Barrierefreiheit einzuführen", bemängelt Hannelore Loskill vom Deutschen Behindertenrat.

Doch auch zahlreiche private und kommunale Einrichtungen engagieren sich für die inklusive Stadt. So hat die Aktion Mensch die "Initiative Kommune Inklusiv" gestartet, mit der sie das lokale Zusammenwirken von Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung fördern will. In einem mehrstufigen Verfahren wählte die Aktion Mensch fünf Kommunen (Erlangen, Nieder-Olm, Rostock, Schneverdingen und Schwäbisch Gmünd) aus, in denen Inklusion modellhaft umgesetzt werden soll.

Eine ganz praktische zivilgesellschaftliche Initiative ist die seit 2010 verfügbare interaktive Karte wheelmap.org. Diese vom Verein Sozialhelden e.V. auf den Weg gebrachte Karte verzeichnet über 750.000 öffentlich zugängliche Einrichtungen wie Cafés, Schwimmbäder und Bibliotheken und zeigt an, ob sie für Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Mobilitätseinschränkung vollumfänglich, gar nicht oder eingeschränkt zugänglich sind.

Einen umfassenden Ansatz verfolgt das Forschungsprojekt UrbanLife+, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. In zwei Mönchengladbacher Stadtteilen testen mehrere Projektpartner unter Federführung der Universität Hohenheim, wie sich Quartiere unter Einsatz innovativer technischer Lösungen so gestalten lassen, dass sich mobilitätseingeschränkte Personen gut bewegen können. Geplant sind beispielsweise Bordsteine, die sich für Rollatoren absenken, Straßenlaternen, die ihre Beleuchtung demSehvermögen der Passanten anpassen und Sensoren, die auf Gefahren an Straßenübergängen hinweisen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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