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Nachbarschaft
Mirko Heinemann
Die »Integrationsmaschine« läuft nicht mehr wie geschmiert

Eine Initiative aus Berlin zeigt, wie in der Stadt funktionieren kann. Doch explodierende Mieten und soziale Polarisierung bedrohen das Gefüge

Als 2007 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg die Kurt-Tucholsky-Bibliothek schließen sollte, liefen die Anwohner Sturm: "Mehr als 80 Nachbarn protestierten in der Bibliothek, als der Stadtrat dort die Schließung des Standorts verkündete", erinnert sich Joachim Poweleit. Er sitzt mit seinen Mitstreiterinnen Angie Leichtenberger und Christine Kahlau in einem Straßencafé. Kahlau ergänzt: "Vorangegangen war ein Kahlschlag bei anderen öffentlichen Einrichtungen. Die Schließung der Bibliothek brachte das Fass zum Überlaufen."

Den Beschluss der Bezirksverwaltung mussten die Anwohner hinnehmen. Aber die Schließung verhinderten sie dennoch: Noch heute gewährleisten in der Stadtteilbücherei im Bötzow-Viertel etwa zwei Dutzend Ehrenamtliche, dass die Bibliothek zu festen Öffnungszeiten besucht werden kann. Im kommenden Jahr, so hoffen sie, könnte sie wieder von der öffentlichen Hand betrieben werden.

Aus dem Kreis der Protestler erwuchs der Nachbarschaftsverein "Pro Kiez Bötzow-Viertel", in dem heute etwa 80 Aktive organisiert sind. Der Verein gliedert sich in Arbeitsgruppen, die sich wiederum in Projekten engagieren: Die AG Kultur organisiert Veranstaltungen im Viertel, die AG Bürgerbeteiligung möchte Versorgung und Infrastruktur verbessern, die AG Sommerfest veranstaltet einmal pro Jahr ein Fest auf dem Stadtplatz, und die Gärtnerinitiative arbeitet an der Begrünung des Viertels.

Anonymität und Gemeinschaft "Was wir unter einer guten Nachbarschaft verstehen, ist natürlich relativ", sagt Martin Kronauer. Der Berliner Soziologe forscht über das Zusammenleben in Städten und versteht Nachbarschaft als Balance zwischen Anonymität und Gemeinschaft, die je nach sozialer Gruppe unterschiedlich interpretiert wird. Eine funktionierende Nachbarschaft, meint Kronauer, vermittle vor allem Sicherheit. "Da die Übersichtlichkeit der Vororte und Dörfer in den Innenstadtquartieren fehlt, hat das soziale Leben in Großstädten - positiv wie negativ - immer auch etwas Unberechenbares an sich."

Das Bötzow-Viertel gehört zum Stadtteil Prenzlauer Berg, dessen Lage seit der Wende von Immobilienfirmen aggressiv vermarktet wird. Allerdings hielt sich im Gegensatz zu anderen Vierteln der Wohnungsleerstand in Grenzen. Viele Alteingesessene leben noch heute hier, so wie Christine Kahlau und Joachim Poweleit. Für den Rentner bedeutet Nachbarschaft "das Gefühl, dass ich weiß, wo ich klingeln kann, wenn ich etwas brauche. Zugleich geht man sich aber gegenseitig nicht auf den Wecker."

Seine Tischnachbarin, die viel jüngere Angie Leichtenberger, zog 2002 hierher. "Ich fand es hier sehr bürgerlich", erinnert sie sich. Zuvor hatte sie an einem Stadtplatz gewohnt, auf dem sich Alkoholiker trafen und Drogen gehandelt wurden. "Das Viertel war total aus der Balance geraten", erzählt sie. "Viele zogen weg, andere zogen zu, es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Deshalb fühlte sich auch niemand verantwortlich."

Leichtenberger wuchs im Schwarzwald auf, "wo die Leute hinter den Vorhängen standen und durch das Fenster beobachteten, was draußen vor sich ging". Sie floh nach Berlin und folgte damit der Verheißung der Großstadt, die der Soziologe Martin Kronauer so definiert: "Es ist das Versprechen, zwischen Anonymität und persönlicher Nähe wechseln und wählen zu können." Dazu komme das "Versprechen der Individualisierung" und das Versprechen eines "besseren Lebens".

Wachsende Ungleichheit Soziologen sehen die europäische Stadt seit jeher als "Integrationsmaschine", die Unterschiede nivelliert und soziale Durchlässigkeit ermöglicht. In den vergangenen Jahren aber beobachten sie einen neuen Trend. "Die Schicht der mittleren Einkommen wird immer dünner", erläutert Kronauer. "Hohe Einkommen und niedrige Einkommen nehmen zu." Zugleich zieht es Familien und Besserverdienende nicht mehr in die Vororte, sondern zurück in die Innenstädte. Dort entstünden dann sozial homogene Gebiete. Zugleich nehme die soziale Ungleichheit zwischen den Stadtvierteln zu. Damit laufe die Stadt Gefahr, ihre Funktion als Integrationsmaschine zu verlieren, sagt Kronauer. In "polarisierten Städten" aber spalte sich die Stadtgesellschaft statt zu integrieren, soziale Spannungen würden verstärkt.

Ein verstärkender Effekt entsteht durch die explosionsartig steigenden Mieten - ein Thema, das bei den drei Nachbarschaftsaktivisten starke emotionale Reaktionen auslöst: "Ich bin in diesem Kiez verwurzelt und möchte hier wohnen bleiben", sagt Christine Kahlau. Die Künstlerin fühlt sich bedroht, weil die Mieten unaufhaltsam steigen. Viele ihrer Freunde mussten deshalb schon umziehen. "Ich finde es besorgniserregend, dass Berlin es den Investoren überlässt, wie die Mieten sich entwickeln - und damit auch die Zusammensetzung der Mieter- und Nachbarschaft."

"Pro Kiez" will dagegen halten. "Wir wollen auf den Verbleib von Haushalten mit durchschnittlichen Einkommen im Gebiet achten", heißt es in den Zielen des Vereins. Dieser Aufgabe müsste sich die Politik viel stärker widmen, finden die drei Aktivisten und winken einem Freund zu, der am Café vorbeischlendert.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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