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Smart City
Judith Lembke
Schlau, aber leer

Das südkoreanische Songdo rühmt sich, die intelligenteste Stadt der Welt zu sein. Das asiatische Utopia sieht sich als Modell für die Zukunft

Wenn die Zukunft aussieht wie das südkoreanische Songdo schon heute, wird sie ziemlich einsam. Die eigene Wohnung muss man kaum noch verlassen, denn gibt es ein Problem, wird der Hausmeister per Videochat vom Sofa aus kontaktiert. Nachbarn trifft man nicht mehr an der Haustür oder im Flur, sondern in virtuellen Foren. Auch der Gang zum Arzt bleibt dem Bewohner der Zukunft erspart, denn beim Hinunterdrücken der Klinke misst ein Sensor automatisch die Vitaldaten und sendet sie an die Praxis.

Auch im öffentlichen Raum herrscht Leere: Die achtspurigen Straßen sind wenig befahren, auf den Gehwegen kaum Menschen. Die Hochhäuser schmiegen sich nicht wie in den anderen koreanischen Großstädten dicht aneinander, sondern halten ungewöhnlich viel Distanz. Das liegt an den vielen Grünflächen, aber auch an den Brachen, die erst noch bebaut werden sollen. Allein ist man trotzdem nie - schließlich überwachen hunderte Kameras im öffentlichen Raum und auch in den eigenen vier Wänden jeden Schritt der Bewohner. Die Zukunft ist ruhig, grün, sauber - und ein bisschen langweilig.

Songdo rühmt sich selbst, die "Stadt der Zukunft" und die "intelligenteste Stadt der Welt" zu sein. Seit der Jahrtausendwende wurden vor den Toren der Hauptstadt Seoul und nur wenige Kilometer vom internationalen Flughafen Incheon entfernt dem Gelben Meer durch Sandaufschüttung 600 Hektar Land abgerungen. Bis 2020 soll hier für 35 Milliarden Dollar ein asiatisches Utopia entstehen, das 250.000 Menschen Heimat bieten und die Hauptstadt Seoul entlasten soll, wo jeder Fünfte Südkoreaner lebt. Etwa 100.000 Menschen wohnen schon jetzt in Songdo, 60.000 arbeiten dort. Die Planstadt ist Teil einer Freihandelszone, die mit ihrer günstigen Lage zwischen China und Japan, einer modernen Infrastruktur und Steuervorteilen um Investoren aus dem In- und Ausland wirbt.

Günstige Wohnungen Yeo-Soo Song ist vor acht Jahren nach Songdo gezogen. Die 64 Jahre alte Frau wohnt in einem der vielen Apartmenthochhäuser für die Mittelschicht - nach eigener Aussage sehr gern. "Es ist so grün hier, so ruhig, und die Luft ist viel besser als in Seoul", sagt die Mutter zweier erwachsener Töchter. Außerdem sind die Immobilienpreise deutlich niedriger. Im Vergleich zu Gangnam, dem Trendbezirk der Hauptstadt, kosten Wohnungen hier 40 Prozent weniger.

Jeden Tag geht Song zum Walken in den "Central Park", das grüne Herz in der Stadtmitte, nach New Yorker Vorbild gestaltet. Überhaupt standen für die Planung der zentralen Gebäude und Freianlagen erfolgreiche Vorbilder aus aller Welt Pate. Durchzogen wird der Park von mit Meerwasser gespeisten Kanälen, die sich an den Amsterdamer Grachten orientieren. Die Architektur des Konferenzzentrums "Songdo Conversia" erinnert an die Oper von Sydney und der Northeast Asia Trade Tower, das höchste Gebäude der Stadt, an das One World Trade Center in Manhattan.

Als Song an diesem sonnigen Vormittag zu ihrer täglichen Walking-Tour in den Park aufbricht, wirkt er verwaist. Nur ein paar ältere Menschen machen Gymnastik am Ufer. Das ist vielleicht auch die erstaunlichste Erkenntnis aus der Zukunftsstadt: Sie ist nicht von technikbegeisterten digitalen Eingeborenen bewohnt, sondern bei Rentnern beliebt, die Ruhe und Sicherheit schätzen. "Wenn ich überfallen werde und schreie, kommt sofort die Polizei", lobt Song. Möglich macht das eine Technik, die intelligente Kameras mit Akustiksensoren paart und die ein Signal gibt, sobald zum Beispiel ein Waffenschuss erkannt wird. Songdo ist komplett vernetzt, die Daten laufen in einer Zentrale mit riesigem Datenbildschirm zusammen.

Big Data macht es möglich, dass die Straßenbeleuchtung nur anspringt, wenn auch wirklich Fußgänger unterwegs sind und die Ampelschaltungen sich nach dem Verkehrsaufkommen richten. Das soll für mehr Komfort sorgen, vor allem aber Ressourcen schonen, da Energie nur verbraucht wird, wenn sie auch wirklich benötigt wird. Auch in den Wohnungen schalten sich unbenutzte Geräte nach einiger Zeit automatisch ab. Jalousien bringen sich je nach Lichtverhältnissen in die optimale Position, bei Hitze werden die Scheiben der Gebäude verdunkelt. Die Kehrseite ist das Gefühl einer totalen Überwachung.

Nicht unbeobachtet Hye-Jin ist am Abend aus der Hauptstadt nach Songdo gekommen, um einen Freund zu besuchen. Sie ist Ende Zwanzig und eine Vertreterin der Generation, die ihr Handy niemals aus der Hand legt - noch nicht einmal beim gemeinsamen Abendessen mit Freunden. Sie steht vor einem Barbecue-Restaurant und will sich nach dem Essen eigentlich eine Zigarette anstecken. Doch dann entdeckt ihr Freund die Kamera. Auf der Straße zu rauchen ist in Südkorea verboten, die Bußgelder sind hoch. Die beiden setzen sich ins Auto und fahren durch die Gegend, auf der Suche nach einem unbeobachteten Platz. Doch wo sie auch aussteigen: Überall sind Kameras. Ob Hye-Jin sich vorstellen kann, in Songdo zu leben? Sie schüttelt den Kopf. Es sei zwar sehr grün, aber auch ziemlich tot. "Vielleicht später, mit Kindern", sagt sie. Die Kameraüberwachung stört sie trotz ihrer Erfahrungen nicht so sehr. "Es ist ja eigentlich gut, wenn keiner Unsinn macht, weil er weiß, dass andere zuschauen", sagt sie.

Neben älteren Menschen haben vor allem junge Familien Songdo für sich entdeckt. Das liegt an der frischen Luft und Ruhe, vor allem aber an dem guten Ruf der Schulen und Universitäten, die sich dort niedergelassen haben. Eine gute Ausbildung spielt in Südkorea eine extrem wichtige Rolle, nicht selten wählen Eltern ihren Wohnort nach den Schulen in der Umgebung aus. Deshalb lockte die Regierung auch gezielt internationale Schulen und Universitäten nach Songdo, um die Stadt für Familien und Studenten attraktiv zu machen. Mit wem man auch spricht: Faktoren wie Immobilienpreise, Ruhe und gute Bildungschancen haben bei den Einwohnern eine wichtigere Rolle gespielt für die Entscheidung, nach Songdo zu ziehen, als die technischen Raffinessen im Alltag.

Rentnerin Song fällt auf die Frage, was an ihrem Alltag denn besonders smart sei, auch nicht sofort eine Antwort ein: "Dass ich viele Dinge über das Handy steuern kann", sagt sie dann. "Und dass überall Kameras sind." Die Kameras in ihrer Wohnung habe sie allerdings irgendwann ausschalten lassen, denn es sei ihr zu viel geworden. Auch ihr Licht schalte sie nicht via Handy, sondern ganz konventionell am Schalter an. "Aber ich bin ja auch schon alt, für die jungen Leute ist diese Technik bestimmt toll", glaubt sie.

Die Autorin ist Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

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