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Stadtentwicklung
Sören Christian Reimer
»Nicht blindlings alles digitalisieren, was geht«

Für die digitale Transformation in den Städten braucht es Veränderungsbereitschaft und ausreichend Geld, sagt der Stadtforscher Peter Jakubowski

Viele reden über die "Smart City", aber was ist eigentlich konkret damit gemeint?

Unter "Smart City" verstehen wir die zielgerichtete Anwendung und Nutzung neuer digitaler Technologien für eine nachhaltige und integrierte Stadtentwicklung. Es geht um eine an den Aufgaben der Stadtentwicklung orientierte digitale Transformation.

Wo sehen Sie konkrete Chancen für solche Anwendungen?

Die gibt es zum Beispiel im Bereich der Mobilität, etwa beim Carsharing oder bei der Verknüpfung von Fahrradverkehr und öffentlichen Nahverkehr. Auch die Elektromobilität wird sicherlich eine wichtige Rolle einnehmen. Wir hoffen, dass so im Verkehr neue, stadtverträgliche Impulse gesetzt werden können. Zudem sehen wir in Deutschland viele Möglichkeiten, Beteiligung und Engagement im Sinne von "Bürger machen Stadt" über die neuen Technologien voranzubringen.

Welche Potenziale sehen sie in diesem Bereich?

Menschen können sich - abseits des anonymen Verhaltens im Netz - beispielsweise über digitale Nachbarschaftsnetzwerke austauschen. Das könnte ein Gewinn für die Identität der Quartiere bringen. Zudem lassen sich Positionen und Ideen organisieren und an die Stadtverwaltung herantragen. Planungsprozesse könnten so effizienter und eingängiger gestaltet werden. Ein anderes Beispiel sind Anwendungen, über die Bürger kaputte Bushaltstellen, Verschmutzungen oder Infrastrukturprobleme direkt melden können. Allerdings sind wir natürlich nicht naiv unterwegs. Wir sehen, dass es zu Flaschenhalsproblemen käme, wenn sehr viele Bürger die Möglichkeit nutzten, sich aktiv digital an ihre Stadt zu wenden.

Wie sieht es denn aus mit den deutschen Städten - sind die smart oder hinken sie hinterher?

Auch außerhalb der Leuchttürme wie Berlin, Hamburg, München oder Köln passiert viel. Es gibt Initiativen in zahlreichen kleinen und mittleren Städten, wo die Bürger und die Verwaltung erkannt haben, dass kreative Kräfte freigesetzt werden können. Aus unserer Sicht fehlt aber die Verknüpfung mit einer umfassenden Strategie. Kommunen sollten sich materielle Stadtentwicklungsziele vorgeben und sich dann überlegen, wie man diese Schritt für Schritt durch komplementäre digitale Lösungen ergänzt. Diese Auffassung wollen wir mit der "Smart City"-Charta auch in die kommunale Szene tragen.

Worum geht es in der Charta?

Die Charta gibt Anhaltspunkte für die ersten Schritte beim Thema "Smart City". Wichtig ist, immer die Chancen und Risiken im Blick zu haben und nicht blindlings alles zu digitalisieren, was geht. Für eine breite Digitalisierung im kommunalen Gefüge bedarf es zudem einer großen Veränderungsbereitschaft innerhalb der Behörden unserer Städte und Gemeinden. Die Charta stellt auch klar, dass es für die digitale Transformation eine vernünftige Finanzierungsbasis in den Städten und Gemeinde geben muss.

Sie sprachen von Risiken: Eines davon ist die mangelnde Augenhöhe zwischen Industrie und Kommunen. Wie löst man das auf?

Das ist eine große Asymmetrie. Zum einen sind viele der angebotenen Produkte nicht passfähig. Es sind viele Einzelprodukte, die - so sagen uns Städte und Gemeinden - zu Insellösungen führten. Für Stadtvertreter ist es aber wichtig, dass Lösungen langfristig funktionieren und kompatibel sind. Zum anderen müssen sich die Städte und Gemeinden in der Breite überlegen, was für sie hilfreich ist, um so Nachfragemacht zu generieren und eine gewisse Augenhöhe in Verhandlungen mit der Wirtschaft zu entwickeln.

Wie sieht es im Rahmen der Digitalisierung mit dem Datenschutz aus?

Datenschutz und Datenhoheit müssen ein wichtiges Prinzip sein. Die Kommunen dürfen nicht den Fehler machen, dass sie die Datenhoheit, also die Verfügungsmacht über die Daten, verlieren, wenn sie sich mit einem Partner aus der Industrie zusammentun. Bei "Big Data" kommt dann auch eine Kompetenzfrage hinzu. Es wird gerade in kleinen und mittleren Städten kaum eine Verwaltung geben, die solche Analysen ad-hoc selbst stemmen kann. Das ist also eine sehr wichtige Aushandlungssache.

Wie kann man verhindern, dass uns Hacker die vernetzte Stadt abschalten?

Das bereitet in der Tat Sorgen. Es stellt sich im Grundsatz die Frage, ob die Erträge, die man aus einer umfassenden Digitalisierung und Vernetzung zieht, tatsächlich in jedem Fall die Vulnerabilitäten und Risiken aufwiegen. Ich sehe momentan nicht, dass alle Akteure in dem Feld innovativ und ausreichend sicher zugleich arbeiten. Bei jeder zum Standard werdenden Stadtlösung sollte daher Sicherheit nach Stand der Technik eingeplant werden - was aber auch ein Kostenfaktor ist.

Werden Menschen in der Smart-City in der Zukunft glücklicher sein?

Wenn wir es schaffen, die allermeisten Menschen über Technik und Kompetenzaufbau mitzunehmen, glaube ich, dass vieles einfacher, komfortabler und effizienter wird. Es wird aber - Stichwort: Datenschutz - nicht alles einfacher werden. Wenn die Menschen es hinkriegen, in der Stadt damit umzugehen und negative Entwicklungen wie Hacking-Angriffe nicht überhand nehmen, könnten wir ein anderes Miteinander haben. Allerdings werden wir Wohnungsknappheit und Preissteigerungen in den Städten nicht durch Smartphones, Daten und Vernetzung ausschalten können. Die materiellen Probleme in der Stadt müssen wir gleichzeitig auch angehen.

Das Gespräch führte Sören Christian Reimer

Peter Jakubowski ist Leiter des Referats "Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr" beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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