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Kriminalität
Markus Decker
Zahlreiche Gelegenheiten für krumme Geschäfte

In Großstädten lebt es sich gefährlicher

Ein Terroranschlag in Berlin, massenhafte sexuelle Übergriffe auf der Kölner Domplatte, professionelle Taschendiebesbanden, die Touristen ausnehmen, schwere Ausschreitungen im Rahmen des G20-Gipfels - das Stadt-Land-Gefälle bei der Kriminalität ist zuletzt stärker in den Fokus gerückt. Da tut sich etwas, zumindest in der Wahrnehmung der Menschen. Die politischen Reaktionen sind entsprechend.

In der Tat: In den Städten geht es im Grundsatz krimineller zu als auf dem Land. Vergangenes Jahr holte sich Berlin den unrühmlichen Titel der "Hauptstadt des Verbrechens": 16.161 erfasste Straftaten pro 100.000 Einwohner verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), Leipzig und Hannover folgten auf den Plätzen zwei und drei. Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungs-Instituts Niedersachsen, kennt die Zahlen. "Es gibt in allen westlichen Ländern ein Stadt-Land-Gefälle bei der Kriminalität", sagt er. Dies habe unterschiedliche Gründe. "Die Sozialstruktur ist anders. Es gibt mehr junge Männer, dazu mehr Geschäfte und nachts Schlägereien. Das heißt, es gibt eine ganz andere Gelegenheitsstruktur." Zugleich warnt Bliesener vor Panik. Die PKS weise in manchen Bereichen Steigerungen aus, in anderen aber Rückgänge. Man dürfe da nicht generalisieren.

Heinz Schöch, emeritierter Kriminologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat das Phänomen bereits vor Jahren näher untersucht. Er wusste, dass das Risiko, in der Stadt Opfer einer Straftat zu werden, drei Mal größer ist als auf dem Land. Zugleich wusste er, dass die Probleme in Frankfurt größer sind als in München. Überhaupt machte Schöch ein Nord-Süd-Gefälle aus.

Das zeigt auch die aktuelle PKS: In München verzeichnete die Statistik im vergangenen Jahr beispielsweise nur 7.909 Verbrechen pro 100.000 Einwohner, in Augsburg waren es 7.988. Deutlich weniger als in Berlin, Frankfurt am Main und Hannover sowie auch in Bremen und Hamburg.

Die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, betont allerdings, dass man noch ein bisschen genauer hinschauen müsse. "Je größer die Gebiete, die miteinander verglichen werden, desto ungenauer und geringer ist die Aussagekraft", sagt sie. "Es macht also keinen Sinn, die Kriminalitätsraten von Hamburg und Berlin, Köln und Frankfurt oder Kleinkleckersdorf und Hintertupfingen zu vergleichen, da die örtlichen Begebenheiten sowie Art und Schwere der registrierten Straftaten höchst unterschiedlich sein können." Kleinräumigere Betrachtungen auf der Ebene von Stadtteilen, Straßenzügen oder sogar Häuserblocks böten wesentlich bessere Einblicke in das örtliche Kriminalitätsgeschehen, dessen Ursachen und etwaige Gegenstrategien. Mihalic stellt jedenfalls fest, dass in den Städten "mehr Menschen in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen" leben. Das habe Folgen.

Weniger Kontrolle Generell gilt im Sinne Blieseners, dass die sozialen Verhältnisse in den Großstädten anders sind als in Kleinstädten und Dörfern. Es gibt mehr Menschen (auch von außerhalb), mehr Geschäfte, mehr Vergnügungsviertel. Zudem ist auf dem Land die soziale Kontrolle intensiver. Straftäter werden eher identifiziert und angezeigt. Dabei ist die Kriminalität in den Zentren der Großstädte am gravierendsten, wie etwa am mittlerweile verrufenen Berliner Alexanderplatz, während sie an den Rändern nachlässt.

Geändert haben sich die Abwehrstrategien. Im Zuge der 1968er Bewegung galt als Allgemeinplatz, dass Kriminalität aus sozialer Unterprivilegierung resultiert. Darum wurden Strafen klein und Resozialisierung groß geschrieben. Der Strafrechtler Franz von Liszt sagte schon vor 100 Jahren: "Sozialpolitik ist die beste Kriminalpolitik."

Die vorherrschende Perspektive ist mittlerweile aber eine andere. Favorisiert wird eine Null-Toleranz-Politik, wie sie einst in New York praktiziert wurde, gepaart mit höheren Strafen und der Nutzung neuer technischer Möglichkeiten wie Videoüberwachung und deren Erweiterung durch Gesichtserkennung. Seit Anfang August wird ein solches System am Berliner Bahnhof Südkreuz getestet.

Video schreckt nicht ab Kriminalitäts-Forscher Thomas Bliesener warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen. Videoüberwachung beispielsweise werde in der Annahme gemacht, sie würde abschrecken. Das tue sie aber nicht. Lediglich die Ermittlungen würden erleichtert. "Auch Maßnahmen zur Gesichtserkennung werden nicht den Durchbruch bringen. Wenn die Polizei vor Ort ist, ist der Täter längst wieder weg." Und dass höhere Strafen abschreckend wirkten, sei ebenfalls nicht richtig. Körperverletzungen ereigneten sich meist im Affekt, so der Kriminologe. Ansonsten gingen "die meisten Täter davon aus, dass sie ohnehin nicht erwischt werden". "Den kühl kalkulierenden Täter", weiß Bliesener, "den gibt es kaum."

Während es gegen die Ausweitung dieser technischen Möglichkeiten beispielsweise bei Linken und Grünen teilweise grundsätzliche datenschutzrechtliche Bedenken gibt, halten CDU und CSU sie für ein probates Mittel. Überhaupt ist der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer, der Ansicht, dass Kriminalität auch in Großstädten keineswegs gottgegeben sei. "Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, ist in Berlin drei Mal größer als in München", sagt er. "Das ist kein Zufall und hängt mit politischer Schwerpunktsetzung zusammen." Neben der Videoüberwachung spiele die Präsenz von Polizisten vor Ort eine wichtige Rolle. "Sie ist zur Vermeidung von Straftaten ein unverzichtbares Signal - genauso wie die unnachgiebige Verfolgung." Ermittlungen dürften nicht aus Mangel an Personal eingestellt werden, so Mayer.

Für politisch beeinflussbar hält der CSU-Politiker auch Kriminalität, die aus Migration resultiert. So hätten Augsburg und Nürnberg einen höheren Migrantenanteil als die Bundeshauptstadt. Gleichwohl gehe Integration "dort besser vonstatten".

Der Autor ist Redakteur der DuMont-Hauptstadtredaktion.

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