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Logistik
Miriam Beul
Verstopfte Wege

Der Online-Boom erzeugt zusätzliche Staus und Abgase in den Städten. Gefragt sind daher neue Mobilitätskonzepte - mit einem besonderen Fokus auf vernetzter Technologie

Köln gilt für Logistiker seit langem als Albtraum: Enge Straßen, dichter Verkehr und 2012 dann die neue Hiobsbotschaft: die Leverkusener Rheinbrücke, Bindeglied zwischen Leverkusen und Köln, wird für den Schwertransport aufgrund von Baufälligkeit gesperrt. Zwar wurde die Sperrung nach einer Zwischensanierung 2014 wieder aufgehoben, doch nur für kurze Dauer. Außerdem hindert seit vergangenem Herbst eine Sperranlage zu große und schwere Transporter an der Weiterfahrt. Weil Bonn zur gleichen Zeit seine Nordbrücke ertüchtigt, sind kilometerlange Staus in und rund um Köln und Bonn die Folge. Nicht nur am Rhein entwickeln sich die immer dichteren Verkehrsströme zum Problemfall, mindern Gesundheit, Lebensqualität, Wirtschaftswachstum. Was nützt eine zentrale Arbeits- oder Wohnlage, wenn man sie nicht ansteuern kann? Wie konkurrenzfähig ist eine Ladenfläche, die man nicht rund um die Uhr mit Waren beliefern kann? Was nützt die intelligenteste Lieferkette, wenn die Diesel-Flotte bald nicht mehr fahren darf?

Päckchenflut Den Individualverkehr treffen Staus und politische Entscheidungen ebenso wie die Logistikbranche, die genau in dieser Situation eines bräuchte: freie Fahrt in alle Winkel unserer Städte. Denn den verstopften oder baufälligen Verkehrswegen steht die weiter wachsende Päckchenflut gegenüber. Der Boom des Internethandels mit zweistelligen Wachstumsraten stellt etablierte Geschäftsmodelle, Warenverteilwege und Flächenanforderungen im Logistikbereich komplett auf den Kopf. Immer häufiger müssen die Lieferanten immer zentralere Standorte ansteuern. Doch nicht nur der Stadtraum Straße ist umkämpft. Auch der Raum für Warenlager- und Umschlagplätze. DHL, Amazon & Co. planen nicht mehr nur für große Verteilzentren vor den Toren der Städte, sondern suchen zusätzlich kleinere Immobilien in zentralen Lagen, um den stationären Handel sowie Onlinekunden zeitnah beliefern zu können - und zwar noch am Tag der Bestellung. Für schrumpfende Städte kann der kleinteiligere Flächenhunger der Logistiker segensreich sein, denn leerstehende Lagerhallen, Einzelhandels- oder Gastronomieflächen bekommen eine neue Bestimmung. In den engen Grundstücksmärkten der Metropolen hingegen verschärft sich der Wettbewerb um Flächen und die Belastung durch dichtere Verkehrsströme.

Ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Als schlafender Riese gilt der Lebensmittel-Onlinehandel. Während der Marktanteil des Onlinehandels in Europa insgesamt eine rasante Wachstumsdynamik aufweist und mittlerweile knapp zehn Prozent der Einzelhandelsumsätze ausmacht, konnte sich der digitale Handel mit Lebensmitteln in Deutschland bislang noch nicht durchsetzen. Laut Zahlen des Handelsverbandes Deutschland HDE werden derzeit nicht einmal ein Prozent der Lebensmittel in Deutschland online eingekauft. Andere Länder wie beispielsweise Großbritannien sind deutlich weiter. Experten rechnen auch bei uns mit einem Wachstumsschub. Mit weitreichenden Konsequenzen. "Die extrem kurzen Lieferfristen noch am selben Tag erfordern urbane Lagerflächen und innovative Zustelldienste der letzten Meile", sagt Daniel Hohenthanner, Manager eines Logistikfonds beim Immobilienberater und -Fondsinitiator Savills IM. Das Problem: Die hohen Bodenpreise und die geringe Verfügbarkeit innerstädtischer Flächen. Daher geht der Savills-Experte davon aus, dass die Immobilienwirtschaft reagieren wird und für diese Nutzergruppen neue Gebäudetypen schafft. "Wir erwarten, dass in Deutschland künftig auch mehrstöckige Logistikimmobilien errichtet werden, wie beispielsweise in Asien bereits üblich", so Hohenthanner. Um diesem neuen Immobilientyp zu begegnen, muss man schon gar nicht mehr weit reisen. Das erste zweigeschossige Logistikobjekt wurde in Deutschland jüngst fertiggestellt, und zwar in München. Das Multi-Level-Gebäude umfasst 15.000 Quadratmeter Nutzfläche, verfügt über anfahrbare Laderampen und lässt sich teilweise als Kühllager nutzen. Die vom Logistikentwickler Segro konzipierte Immobilie im Stadtteil Daglfing ermöglicht es Versandhändlern, Waren innerhalb weniger Stunden in die Münchener Innenstadtbezirke zu liefern. "Auch eine Anmietung von Lagerflächen in Büroobjekten, wie durch Amazon in der bayerischen Hauptstadt erfolgt, stellen kreative Lösungen angesichts der Flächenknappheit im Logistikbereich dar", so Hohenthanner weiter.

Mobilitätsfragen Denn die anhaltenden Verkehrsströme treffen auf Stadträume, deren Flächenressourcen schon heute endlich und deren Mobilitätskonzepte erneuerungsbedürftig sind. Wer also einen neuen Büro-, Handels- oder Logistikstandort plant, muss Mobilitätsfragen frühzeitig einplanen: Wie viele Straßen wird es in den Städten noch geben? Welche Verkehrs- und Stadtentwicklungskonzepte sind nachhaltig und darum zukunftsfähig? Müssen Lieferketten neu sortiert werden? Sagen lässt sich heute mit Sicherheit nur: Mobilität wird künftig anders aussehen als heute. Für die Städte - mit ihrer chronischen Ressourcenknappheit - liegt darin eine große Chance. Und sie nutzen diese bereits: "Wer heute zum Beispiel die Genehmigung für eine Gebäudeerweiterung oder einen Neubau will, von dem erwarten immer mehr Städte Mobilitätskonzepte. Gewerbebetriebe müssen zum Beispiel nachweisen, dass ihre Mitarbeiter zur Arbeitsstätte gelangen, ohne ein Übermaß an Stau zu verursachen", weiß Peter Tzeschlock, Vorstandsvorsitzender des Beratungs- und Projektmanagement-Unternehmens Drees & Sommer AG.

Aktuelle Forschungsansätze zeigen drei Optimierungsansätze, die einzeln oder kombiniert die Verkehrssituation in Ballungsräumen nachhaltig verbessern können. Der erste Ansatz stellt die "Vermeidung von Verkehr" in den Vordergrund, etwa durch den Umbau bestehender Strukturen sowie die Wiederzusammenführung räumlich getrennter Funktionen. Das klingt auf den ersten Blick harmlos. Doch hinter diesen Überlegungen verbirgt sich in Wahrheit eine kleine Revolution. Der Abschied von der "autofreundlichen Stadt" wird besiegelt, und damit von einem Planungsansatz, der unsere Städte nach Funktionen getrennt und dadurch Monostrukturen und Zwangsmobilität hervorgebracht hat. Arbeiten, Wohnen und Freizeit sollen nun wieder enger zusammenrücken. Auch die "Verlagerung von Verkehr" wird als Möglichkeit diskutiert, Verkehrsströme nachhaltig zu reduzieren: weg vom Individualverkehr hin zum Massenverkehrsmittel, so etwa durch den Ausbau des ÖPNV sowie die Vernetzung der verschiedenen Verkehrsträger untereinander. Besondere Aufmerksamkeit genießen derzeit Überlegungen, die eine "Verbesserung von Verkehr" in den Mittelpunkt stellen, denn hier geht es vor allem um die Verquickung und Nutzbarmachung von technologischen Innovationen. "Selbstfahrende oder miteinander vernetzte Autos sowie intelligente Car-Sharing-Systeme schaffen völlig neue Formen von Mobilität und werden schon in naher Zukunft dafür sorgen, dass Verkehrswege effizienter genutzt werden können", sagt Peter Tzeschlock von Drees & Sommer. Mit entsprechenden Apps ließen sich heute die besten Transportverbindungen digital zusammensuchen - kombiniert aus Bus, Bahn, Leihfahrrad oder Mietauto. Inter- und Multimodalitätskonzepte erlauben es demnach, nur das Verkehrsmittel zu nutzen, das im Moment sinnvoll ist. Auch Lieferverkehre können durch den Einsatz vernetzter Technologien effizienter gesteuert, Staus vermieden werden. Ein neues Zeitalter der Mobilität steht demnach auch der Logistikbranche bevor.

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