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STADTWIRTSCHAFT
Kristina Pezzei
»Ein Wettstreit um die Frage, wem die Stadt ökonomisch gehört«

Der Stadt- und Wirtschaftsgeograph Bastian Lange sieht die Stadt auf dem Weg zu vorindustriellen Strukturen - dank neuer Wirtschaftszweige und Technologien.

Herr Lange, wenn von Wirtschaft in der Stadt die Rede ist, geht es heute häufig um Künstler, Startups oder Irgendwas-mit-Medien. Kann man diese Gruppen überhaupt als Unternehmer mit Substanz ernst nehmen?

Diese kreativen, häufig digital basierten Unternehmen sind auf jeden Fall ein ernst zu nehmender Wirtschaftszweig, der wächst. Als Kreativ- und Symbolwirtschaft: versorgt er andere Branchen - Handwerker, unternehmensbezogene Dienstleister, die Bauwirtschaft, aber auch Gastronomen. Zugleich liefern diese Unternehmen Impulse etwa für den Finanz- oder Gesundheitssektor.

Welche Wechselwirkungen meinen Sie damit?

Man sieht das gut an Frankfurt am Main. Die Stadt hat in den 1990er Jahren massiv in ihre Kultur investiert, hat sich also nicht nur als Bankenstadt entwickelt, sondern mit Kulturbauten und -programmen ein Signal nach außen gesendet: Hier geht es auch um Lebensstil. Das Stadtimage speist sich aus Finanzwirtschaft plus Kultur- und Kreativwirtschaft.

Seit wann ist dieses Bewusstsein in Städten, Verwaltungen und Gesellschaft vorhanden?

Mitte der 1990er Jahre kam es mit dem Beginn der Medienwirtschaft sowie der Digitalisierung zu einer Verlagerung von Beschäftigungsfeldern. Verwaltungen begannen, kreative Leistungen auf ihr wirtschaftliches Potenzial zu bemessen und politisch neu in Wert zu setzen. Grob gesagt, dominierte in den 1990ern der Wettstreit um gute Banker, in den 00er Jahren der um gute kreative Köpfe auch in anderen Branchen. Nach dieser Euphorie schlug das Pendel aufgrund der beobachteten Nebeneffekte um: Viele Kreative fühlten sich symbolisch und strukturell ausgebeutet, instrumentalisiert als Speerspitze städtischer Entwicklungen oder als Protagonisten eines neuen Städtemarketings. Die Proteste im Hamburger Gängeviertel beispielsweise waren vor allem auch ein Aufstand gegen die marktbezogene Vereinnahmung von Kreativen für Standortpolitik.

Was ist denn dran am Kern dieses Vorwurfs - nämlich dass die Kreativwirtschaftler bestimmte Stadtstrukturen verändern und neu prägen?

Die neuen Branchen sind kleinteilig. Sie brauchen den Austausch mit anderen. Sie sind anders organisiert als etwa die Großbetriebe, die sich in der Phase der Industrialisierung am Rand von Städten niederließen und das Wachstum und die Wohnverhältnisse von und in Städten massiv beeinflussten. Wobei sich übrigens auch die traditionellen Gewerbezweige stark verändert haben und die Städte anders beeinflussen als früher. Die verarbeitende Industrie wandelt sich von der "schmutzigen" zur "smarten" Branche und streckt ihre Fühler gern in Richtung kreativer Ideengeber aus.

Die Großindustrie hat Städte ja auch in den Jahren nach 1960, 1970 stark beeinflusst - durch ihren Abschwung.

Später stellten sich dann Revitalisierungsbestrebungen von Städten ein. Wohnen und Dienstleistung in der Stadt wurden en vogue, Kreative waren mit ihren Nutzungsformen sicherlich Vorreiter: Parties waren Initialnutzungen von leeren Fabrikgebäuden, dann Künstler, die dort auch gearbeitet haben, dann kamen häufig die Städte mit Immobilienentwicklungen. Oftmals ist das, was diese neue Ökonomie braucht, verdrängt worden - Milieubezüge, die Vernetzung mit lokalem Gewerbe und Dienstleistungen. Dabei könnten diese Wirkungsketten eine tragfähige Struktur aufbauen, in der Vielfalt eine enorm wichtige Rolle spielt. Die Kreativen prägen die Lebenswelten schon deswegen anders, weil die Arbeitenden in diesen Branchen durch andere Tageszeitrhythmen selbstbestimmter leben, nachbarschaftlicher orientiert sind. Interessanterweise sind wir dank der digital basierten Wirtschaft auf dem Weg zu Stadtstrukturen der vorindustriellen Zeit: Kleinteiligkeit, Manufakturen und Kleinserien bestimmen diese neue Ökonomien.

Welchen Einfluss kann Politik auf diese Prozesse ausüben?

War die Ära der 1990er und 2000er Jahre stark durch neue Lebensstile und ihre Ästhetiken dominiert, so steht heute ein Wettstreit um die Frage im Raum, wem die Stadt - auch ökonomisch - gehört. Es geht um Fragen des Gemeinwohls, um die Rückgewinnung von Stadt für alle. Eine durchmischte Stadt ist kostengünstiger als eine entstrukturierte, das ist auch in der Politik angekommen. München etwa investiert viel Geld und Aufwand in die Förderung von Kreativquartieren, Hamburg versucht in der HafenCity im Oberhafen, Ähnliches möglich zu machen. Augsburg hat mit der Transformation seines Gaswerks deutlich gemacht, wie Altindustrien ästhetisch, kulturell sowie kreativwirtschaftlich aktiviert und neu genutzt werden können. Der Politik obliegt die Herausforderung, Wohnen, Wirtschaft, Verwaltung und Leben gleichwertig in der Stadt möglich zu machen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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