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MEGACITIES
Dagmar Dehmer
Wachsen, wachsen, wachsen

Millionenstädte wie Tokio und Delhi platzen schon jetzt aus allen Nähten. Doch der Ansturm reißt nicht ab

Um 1800 lebten nur drei Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Räumen. Seit 2014 ist es mehr als die Hälfte der Menschheit (54,5 Prozent). Besonders sichtbar ist dieser Wandel in China, wo in den vergangenen Jahren rund 250 Millionen Landarbeiter in die Städte gezogen sind, weil sie auf dem Land kein Auskommen mehr finden konnten oder sie auf bessere Chancen in den rasant wachsenden Städten des bevölkerungsreichsten Landes der Welt hoffen. Die chinesische Regierung plant bereits ein gutes Dutzend neuer Megastädte, die zum Teil schon im Bau sind. Am schnellsten wachsen jedoch die Städte Afrikas südlich der Sahara - dabei ist der Nachbarkontinent noch der am wenigsten von der Urbanisierung erfasste. Armut, fehlende Perspektiven, aber auch Krieg und Terror treiben die Menschen in die Städte.

Wachsende Zahl Als Megastädte definieren die Vereinten Nationen (UN) Großstädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. 1990 lebten 153 Millionen Menschen (sieben Prozent der Weltbevölkerung) in gerade einmal zehn Megastädten. Heute sind es 31 mit insgesamt 500 Millionen Einwohnern (Stand 2016). 16 dieser Megacities liegen in Asien, vier in Lateinamerika, drei in Afrika und drei in Europa. In den USA gibt es zwei Megastädte: New York und Los Angeles. Bis 2030 soll die Zahl nach Schätzungen der UN auf 41 ansteigen. 730 Millionen Menschen werden dann in Megacities leben.

Die größte Stadt der Welt ist nach wie vor die japanische Hauptstadt Tokio mit rund 38 Millionen Einwohnern. China ist mit Schanghai (23 Millionen), Peking (20 Millionen) und Guangzhou-Foshan (20,5 Millionen) gleich drei Mal in der Liste vertreten. Die zweitgrößte Stadt weltweit ist jedoch Indiens Hauptstat Delhi mit 26,55 Millionen Einwohnern.

All diese Städte kämpfen mit ähnlichen Problemen: Wie können sie lebenswert bleiben? Wie kann genug Wohnraum geschaffen und die Versorgung der Menschen mit Nahrung, Wasser und Energie gewährleistet werden? Und wie umgehen mit Verkehrschaos, Müll, Luftverschmutzung und der Entstehung von informellen Siedlungen ("Slums")?

Die Megastädte wachsen so schnell, dass sie selbst dann, wenn ihre Stadtverwaltungen dazu in der Lage wären oder die finanziellen Mittel dazu hätten, kaum eine Chance haben, die Infrastruktur im gleichen Tempo auszubauen. Allerdings sind es nicht nur die Megastädte, die rasant wachsen. Tatsächlich wachsen die Mittelstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern noch viel schneller. In diesen kleineren Städten leben derzeit rund 3,5 Milliarden Menschen, während in den ländlichen Regionen der Welt inzwischen nur noch 3,4 Milliarden Menschen wohnen.

Die Städte nehmen eine Fläche ein, die etwa zwei Prozent der Erdoberfläche bedeckt. Bezogen auf den Flächenfraß ist das ein guter Wert. Aber sie verbrauchen auch 75 Prozent aller Ressourcen - Energie, Wasser, Materialien. Etwa 70 Prozent der Treibhausgasemissionen entstehen dort. Andererseits ist die Wasserversorgung, die Sanitärversorgung, die Müllentsorgung in dicht besiedelten Gebieten effizienter zu gewährleisten als in ländlichen Regionen.

Besseres Klima Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat 2016 in seinem Urbanisierungsgutachten vor dem dritten Welt-Städte-Gipfel Habitat III festgestellt, dass sich die Einhaltung der planetaren Grenzen in den Städten entscheiden werde. Gelinge es, die Städte - vor allem die großen - klimafreundlich zu gestalten, stiegen die Chancen, das globale Klimaziel einzuhalten und die Erderwärmung im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung deutlich unter zwei Grad zu halten.

Stadtplaner drängen zudem seit Jahrzehnten darauf, dass Städte besser geplant werden, damit sie sich nicht in alle Richtungen ungeordnet ausbreiten. Das passiert besonders häufig in China. Das Land ist derzeit eine Art Paradies für Stadtplaner; sie alle hoffen, endlich einmal ausprobieren zu können, was sie aus den realen Wachstumserfahrungen der Städte gelernt haben.

Richtschnur für die künftige Entwicklung moderner Städte ist außerdem die in Quito verabschiedete "New Urban Agenda". Kompakt, aber mit angemessenen Freiräumen soll die Stadt der Zukunft gebaut werden, heißt es darin. Sie soll innovative und nachhaltige Verkehrskonzepte bieten und mit Ressourcen sparsam umgehen. Kurzum: Das Leben in der Stadt, so groß sie auch sein mag, soll lebenswert sein und auf die Wünsche und Bedürfnisse aller ihrer Bewohner eingehen.

Angesichts des rasanten Wachstums der Städte kommt auf Stadtentwickler und politisch Verantwortliche zweifellos eine Herkulesaufgabe zu.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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