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METROPOLEN
Sören Christian Reimer
Das Versprechen der Stadt

Der urbane Raum bietet Freiheit, schützt und provoziert zugleich

If I can make it there, I'll make it everywhere", singt Frank Sinatra in seinem Klassiker "New York, New York". Es ist das in wenige Worte gefasste Versprechen New Yorks: Ab in die Weltstadt, lass die Provinz hinter dir und starte durch! Wie wohl keine andere neben ihr verkörpert "The Big Apple" die symbolische Aufladung, die Faszination, die von jenen Orten ausgeht, die sich zuvorderst dadurch auszeichnen, dass relativ viele Menschen auf relativ kleinem Raum neben-, unter- und übereinander leben. Städte sind für manche Plätze der Freiheit, Sehnsuchtsorte und Refugium, Hassobjekte für andere; Städte sind Teil des politischen Kulturkampfes und Städte sind - Stichwort: Urbanisierung - die Zukunft der Menschheit.

Ob New York, Paris, Rom oder Berlin - das urbane Versprechen von Freiheit und Aufregung lockt und reizt. Viel wurde über Städte gesagt, geschrieben und gesungen und meist sind es die Metropolen, die im Fokus stehen. Auch Georg Simmel, Soziologe der ersten Stunde, trennte Anfang des 20. Jahrhunderts schon klar zwischen Großstädtern und den übrigen Städtern. Das, was die Städte so reizvoll macht, hat für Simmel seinen Ursprung in Charakterzügen der Großstadtbewohner, die so gar nicht in das positive Selbstbild urbaner Hipster passen: Sehr blasiert sei der Großstadtmensch, kennt schon alles, bevor es überhaupt passiert ist. Reserviert und gleichgültig bis ablehnend sei der Bewohner der Metropole, zeige wenig Interesse an seiner Umwelt, wisse kaum den Namen des Nachbarn, der auch mal Monate oder gar Jahre unentdeckt und vor allem tot nebenan herumliegen kann. Eigentlich ist der großstädtische Mensch kein Sympathieträger. Wäre da nicht ein bisschen mehr dörfliche Gemeinschaft und soziales Miteinander wünschenswert?

Nicht wirklich, würde Simmel darauf vermutlich entgegnen. Die Indifferenz, die Blasiertheit sind sowohl Folge als auch Schutz gegen die Zumutungen der Großstadt. Das Gemüt des Menschen wäre schlicht überfordert, setzte es sich all den Eindrücken ohne Abgrenzung aus. Das Unsympathische am Großstädter wird damit aber auch zum Garanten einer relativen Freiheit: Wem quasi notwendigerweise vieles egal sein muss, dem muss dann halt auch egal sein, ob die Nachbarin Start-Up-Gründerin, lesbisch, Goth und/oder Zeugin Jehovas ist. Die soziale Kontrolle des Dorfes, wo jeder jeden zu kennen scheint, entfällt. Der Soziologe Armin Nassehi sieht in diesem "Privileg der Fremdheit" einer der wesentlichen Voraussetzungen für wirkliches urbanes Leben, wie er jüngst im "Kursbuch" darlegte, frei nach dem Motto: Ich lass Dich in Ruhe, Du lässt mich in Ruhe. Die Kehrseite dieser Freiheit von zu viel Sozialität ist die Einsamkeit, das hatte auch Simmel schon gesehen. Abhilfe schafft da gegebenenfalls die Eckkneipe, die innerstädtische Schrebergartenkolonie, die Nachbarschafts-App oder man tindert sich ein Date herbei.

Schutzraum Stadt Die urbanen Zentren sind bunt, Hort der Pluralität: Stadt ist beispielsweise Refugium für Zugewanderte: Ganze Stadtviertel, seien es nun "China Town" in San Francisco oder "Little Italy" in New York oder Kreuzberg in Berlin, werden durch Migranten geprägt. In der Fremde finden Fremde dort Vertrautes. Die moderne Vorstellung der multikulturellen Gesellschaft ist im Grunde eine urbane Idee. Kritiker sehen hier allerdings eher Parallelgesellschaften wachsen. Die große Stadt ist auch Schutzraum: In der auf Indifferenz bauenden Anonymität können des Tags, aber vor allem des Nachts, Subkulturen und Lebensstile blühen. Robert Beachy zeichnet in seinem lesenswerten Buch "Das andere Berlin" nach, wie in Berlin zwischen dem Ende des 19. Jahrhundert und dem Ende der Weimarer Republik zu einem frühen Zentrum der Homosexuellen-Bewegung wurde. Klar ist aber auch: Diese Freiheit in der Stadt ist prekär; manches Verhalten wird zwar im Verborgenen hingenommen, aber bei zu viel Sichtbarkeit endet die Indifferenz. Schwule mussten lange nicht nur mit Übergriffen durch Mitbürger, sondern auch mit Schikane und Verfolgung durch Polizei und Justiz rechnen. In Hamburg - unter Innensenator Helmut Schmidt (SPD) - fingen in den 1960ern Polizisten an, öffentliche Toiletten zu überwachen. Die Voyeure im Staatsdienst sollten so Schwule auf frischer "Tat" ertappen. Nicht anders in New York: Wiederholte Übergriffe durch vermeintliche Ordnungshüter auf Szenekneipen führten 1969 zu den sogenannten "Stonewall Riots". Einen Meilenstein der Schwulen- und Lesbenbewegung, dem heute jährlich in den Städten der (westlichen) Welt am Christopher-Street-Day gedacht wird.

Die Schwulen- und Lesbenbewegung zeigt, dass die Großstadt ihre politischen Subjekte produziert und von ihnen geprägt wird: das selbstbewusste Bürgertum der freien Hansestädte zum Beispiel oder die Kommunen und hoch politisierten WGs der 1960er und 1970er Jahre, die neue Lebens- und Liebesformen in bürgerliche Altbaugrundrisse pressten und das Private politisierten. Besetzte Häuser samt vermeintlich autonomer Bewohner entfalten ihre politisch-kulturelle Sprengkraft eigentlich auch nur dort, wo (Frei-)Raum knapp ist und es eine pikierte Staatsmacht und klagende Eigentümer gibt.

Des einen Paradies ist des anderen Inferno. Die Überhöhung der Stadt hat ebenso wie der kulturpessimistische Anti-Urbanismus eine lange Tradition. Für den Geschichtsphilosophen Oswald Spengler ist es dort, wo eine Kultur eine Weltstadt hervorbringt, an der Zeit, die Koffer zu packen, denn der Untergang ist nahe. Spenglers abgehobener Weltstädter, der "intellektuelle Nomade", sieht dann auch alles andere, selbst Großstädte, als Provinz an, ist entwurzelt und entfremdet vom Boden seiner Kultur. Überhaupt hat die schon bei Spengler sehr präsente Erzählung vom Gegensatz zwischen der vermeintlich kosmopolitisch-liberalen beziehungsweise abgehoben-wurzellosen Großstadt und dem angeblich rückständig-reaktionären beziehungsweise bodenständig-wertebewusstem Hinterland in den vergangenen Monaten kräftig Rückenwind bekommen. Brexit in Großbritannien, der Erfolg der PiS-Partei in Polen oder die große Zustimmung für die Rechtspopulistin Le Pen in Frankreich lassen sich auch als Konflikte zwischen Stadt und Land lesen, als Aufstand der populistisch mobilisierten, nicht-urbanen, sich abgehängt fühlenden Menschen. Virulent ist dieser Konflikt auch in den USA. Die Republikaner verstehen sich inzwischen als Partei des "echten", vor allem ländlichen Amerikas: Dort, wo die anständigen (weißen) Patrioten wohnen, die sich nicht weiter von den globalistischen, urbanen Eliten ihr Leben madig reden lassen wollen. Sarah Palin war in ihrem anti-urbanen, anti-intellektuellen und anti-elitären Habitus einst das Gesicht dieser Bewegung. Dass mit Donald Trump nun ausgerechnet die größtmögliche Karikatur eines Stadtmenschen für diese Partei ins Weiße Haus gezogen ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie; zumal im Vorwahlkampf der Republikaner der Senator Ted Cruz aus Texas Trump vorwarf, vermeintlich liberale "New Yorker Werte" zu vertreten.

Abseits des Großen Stadt ist aber nicht nur Großstadt: 77 Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohner gibt es in Deutschland, dazu kommen 600 Mittelstädte (ab 20.000 Einwohner) und mehr als 2.000 Kleinstädte (ab 5.000). Es sind meist Städte, über die keine großen Lieder gesungen werden, die aber politisch nicht weniger bedeutsam sind. Städte, in denen eher Pendler als Flaneure wohnen. In vielen dieser Städte sind es Kommunalpolitiker, die nach Feierabend und am Wochenende darüber sinnieren, wo sie neue Baugebiete ausweisen, wie sie die Innenstadt attraktiv genug halten, was im Nahverkehr getan werden kann und wie es um Schulen und Kitas steht. Manche Stadt kann dabei aus dem Vollen schöpfen, wenn nicht sexy, dann immerhin reich dank sprudelnder Steuereinnahmen; andere Kommunen kämpfen mit Abwanderung, einer darbenden Wirtschaft und schwieriger sozialer Zusammensetzung.

Im Vergleich zu den Herausforderungen des weltweiten Zugs in die Städte wirken deutsche Stadtentwicklungsprobleme allerdings fast wie Luxusdebatten. Insbesondere in Asien und Afrika, so die Prognosen, werden die Städte wachsen und wachsen. Ob Politik, Stadtplanung und Stadtentwicklung diese Herausforderungen meistern werden, ist unklar. Klar ist: Stadt bleibt spannend.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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