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EDITORIAL
Kristina Pezzei
Allerlei Sehnsucht

"Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn - aber abends zum Kino hast dus nicht weit." Auch wenn die Zeilen aus Kurt Tucholskys Gedicht "Ideal" neun Jahrzehnte alt sind, passen sie treffsicher auch zu Diskussionen über die Stadt von heute: In Städten treffen sich Sehnsüchte genauso wie enttäuschte Hoffnungen, werden Ideen ausgetüftelt und ihr Abgesang besiegelt, entstehen Schmutz und Lärm genauso wie Konzepte zu ihrer Minderung, hier drängeln sich Menschen, nur um dann lautstark nach ihrer Ruhe zu schreien. Städte sind Schmarotzer und Versorger zugleich, in Städten spiegelt sich das Unmögliche unserer Gesellschaft wider, und zugleich wird deutlich, was alles möglich werden kann. Nur eins sind Städte nie und nimmer: gleich.

Natürlich sind weltweit vergleichbare Trends zu beobachten - Urbanisierung und die damit verbundene Landflucht etwa, Industrialisierung und Deindustrialisierung. Mit den Herausforderungen, die sich daraus ergeben, gehen Staaten, Verwaltungen und Gesellschaften allerdings ganz unterschiedlich um. Manche Metropole etwa setzt auf eine konsequente Fahrradinfrastruktur, um die Umweltbelastungen abzufedern, manche auf breitere Autostraßen, andere kapitulieren. Auch in Deutschland verfolgen Städte verschiedene Ansätze, um für Wohnraum zu sorgen, Wege zwischen Wohnung, Arbeit und Freizeit abzukürzen, die Stadtgesellschaft zu fördern oder die Belange von Unternehmen zu berücksichtigen.

Die Digitalisierung hat Diskussionen und Prozessen dabei einen gehörigen Schub verliehen: Längst geht es nicht mehr nur um das Ergebnis, sondern um die Frage, wer mitbestimmen darf. Welche Interessen setzen sich durch, und überhaupt: Wer definiert das Ergebnis? Debatten darüber werden womöglich auch deswegen so hitzig und erbittert geführt, weil jedem Problem eine persönliche Note innewohnt. Letztlich geht es, egal in welcher Stoßrichtung, um die Frage: Wie wollen wir leben? Eine allgemeingültige Antwort darauf können wir nicht liefern, einzig abermals auf Tucholsky verweisen. Sein Gedicht endet mit den Zeilen: "Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Daß einer alles hat: das ist selten."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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