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PARLAMENT
Bernd Haunfelder
Schäuble ist fast Rekordhalter

Einen Tag vor Vollendung seines 75. Lebensjahrs am 18. September wartet Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit einem seltenen Jubiläum auf. Am kommenden Sonntag wird er derjenige Abgeordnete sein, der auf die längste Mitgliedschaft in einem deutschen Nationalparlament zurückblickt. Er überholt damit den Reichstagsabgeordneten Albert Horn, der vom 5. Februar 1874, dem Tag der Konstituierung des zweiten Deutschen Reichstags, bis zum Ende des Kaiserreichs am 9. November 1918 ununterbrochen dem Parlament angehörte.

Der Zentrumspolitiker aus Neisse in Oberschlesien vertrat stets den Wahlkreis Oppeln 12. Horn, 1840 geboren und 1921 gestorben, war seit 1866 Jurist im Kirchendienst, zuletzt Fürstbischöflicher Stiftsrat. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Vertreter des Wahlkreises Offenburg seit der Konstituierung des siebten Deutschen Bundestags am 13. Dezember 1972, "überholt" ihn am 17. September. Horn kommt auf 44 Jahre und 277 Tage, Schäuble auf einen Tag mehr.

Wie oftmals bei solchen Vergleichen der Fall, sind die Angaben ergänzungs- und erklärungsbedürftig. So bestand etwa der kaiserliche Reichstag de facto auch noch nach der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 fort und wurde, obwohl politisch bedeutungslos, erst am 2. Februar 1919 für aufgelöst erklärt. Gewichtiger nimmt sich jedoch ein Vergleich von Schäubles politischer Vita mit derjenigen des bekannten SPD-Politikers August Bebel aus. Unter Berücksichtigung seiner Zugehörigkeit im Reichstag des Norddeutschen Bundes von 1867 bis 1871 - ihm gehörten mit Ausnahme Bayerns, Badens, Württemberg und des südlichen Hessen-Darmstadt alle anderen deutschen Staaten an - kommt Bebel auf eine noch geringfügig höhere parlamentarische Dienstzeit, auf insgesamt 44 Jahre und 311 Tage. Er gehörte von 1871 bis 1881 sowie von 1883 - nachgewählt am 29. Juni - bis zu seinem Tod am 13. August 1913 dem Deutschen Reichstag an. Eingerechnet sind dabei auch jene Jahre, in denen Bebel Freiheitsstrafen wegen "Vorbereitung zum Hochverrat und Majestätsbeleidigung" absaß. Streng genommen gebührt also der parlamentarische Ehrenkranz noch für einige Wochen dem berühmten Sozialdemokraten.

Einmalig dürfte jedoch sein, dass mit Wolfgang Schäuble vermutlich derjenige Abgeordnete den nächsten Deutschen Bundestag als Alterspräsident eröffnen wird, der auf eine fast 45-jährige parlamentarische Laufbahn zurückblicken kann. Damit dürfte er eindrucksvoll die kürzlich vorgenommene Änderung der Geschäftsordnung des Bundestags bestätigen, wonach der dienstälteste Abgeordnete dieses Ehrenamt übernimmt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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