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Götz Hausding
Der Westbalkanexperte: Josip Juratovic

Josip Juratovic macht sich Sorgen um den Westbalkan. "Es herrscht zwar kein Krieg mehr. Konflikte gibt es aber nach wie vor viele in der Region", sagt der 1959 im kroatischen Koprivnica geborene SPD-Abgeordnete. Konflikte sowohl innerhalb als auch zwischen den Staaten. Ein Muster zeichnet sich da seiner Ansicht nach deutlich ab: Insbesondere vor Wahlen würden verstärkt nationalistische Ressentiments geschürt, um von innenpolitischen Schwächen abzulenken. Ein permanentes Klima der Spannung werde so aufrechterhalten.

Angesichts dessen fordert Juratovic ein stärkeres Engagement der EU. "Ich befürworte - schon in unserem eigenen Interesse - die rasche EU-Integration der gesamten Region", sagt er. "Wir können uns im Herzen Europas einen weißen Fleck der Unberechenbarkeit nicht leisten." Die starken und weiter zunehmenden Einflüsse von Russen, Türken aber auch Saudi Arabiens auf die Region sorgen den 58-Jährigen. "Würde man die Staaten in die EU integrieren, könnte man diese Einflüsse zurückdrängen", glaubt Juratovic.

Insbesondere ein Serbien, "das nicht in der EU ist", stellt aus seiner Sicht eine Gefahr für die ganze Region dar. Der verlorene Balkankrieg habe dazu geführt, dass es viele revanchistische Gedanken gebe. "Wir müssen aufpassen, dass sich die Serben nicht fühlen wie die Deutschen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg", zieht Juratovic eine historische Parallele. Das Problem dabei: Auf dem gesamten westlichen Balkan gebe die politische Elite vor, gern Mitglied der EU werden zu wollen, handle aber keineswegs entsprechend. Vielmehr entstehe für ihn der Eindruck, die jeweiligen Eliten fürchteten die im Beitrittsfall drohende juristische Aufarbeitung ihrer Korruption, wie es in Kroatien mit Ex-Premier Ivo Sanader geschehen ist.

Jahrelange Korruption und Amtsmissbrauch hätten auch die positive Entwicklung Mazedoniens verhindert. Juratovic spricht sogar von einem Rückschritt. Und dennoch: "Mazedonien sollte Nato-Mitglied werden, um für Stabilität zu sorgen", fordert er.

Ein Argument, den EU-Beitrittsprozess für die gesamte Region zeitnah zu beginnen, ist für ihn die Entwicklung Kroatiens. "Der EU-Beitritt hat dazu geführt, dass vieles in Kroatien positiv vorangetrieben wurde, dass die konstruktiven Kräfte im Land gestärkt wurden, die unsere Unterstützung brauchen, weil sie sonst machtlos gegen den auch dort herrschenden Nationalismus sind", sagt Juratovic, der 1974 nach Deutschland kam.

In der SPD-Fraktion ist der gelernte Kfz-Mechaniker mit Wohnsitz im nordwürttembergischen Gundelsheim seit 2013 Integrationsbeauftragter. Seine Integration in Deutschland verlief weitgehend reibungslos, sagt er. "Als Migrant muss ich mich an der Gesellschaft beteiligen und mich mit ihr identifizieren. Dann kann ich auch erwarten, dass die große Mehrheit der Gesellschaft zu mir steht und mich schützt", lautet sein Rezept für eine gelungene Integration.

Dass sich muslimische Flüchtlinge schwerer integrieren lassen als Flüchtlinge anderer Religionen glaubt er nicht. "Die Menschen, die zu uns kommen sind nicht alle Engel, sie haben teilweise die Hölle erlebt." Sie kämen mit Hoffnungen und Ambitionen und fänden "ein wunderbares Land mit einer tollen Gesellschaft vor, die bereit ist zu helfen". Wenn Flüchtlinge jedoch keine Perspektive erhielten "entstehen Enttäuschungen auf beiden Seiten".

Enttäuscht wäre sicherlich auch Josip Juratovic wenn es am Wahlsonntag nicht für seinen erneuten Einzug in den Bundestag reichen würde. Auf fifty-fifty schätzt er seine Chance ein. Und falls es nicht klappt? "Ich bin auf jeden Fall für die zwölf Jahre Bundestag sehr dankbar" sagt er. Als Migrant vom einfachen Fließbandarbeiter zum Parlamentarier - ein ausländischer Diplomat habe ihm gegenüber vom "Phänomen Juratovic" gesprochen. Zu Unrecht wie der SPD-Politiker findet. Phänomenal sei vielmehr die deutsche Gesellschaft, in der er leben dürfe. "Um diese Gesellschaft beneiden uns viele. Auf diese Gesellschaft können wir stolz sein."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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