Inhalt

Gastkommentare - Contra
Richard Herzinger, "Die Welt", "Welt am Sonntag"
Längst nicht verloren

Ist der Westbalkan für die EU verloren?

Welche Bedrohung sich im Südosten des Kontinents zusammenbraut, ist Europas Öffentlichkeit viel zu wenig bewusst. Auf dem Westbalkan lebt der ethnische Nationalismus mit wachsender Aggressivität wieder auf. Mehr noch als in den blutigen 1990er Jahren ist er dazu mit religiösem Extremismus aufgeladen und wird er von auswärtigen antidemokratischen Mächten befeuert.

In Serbien, Montenegro und dem serbischen Teil Bosniens schürt Putins Russland einen christlich-orthodox drapierten Neo-Panslawismus. Gefördert von Erdogans Türkei und arabischen Golfstaaten breitet sich im muslimischen Bosnien und im Kosovo islamischer Fundamentalismus aus. Zugleich verliert die EU, selbst durch nationale Regressionstendenzen geschwächt, an Attraktivität. Nur diese aber wirkte den ethnonationalistischen Destruktionskräften bislang effektiv entgegen. Neue kriegerische Gewaltexplosionen könnten das Grauen der Balkankriege ab 1991 noch übertreffen. Und sie wären kaum regional zu begrenzen.

Doch verloren ist die Region für die EU noch längst nicht. Mit dem Westbalkan-Gipfel existiert immerhin ein institutioneller Rahmen für mehr Kooperation zwischen den ex-jugoslawischen Staaten plus Albanien. Der gegen Moskau durchgesetzte Nato-Beitritt Montenegros signalisiert, dass die Orientierung nach Westen anhält. Doch sind vonseiten der EU viel größere Anstrengungen zu wirtschaftlicher Entwicklung und demokratischer Stabilisierung der vermeintlichen "Peripherie" nötig. Sie zu vernachlässigen wäre fatal. Die EU kann es sich nicht leisten, den Westbalkan aufzugeben. Nichts weniger als ihre eigene friedliche und demokratische Zukunft steht dort auf dem Spiel.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag