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Geschichte
Peter Boßdorf
Unruhig seit Jahrtausenden

Schon das Römische Reich konnte den Balkan kaum unter Kontrolle halten

Das Klischee vom unruhigen Balkan ist so alt wie die überlieferte Geschichte selbst. Bereits den Römern gelang es nur mit Mühe, die Region, die immerhin die beiden Machtzentren ihres Imperiums verband, unter Kontrolle zu halten. Als durch den Fall Konstantinopels im Jahr 1453 der Untergang des oströmischen Reiches besiegelt war, hatten sich die Türken als bestimmende Macht auf dem Balkan durchgesetzt. Zu erodieren begann diese im frühen 19. Jahrhundert. In den 1820er Jahren gelang es zunächst den Griechen, in einem Unabhängigkeitskrieg die türkische Herrschaft zu beenden. Auch Serbien und Montenegro beschritten den Weg zur Selbständigkeit. Auf dem Berliner Kongress, der zu Beendigung der seit 1875 schwelenden und mit dem russisch-osmanischen Krieg eskalierten Balkankrise einberufen worden war, wurden sie 1878 (ebenso wie Rumänien) als souveräne Staaten anerkannt. Auch Bulgarien erreichte in den folgenden Jahrzehnten seine Selbständigkeit.

Immer wieder Kriege Den Schlusspunkt setzte der Erste Balkankrieg im Jahr 1912, in dem eine Allianz aus Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland dem Osmanischen Reich seine letzten europäischen Territorien nahezu vollständig entwand. Aus ihm ging Albanien als souveräner Staat hervor.

Befriedet war die Region damit nicht. Längst rivalisierten Russland und die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie um Einfluss. Die Nationalitätenkonflikte, die das Habsburger Reich insgesamt bedrohten, regten sich auch in seinen kroatischen und slowenischen Besitzungen. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger und seine Frau am 28. Juli 1914 wurde zum Auslöser des Ersten Weltkrieges, an dessen Ende nicht allein der Untergang der Habsburger Monarchie, sondern auch die Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen stand. Dieser erste jugoslawische Staat folgte zwar der Auffassung, dass es nur eine südslawische Nation gäbe, die sich in drei Erscheinungsformen manifestiere. Tatsächlich prägten aber Nationalitätenkonflikte das Bild. Diese versuchten die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg sich zunutze zu machen, indem sie einen kroatischen Satellitenstaat errichteten. Die Akzeptanz, auf die sein Regime stieß, war jedoch gering.

Der Anführer der Partisanen, Josip Broz, genannt Tito und selbst ein Kroate, favorisierte nach dem Krieg einen Neuanfang unter föderalem Vorzeichen. Die Föderative Volksrepublik Jugoslawien erkannte neben Serben, Kroaten und Slowenen auch Mazedonier und Montenegriner als Staatsvölker an. 1968 erhielten die Bosniaken ebenfalls diesen Status. Das Kosovo und die Vojvodina genossen innerhalb der serbischen Teilrepublik weitgehende Autonomie. Tito gelang es nach seinem Bruch mit Moskau im Jahr 1948, durch geschicktes Lavieren zwischen den Blöcken internationales Renommee zu erwerben. Innenpolitisch setzte er, allerdings ohne parteipolitischen Pluralismus zuzulassen, in Abgrenzung zum Staatsdirigismus der sowjetischen Hemisphäre auf einen demokratischen Sozialismus mit marktwirtschaftlichen Zügen. Der ökonomische Aufschwung, den Jugoslawien auf diesem Kurs erlebte, kam erst in den 1970er Jahren ins Stocken. Die Arbeiterselbstverwaltung war zu einem bürokratischen Moloch mutiert. Die immer weiter gehende Föderalisierung unterhöhlte die bundesstaatliche Entscheidungsfindung. Der Anpassung an sich immer schneller wandelnde außenwirtschaftliche Rahmenbedingungen misslang. Das Gefälle zwischen den relativ wohlhabenden Regionen des Nordens und den Armenhäusern des Südens wuchs. Als Tito 1980 starb, waren die Zentrifugalkräfte daher längst freigesetzt. Es war allerdings weder absehbar noch unvermeidlich, dass sie in Kriegen enden würden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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