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EX-Jugoslawien
Norbert Mappes-Niediek
Blutiger Zerfall

Bei der Auflösung des Vielvölkerstaates kehrte der Krieg nach Europa zurück

Jahrzehntelang lebten die verschiedenen Volksgruppen in Jugoslawien friedlich miteinander: orthodoxe Serben, katholische Kroaten, muslimische Bosniaken und andere. Jugoslawien setzte sich aus sechs Teilrepubliken zusammen - Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Slowenien und Montenegro. Doch mit dem Zusammenbruch des Sozialismus Ende der 1980er Jahre wurden nationalistische Strömungen stärker - und aus Nachbarn Feinde. Schließlich zerlegten mehrere Kriege - inklusive ,,ethnischer Säuberungen" und Massenkriegsverbrechen - das frühere Jugoslawien in seine Einzelteile. Auch die internationale Gemeinschaft wurde in die Konflikte hineingezogen - Deutschland entschloss sich gar zu seinem ersten Kriegseinsatz seit 1945.

Eigentlich hätte man erwarten können, dass Jugoslawien der Übergang zur Marktwirtschaft leichter fallen müsste als den harten Diktaturen in den sowjetisch gelenkten Staaten. Das kommunistisch regierte Land, das einen "dritten Weg" zwischen Staatssozialismus und Kapitalismus gehen wollte, war viel offener als seine unter Moskaus Kuratel stehenden Nachbarn: Es gewährte seinen mehr als 23 Millionen Einwohnern mehr Rechte, darunter die volle Reisefreiheit, viele Bürger hatten Auslandskontakte und sogar -erfahrung, während die Privatwirtschaft einen größeren Freiraum genoss und seit langem westliches Kapital hierher floss. Aber es kam anders. Ausgerechnet das liberalste und am weitesten entwickelte sozialistische Land zerfiel in einem Jahrzehnt blutiger Kriege in sieben Einzelteile.

Dass Jugoslawien am Ende des Ersten Weltkriegs "künstlich" gebildet wurde, wie es die Propaganda der 1990er Jahre behauptete, weist die Fachwelt heute unisono zurück. Schon zur Kaiserzeit hatte es eine südslawische Bewegung gegeben, besonders stark war sie in Kroatien. Aber während die Kroaten sich das erträumte Jugoslawien als einen Vielvölkerstaat nach Art des Habsburgerreichs vorgestellt hatten, hatte man in der Hauptstadt Belgrad ein vergrößertes Königreich Serbien im Sinn. Schon früh kam es zu Konflikten. Im April 1940 schließlich überfiel Hitler mit seiner Wehrmacht das neutrale Land und teilte es auf. In der Mitte entstand der "Unabhängige Staat Kroatien", der ungeachtet seines Namens ganz von Nazi-Deutschland abhängig war und dessen brutales Regime Juden, Serben und Roma ermordete oder in KZs schaffte.

Ethnische Quotierung Als gegen Kriegsende kommunistisch geführte Partisanen das Land von der Besatzung befreiten, sollten die Fehler der Vorkriegszeit nicht wiederholt werden. Kein Volk sollte dominieren, war die Devise. Der langjährige Staats- und Parteichef Josip Broz, genannt Tito, schuf ein sorgfältig austariertes System des ethnischen Gleichgewichts und reservierte für sich selbst die Rolle des Schiedsrichters. Jede "Nation" bekam jetzt ihre eigene Republik; zusätzlich herrschte bis in die Teilstaaten, Gemeinden und sogar in die Betriebe vielerorts eine peinlich genaue ethnische Quotierung.

Nach Titos Tod 1980 sollten die Präsidenten der sechs Teilrepubliken und beiden autonomen Provinzen das Land gemeinsam regieren. Einen Schiedsrichter gab es nicht mehr, aber die Konkurrenz zwischen den Republiken wurde während einer langen Wirtschaftskrise von Jahr zu Jahr schärfer. Als sich 1986 bei der Wahl zum kommunistischen Parteichef in der größten Republik Serbien Slobodan Milosevic durchsetzte, zog zusätzlich eine Welle nationalistischer Propaganda durchs Land.

Den Todesstoß versetzte dem Vielvölkerstaat ausgerechnet der Übergang zur Demokratie: Auf freie Wahlen im ganzen Land konnten sich die streitenden Präsidenten nicht mehr einigen. So wurde in jeder Republik einzeln gewählt. Überall setzten sich die Kandidaten durch, von denen die eigene Volksgruppe sich den wirksamsten Schutz gegen die je andere erwartete.

1991 erklärten sich Slowenien und Kroatien für unabhängig. Jugoslawien war zerfallen. Die formal noch gemeinsame, de facto aber schon serbisch dominierte "Volksarmee" besetzte ein paar Tage die Grenzübergänge Sloweniens zu Österreich und Italien. Aber der eigentliche Krieg ging nicht um den Erhalt Jugoslawiens, sondern um die Verteilung seines Territoriums.

Jugoslawische Armee und Freischärler besetzten die Teile Kroatiens, wo die serbische Minderheit lebte, und vertrieben die dort lebenden Kroaten. Am schlimmsten traf es Bosnien-Herzegowina. Dreieinhalb Jahre führten drei Armeen Krieg gegen einander: Die von den muslimischen Bosniaken dominierte wehrte sich gegen die Versuche einer serbischen und einer kroatischen Formation, ihre jeweiligen Siedlungsgebiete ethnisch zu "säubern", so das Schlagwort dieser Jahre, und dann den neuen Nachbarstaaten Serbien und Kroatien anzuschließen. Auch eine Uno-Schutztruppe konnte nicht verhindern, dass mehr als 100.000 Menschen zu Tode kamen und die Hälfte der Bevölkerung flüchten musste.

Nach jahrelangen erfolgslosen Friedensverhandlungen erreichten die USA unter ihrem neuen Präsidenten Bill Clinton mit Druck und Hilfsversprechen, dass Bosniaken und Kroaten Frieden schlossen und sich gemeinsam gegen die serbische Partei wandten. Von Milosevic in Belgrad, der die serbische Kriegspartei in Bosnien gestützt, finanziert und gelenkt hatte, erreichten die USA, dass er mit dem bosnisch-serbischen "Präsidenten" Radovan Karadzic brach. Als dessen Armee weiterkämpfte, musste sie sich den von den USA aufgerüsteten und von Nato-Luftangriffen unterstützten Bosniaken und Kroaten geschlagen geben. 1995 schlossen die Präsidenten Serbiens, Kroatiens und Bosnien-Herzegowina auf einem US-Luftwaffenstützpunkt in Dayton/Ohio Frieden und einigten sich auf eine Verfassung für Bosnien-Herzegowina.

Deutscher Kriegseinsatz Dauerhafter Friede trat aber nicht ein. Die albanische Mehrheit im Kosovo - formal eine "autonome Provinz" Serbiens, de facto aber von einem serbischen Polizeiregime beherrscht - wollte sich damit nicht abfinden. Als Belgrad gegen die albanische Untergrundarmee UCK losschlug, brach ein Volksaufstand aus; es drohte ein Bürgerkrieg. Nato-Luftschläge, an denen sich die Bundeswehr ungeachtet eines fehlenden UN-Mandats beteiligte, zwangen Serbien schließlich 1999 nach 78 Tagen zum Rückzug aus dem Kosovo. Nach einer UN-Übergangsverwaltung erklärte sich das Land 2008 mit westlicher Unterstützung für unabhängig. Serbien, aber auch fünf EU-Staaten und Russland mit seinem Veto-Recht im Weltsicherheitsrat erkennen das Land bis heute nicht an.

Der Autor arbeitet seit 1992 als freier Südosteuropa-Korrespondent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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