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Arbeitsmarkt
Norbert Mappes-Niedieck
Fahrt ins Ungewisse

Eine ganze Generation verlässt den Balkan Richtung Deutschland - und findet dort kaum Chancen. Die Länder leiden unter dem Braindrain

Wie man einen Businessplan macht, weiß Ornela schon. Bald will sie dann ein "successful and innovative entrepreneur" sein, sagt die 23-Jährige in flüssigem Englisch und streicht ihr faltenlos glattes Kleidchen noch ein bisschen glatter. Erst einmal will sie aber ihren Master in Betriebswirtschaft machen, sagt die zierliche Businessfrau der Zukunft, "am liebsten in Deutschland", schlägt gemessen die Beine übereinander und reckt selbstbewusst das Kinn.

Wer glaubt, er wüsste etwas über den Balkan, war noch nicht in Bucimas. Am Rande des armseligen Dorfes im wilden Osten Albaniens steht die private Nehemiah Gateway University. Den Campus würde man eher in Kalifornien erwarten: Moderne Gebäude mit strahlend hellen Unterrichtsräumen und ebenso lässigen wie ambitionierten Studenten, Security an der Pforte, ein Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten. Ornela, die hier demnächst ihren Bachelor macht, kommt aus Pogradec, der nahen Kleinstadt mit ihren bröckelnden sozialistischen Wohnblöcken und metertiefen Schlaglöchern. Die Welt, die sie im Studium kennengelernt hat, wird sie kaum so leicht wieder verlassen.

Dass Ornela bald in Deutschland arbeitet, ist nach der Statistik sehr wahrscheinlich. Dass sie irgendwann zurückkehrt, dagegen nicht. Aus Albanien sind seit 1990 geschätzte 45 Prozent der Hochschulabsolventen ins Ausland gegangen und 65 Prozent der Promovierten.

Warten auf die Rückkehrer Alle Länder in Südosteuropa, ob EU-Mitglied oder nicht, kämpfen gegen einen gewaltigen Braindrain an. Aus Serbien, so der Belgrader Bevölkerungsforscher Vladimir Greic, sind in den letzten zwei Jahrzehnten 300.000 frisch ausgebildete junge Leute, darunter 40.000 Hochschulabsolventen, ins Ausland abgewandert - unter Mitnahme einer Qualifikation, die das verarmte Land rund 12 Milliarden Euro gekostet hat. In Kroatien hat der Bildungsminister vorgeschlagen, von auswandernden Medizinern einen Teil der Studienkosten zurückzuverlangen.

"Später", sagt Ornela, ganz die künftige Unternehmerin, "will ich dann auch in mein eigenes Land investieren." Aber ihr Bildungsplan macht eine Rückkehr unwahrscheinlich. Schon bei der Wahl des Studienfachs orientieren sich junge Leute vom Balkan von vornherein an einem tatsächlichen oder bloß imaginierten westeuropäischen, aber nicht am heimischen Arbeitsmarkt. Die anglistischen, selbst die germanistischen Seminare sind voll - und das, obwohl der deutsche Bedarf an Deutschlehrern mit serbischer oder albanischer Muttersprache gegen null geht.

Die Hoffnung, dass die gebildeten Emigranten irgendwann ihr Wissen und ihre Erfahrung zurück in die Heimat tragen, hat sich nicht erfüllt. "Sie kommen zurück und merken: Ich bin dreimal so gut wie mein Chef", beobachtet Frank Hantke, der sich für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Tirana mit Arbeitskräften und Berufsausbildung beschäftigt. "Und dann gehen sie wieder." Dito in Kroatien: "Die jungen Leute haben begriffen, dass ihre Arbeitskraft auf dem Balkan nicht geschätzt wird", so die Migrationsforscherin Silva Meznaric. "Deshalb organisieren sie sich ihr Leben woanders." Wie in allen Balkanländern gelten auch in Kroatien als wichtigste Qualifikationen Verwandtschaft und Parteibuch.

Tatsächlich geht nicht nur eine Bildungsschicht, es geht eine ganze Generation. Zurück bleiben die Alten. Kroatien mit seinen 1,2 Millionen Arbeitsplätzen verliert seit dem EU-Beitritt 2013 jährlich rund 25.000 Einwohner, immer häufiger ganze Familien. Dabei schwindet in allen Ländern der Region schon seit der Wende um das Jahr 1990 die Bevölkerung, zum kleineren Teil wegen der sinkenden Geburtenrate. Zum größeren Teil wegen der Emigration: Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung von Rumänien und Mazedonien leben dauerhaft im Ausland, von den Kosovaren lebt jeder zehnte allein in Deutschland.

Zerstörte Industrie Die Regierungen halten sich mit der Klage über den Exodus zurück. Heimlich freuen sie sich über die Entlastung für den Arbeitsmarkt und auf die Rücküberweisungen der Ausgewanderten nach Hause - in den Balkanländern machen sie zwischen 20 und 50 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts aus. Trotz der vielen Wegzüge aber bleibt die Arbeitslosigkeit in fast allen Ländern der Region hoch: Um die 25 Prozent liegt sie in Bosnien und Mazedonien, de facto bei mehr als 50 Prozent im Kosovo und bei immer noch 15 Prozent in Serbien und Albanien. Auswanderung und Arbeitslosigkeit verhalten sich nicht wie in kommunizierenden Röhren. Sie sind vielmehr zwei Übel - mit derselben Ursache.

Krieg und Sanktionen haben in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens die Industrie zerstört - direkt oder durch den Wegfall der Märkte. Selbst im EU-Land Kroatien hat die Industrieproduktion noch nicht einmal das Vorkriegsniveau wieder erreicht. In Serbien sind seit den 1990er-Jahren etwa eine Million Industriearbeitsplätze weggefallen - bei sieben Millionen Einwohnern.

Entsprechend schwach fällt die Qualifikation der nachwachsenden Arbeitnehmer aus. Eine duale Berufsausbildung gibt es nicht, schon mangels geeigneter Betriebe. Das Lehrpersonal in den Fachschulen ist überaltert, schlecht bezahlt und ohne eigene praktische Erfahrung. So bleibt für viele Junge aus den ärmeren Balkanländern als Alternative zur Arbeitslosigkeit zu Hause nur der Niedriglohnsektor in Deutschland.

Dem Kosovo, Schlusslicht unter den Balkanstaaten, haben seit dem Zerfall Jugoslawiens 1991 etwa eine Million Menschen den Rücken gekehrt - 1,7 Millionen leben noch dort. Nach Zahlen der Weltbank besuchen 35 Prozent der 15- bis 24-Jährigen weder eine Schule oder Universität, noch gehen sie einer Beschäftigung nach. Dabei hat das Land, ganz im Kontrast zu seinen vergreisenden Nachbarn, die jüngste Bevölkerung Europas. Jedes Jahr drängen bis zu 50.000 junge Schulabgänger auf einen kaum wahrnehmbaren Arbeitsmarkt. In Deutschland finden sie allenfalls illegal in Restaurantküchen Arbeit. Von Hochschulstipendien in Deutschland profitieren Kosovaren so gut wie gar nicht. Die Visumpflicht für die EU-Länder bleibt für die etwa 1,6 Millionen im Lande verbliebenen Kosovaren bestehen.

Dusan Reljic, Balkanexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, bietet für die Auswanderung auch der Bessergestellten eine grundsätzliche Erklärung an: Die Osteuropäer befänden sich in der "Einkommensfalle". Selbst in EU-Ländern mit ansehnlicher Industrie, etwa der Slowakei, komme man über 600 Euro im Monat kaum hinaus - für jemanden, der für das Auto oder das Handy Preise auf deutschem Niveau zahlt, ein trauriger Lohn. "Und", folgert Reljic, "wenn der Euro nicht zu den Menschen kommt, gehen die Menschen eben zum Euro."

Zugang zu EU-Strukturfonds Anders als die EU-Staaten haben die sechs armen Balkanländer, die der Union erst noch beitreten wollen, keinen Zugang zu den großen EU-Strukturfonds, die das Ungleichgewicht zwischen reichen und armen Ländern in Europa ausgleichen sollen. Zölle auf Waren aus der EU dürfen sie im Vorgriff auf den Beitritt keine erheben. So häufen sie gegenüber dem Westen, besonders gegenüber Deutschland, ein enormes Leistungsdefizit an. Sie importieren mangels eigener Produktion Waren so gut wie aller Art: von Autos und Handys bis hin zu Tomaten und Streichhölzern. Selbst haben sie aber kaum Güter und Dienstleistungen anzubieten, die sie in die reicheren EU-Staaten exportieren könnten.

Das Defizit wiederum können sie nur mit Krediten kompensieren. Kredite sind teuer, weil die Banken, zu 90 Prozent Tochterinstitute von EU-Banken, nicht über die gleichen Absicherungen verfügen wie die Mütter im Westen. Für Investitionen, mit denen die Balkanstaaten eines Tages konkurrenzfähig werden könnten, bleibt nichts übrig. Der Balkan sei "längst Teil des gemeinsamen Marktes", sagt Reljic, nicht nur des Arbeitsmarktes. "Er hat nur nicht die gleichen Konditionen."

Investitionen von westlichen Unternehmen in diese Billiglohnländer in oder am Rande der EU schaffen nur zeitweise Entlastung. Denn: "Die einzigen Konkurrenzvorteile der osteuropäischen Staaten im gemeinsamen Markt sind niedrige Steuern und billige Arbeitskräfte", sagt Dusan Reljic. Wird die Arbeit zu teuer, gehen die Investoren weiter, meistens nach Asien. Damit das nicht passiert, bleiben die Löhne niedrig. Ein Teufelskreis.

Die Europäer im Osten halten es, der Not gehorchend, mit Europa deshalb wie die Amerikaner mit ihren Vereinigten Staaten. Wie dort niemand etwas dabei findet, dass man in Kalifornien oder Colorado studiert, in Pennsylvania oder New York arbeitet und in Florida die Rente verzehrt, so blicken die Balkan-Bewohner auch auf sich und die weite, große Europäische Union.

Der Autor berichtet als Korrespondent über Südosteuropa.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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