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UFERGESCHICHTEN
Uwe Rada
Alles ist im Fluss

Lange galt die mittlere und untere Donau als balkanischer Strom, der negative Assoziationen erweckte. Mit neuen Bildern sollen nun mehr Touristen angelockt werden

Balkan? Also bitte! Wer in Deutschland von der Donau spricht, denkt an die Altstadt von Regensburg, die der Donau ein römisches Element gibt, an Wien und Budapest, mithin an die Donau der Habsburger, und vielleicht noch ans Donaudelta. Unsere schöne, blaue Donau als "balkanischen Fluss" zu bezeichnen, würde dagegen einen Sturm der Entrüstung auslösen. Also teilt man die Donau besser - in einen eigenen europäischen und einen fremden balkanischen Abschnitt.

Eine Art geografische Teufelsaustreibung, die freilich ihre Tücken hat. Der Balkan, das sind immer die Anderen, hat einmal der slowenische Philosoph Slavoj Zizek gesagt. Und wirklich: Für die Österreicher in der Donaustadt Wien war bis vor nicht allzu langer Zeit bereits die slowakische Nachbarstadt Bratislava balkanisch, für die Slowenen beginnt der Balkan in Kroatien, das zu Zeiten der Donaumonarchie zum ungarischen Reichsteil gehört hatte. Für die katholischen Kroaten wiederum ist das orthodoxe Serbien mit Belgrad balkanisch, das sich wiederum vom muslimischen Bosnien und Albanien abgrenzt. Und so geht es weiter bis Rumänien und Bulgarien. Letzteres gilt bis heute als das einzige Land in Europa, das stolz ist auf seine balkanische Herkunft.

So ist der Balkan also auch geokulturell die Zuschreibung der dunklen Seite unserer Geschichte, ganz weit weg, und da soll er auch bleiben. Humanistisch argumentiert hingegen György Konrád. Der ungarische Schriftsteller, der in Budapest, wie er einmal verriet, am liebsten auf die Donau schaut, weiß zwar, dass dieser große Strom Europas zwei ganz verschiedene Gesichter hat. Er setzt aber dennoch stärker auf das Verbindende. "Man könnte sagen, dass die Donau der Strom Mitteleuropas sei", schrieb Konrad in einem Essay über seinen Fluss, "die Hauptschlagader dieses bunten Gebiets." Aber daneben gibt es auch die Donau, die sich in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts plötzlich und unerwartet in Erinnerung gerufen hat, als Schlachtfeld: "Vom Ufer aus oder vom Rand des in das Eis gehauenen Lochs kann man auf Menschen ins Wasser hineinschießen, so dass der Leichnam und dessen mörderisches Spiegelbild in unbekannte Ferne hinweggetragen werden", weiß Konrád. "Wenn wir versuchen, uns wechselseitig niederzumetzeln, dann stürzen die Brücken ein. Das erste Opfer des Krieges ist die Brücke."

Festgeschriebene Bilder Ist die eine Donau, die friedliebende, also die mitteleuropäische während die andere, kriegerische und tödliche die des Balkans ist? Konrád würde das nicht unterschreiben. Für ihn teilen Österreich, Ungarn und Serben ein und das selbe Schicksal: europäische Binnenländer zu sein. "Seevölker sind immer weltoffen, wir aber haben kein Meer. Für uns ist die Donau die Verheißung des Meeres. Über sie können wir zu fernen Gestaden gelangen; sie durchquert uns und löst unser Eingesperrtsein auf." Gleichwohl hat sich das Bild der mitteleuropäisch zivilisierten und balkanisch grobschlächtigen Donau bis heute fest- und fortgeschrieben, so dass wir sie von der Quelle bis Budapest gern und oft bereisen, während wir um den Fluss dahinter noch immer am liebsten einen Bogen machen. Und tatsächlich hat diese kulturelle Teilung der Donau auch einen historischen Kern, der weiter zurückreicht als bis zu den Balkankriegen, auf die sich György Konrád bezieht. Die Rede ist vom christlich-muslimischen Ringen um die Vorherrschaft auf dem Balkan. Symbolischer Endpunkt dieses Ringens war das Jahr 1683, in dem "die Türken vor Wien" standen und von einer christlichen Armee besiegt wurden. Das mitteleuropäische Habsburg blieb in seinem Selbstbild die "antemurale christianitatis", ein Bollwerk der Christenheit gegen den Ansturm der Muslime.

Den Türkenkriegen, die erst mit dem Friedensschluss von Karlowitz 1699 zu Ende waren, folgte die Besiedlung der wüst gefallenen Regionen an der mittleren Donau durch die "Donauschwaben". Diese beispiellose Wanderungsbewegung auf einem Fluss, die im Mai 1712 in Ulm begann und auf den "Ulmer Schachteln" die Donau hinunter führte, war ein groß angelegtes Konjunkturprogramm des Habsburgerreichs, das bis weit hinein ins 19. Jahrhundert reichen sollte. Etwa 150.000 Menschen haben sich damals auf den Weg gemacht. Sie ließen sich in Budapest nieder, in Mohacs oder in Neusatz, heute Novi Sad. Eigentlich könnten die Donauschwaben Botschafter eines positiven Bildes der balkanischen Donau sein und ein Lied singen von dem Zusammenleben der Kulturen, der Erweiterung der "zivilen" Zone donauabwärts. So aber kamen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und ihrer Vertreibung zum balkanischen Image der Donau die Erzählungen von Gewalt und dem Verlust der Heimat hinzu.

Europäischster aller Flüsse Welches Bild aber könnte der Fluss heute, hervorbringen? Um sich dieser Frage zu nähern, lohnt ein Blick auf das Bild des Stroms in anderen Ländern. In seinem Essay "Der Donau entkommt man nicht", schildert etwa der polnische Autor Andrzej Stasiuk die Donau mitnichten als einen geteilten Fluss, wenn er schreibt: "So ist die Donau. Wenn wir an ihrer Quelle stehen, denken wir an ihre Mündung; während wir noch schauen, wie sie im Meer versinkt, gehen wir in Gedanken flussaufwärts." Für Stasiuk ist die Donau "der europäischste aller Flüsse, sie ist die tiefsinnigste, klügste Erzählung, die uns die Geografie unseres Kontinents bietet".

Aber auch im ehemaligen Jugoslawien ist die Donau heute eher mit Hoffnung als mit den bloßen Erinnerungen an den Krieg verbunden. So schreibt etwa der kroatische Schriftsteller Miljenko Jergovic über den Krieg in Vukovar, das an der Grenze zwischen Kroatien und Serbien liegt und im Krieg von 1992 bis 1995 größtenteils zerstört worden war. "Wann immer ich nach Vukovar komme, vergesse ich die Traurigkeit, Beklemmung und Übelkeit, die ich beim Anblick des zerstörten Stadt empfinde, sobald ich mich an den großen Fluss begebe." Die Donau, so Jergovic, "ist die Hoffnung Vukovars, das Versprechen der Zukunft, der Rettung und des Lebens."

Dieses Bild der Donau als dem verbindenden Fluss, der fließenden Grenze zwischen Mitteleuropa und Balkan, hat sich auch die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit zu eigen gemacht. Seit 2015 fördert sie über das in Belgrad ansässige Donaukompetenzzentrum den grenzüberschreitenden Tourismus an der mittleren und unteren Donau. Inzwischen gibt es zwei regionale Kulturrouten, das "Römische Kaiserreich" und "Wein an der Donau". Über den sanften Tourismus soll der Aufschwung nicht nur in den Städten ankommen, sondern auch in ländlichen Regionen. Beispiele wie das Weinanbaugebiet von Ilok an der kroatisch-serbischen Grenze zeigen, dass dies möglich ist: Ferienhäuser in den Weinbergen hoch über dem Fluss erzeugen Bilder, die von einem neuen Kapitel in der Geschichte erzählen - einem Kapitel, in dem man sich von der Zukunft mehr verspricht als von der Vergangenheit.

Der Balkan, sagte Slavoj Zizek 2010, ist "kein fester Ort". Er verschwinde sogar. Und wirklich. Wer mit einem Schiff zum Eisernen Tor fährt, vorbei an den Überresten der Trajansbrücke, der weiß, dass die Donau älter ist als das, was wir heute als balkanisch verstehen. Die mittlere Donau, aber auch die untere Donau sind mithin eine wunderbare Gelegenheit, alte Blicke auf Europa auf den Prüfstand zu stellen und neue Blicke einzuüben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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