Inhalt

Ortstermin: Bei der schulung für Wahlhelfer
Eva Bräth
»Demokratie hautnah miterleben«

"Der Kandidat der A-Partei hat 13 Stimmen", sagt eine Frau. Elf Erststimmen für die B-Partei, vier für die C-Partei, haben ihre Tischnachbarn gezählt. Die Frau, die gegenüber sitzt, notiert die Werte eifrig. Alle sind konzentriert, schließlich geht es darum, den Ernstfall zu proben: Der findet noch in diesem Monat statt und heißt Bundestagswahl. Dann werden die Anwesenden als ehrenamtliche Wahlhelfer im Einsatz sein. Damit sie die genauen Abläufe am 24. September kennenlernen, hat das Bezirkswahlamt Berlin-Neukölln zur Schulung eingeladen.

Es gibt viel zu beachten am Wahlsonntag, das wird beim Vortrag des Bezirkswahlleiters deutlich: "Wählerverzeichnis", "Niederschrift", "Schnellmeldung", viele bürokratische Begriffe schwirren durch den Raum. Trotzdem: Mit ganz praktischen Aufgaben startet der Tag für die rund 650.000 ehrenamtlichen Wahlhelfer in den 88.000 Wahllokalen der Bundesrepublik. Wer nicht im Briefwahllokal mitarbeitet, muss schon um 7 Uhr im Wahllokal sein. Dort treffen sich die Teams, die sich aus Wahlvorstand, Schriftführer, Beisitzer und den jeweiligen Stellvertretern zusammensetzen. Wahlkabinen und Urnen müssen aufgebaut, die Unterlagen sortiert werden. Bis um 8 Uhr das Wahllokal öffnet, schildern die Ehrenamtlichen den Weg im Gebäude aus und überprüfen, dass im Radius von 30 Metern keine Wahlwerbung angebracht ist. "Halten Sie die Tür mit einem Keil geöffnet", heißt es im Schulungsvideo. Alle Wahlberechtigten sollen barrierefrei ihre Stimme abgeben können.

Die Schulungsteilnehmer im Neuköllner Süden haben die Erststimmen komplett ausgezählt. Auch eine Einigung über die Beschlussfälle gibt es schon. Das sind Wahlzettel, die Anlass zu Bedenken geben. "Die anderen kann man nicht wählen", hat ein Wähler vermerkt. Aufgrund des Zusatzes ist die Stimme ungültig. Der Wahlzettel, der Kreuze bei gleich drei Kandidaten enthält, wandert auf denselben Stapel. Die Wahlabsicht ist nicht eindeutig erkennbar, sind sich alle einig. Ein anderer Beschlussfall dagegen zählt. Die Arbeit scheint getan. "Es hätte eigentlich schon Protest geben müssen", sagt da der Verwaltungsmitarbeiter. Fragend sehen sich alle an. Schließlich identifiziert einer den Fehler. Ein Wahlzettel ist aus einem ganz anderen Wahlkreis. "Es ist unwahrscheinlich, aber letztlich kann jemand einen anderen Zettel in der Tasche haben", werden die Ehrenamtlichen vorbereitet.

Dass am Wahltag nicht immer alles reibungslos verläuft, erzählen auch erfahrene Wahlhelfer. Einer davon ist Manfred Herrmann (59), der seit den 1980er Jahren dabei ist. Er erinnert sich, dass er ein Ehepaar trennen musste, das unbedingt gemeinsam in die Wahlkabine wollte. Aber auch das Auszählen habe seine Tücken. "Manchmal ist es zum Haare raufen", sagt er. "Wenn man noch mal zählt und noch mal zählt und es immer noch eine kleine Abweichung gibt." Langweilig sei das Amt jedenfalls nie: "Es ist spannend, wenn man den Wahlbürger sieht."

Ein anderer Wahlhelfer (50) erzählt: "Ich werde nie vergessen, wie ein Mann aus Versehen den Personalausweis in die Urne geworfen hat." Eigentlich dürfe man sie ja bis zur Auszählung nicht öffnen. Beim ersten Wähler frühmorgens habe das Team aber ein Auge zugedrückt. Obgleich das Amt Stress bedeute, liegt es ihm am Herzen. "Frei wählen zu können ist keine Selbstverständlichkeit", sagt er. Die Möglichkeit der freien Wahl sollte man unterstützen." Eine ähnliche Motivation hat Viola Geiger, die am 24. September zum ersten Mal Wahlhelferin sein wird. "Ich finde es spannend, Demokratie hautnah mitzuerleben", sagt die 32-jährige Lehrerin.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag