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EDITORIAL
Alexander Weinlein
Intelligent ist das nicht

Die Deutschen sind als ein Volk der Schnäppchenjäger verrufen. Stundenlang surfen sie im Internet nach dem preisgünstigsten Angebot. Laufen sich in der Fußgängerzone die Hacken wund, um ein paar Euro zu sparen, oder fahren Dutzende von Kilometer, um beim Tanken zwei Cent pro Liter weniger zu zahlen. Nur beim Wählen, da verlässt seit Anfang der 1980er Jahre eine wachsende Zahl von Deutschen das Gespür für das Preisleistungsverhältnis. Einschließlich eines Fußweges zum Wahllokal und zurück dauert es durchschnittlich wohl kaum mehr als 30 Minuten, um mit zwei Kreuzen auf dem Wahlzettel die Erst- und Zweitstimme zu vergeben. Für diesen minimalistischen Aufwand kann man direkt mitbestimmen, welche Parteien und Direktkandidaten in den nächsten vier Jahren im Bundestag sitzen, und indirekt, wer das Land regiert.

Bei der Bundestagswahl 2013 wollten trotzdem 28,5 Prozent der rund 62 Millionen wahlberechtigten Deutschen dieses Schnäppchen politischer Mitbestimmung nicht in Anspruch nehmen. Annähernd 18 Millionen Deutsche nahmen jenes Recht nicht in Anspruch, dass jedem deutschen Staatsbürger an seinem 18. Geburtstag ohne jede Vorbedingung gegeben wird. Ohne dass er dafür männlichen Geschlechts sein müsste wie noch vor 100 Jahren, ohne dass er dafür ein bestimmtes Vermögen nachweisen müsste, wie noch vor 150 Jahren üblich. Um zur Wahl gehen zu können, muss man nicht einmal nachweisen, dass man überhaupt weiß, welche Institution gewählt wird und welche Funktion diese in unserem Staat ausübt. Erkämpft haben das freie und gleiche Wahlrecht frühere Generationen und haben dafür deutlich größere Strapazen und Gefahren auf sich genommen als einen halbstündigen Spaziergang an einem Sonntagmorgen. Zuletzt vor knapp 30 Jahren im Osten Deutschlands, der ehemaligen DDR.

Die Wahlen in Deutschland sind frei. Niemand muss zur Wahl gehen. Nichtwähler sind weder kriminell noch handeln sie unmoralisch. Aber sie sollten sich auch nicht einbilden, Nichtwählen sei besonders intelligent. Und wer sich von den gewählten Volksvertretern nicht vertreten fühlt und meint, er könne es besser, dem steht es frei, selbst zu kandidieren. Dies allerdings ist dann ein deutlich unbequemerer Weg als der zum Wahllokal.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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