Inhalt

MALI
Bettina Rühl
Alltägliche Gewalt

Das westafrikanische Land ist eines der wichtigsten Einsatzländer der Bundeswehr - und das gefährlichste

Die Nacht ist still, nur von fern sind leise Stimmen zu hören. Einige deutsche Soldaten warten auf ihren Einsatz: Sie sollen die Aufklärungsdrohne "Luna" in den Himmel über der malischen Wüste katapultieren. Wenig später scheppert und quietscht es, ein paar Männer ziehen das Katapult zu dem betonierten Startplatz. Dann prüfen sie alle Systeme: Steht die Verbindung zwischen der Drohne und der Bodenkontrollstation? Funktioniert die Wärmebildkamera für die Nachtaufnahmen?

180 Männer und Frauen gehören zu der gemischten Aufklärungskompanie, die unter anderem für die Flüge der "Luna" verantwortlich ist. Zu ihr gehören neben Deutschen auch Soldaten aus Belgien, Dänemark, Estland, den Niederlanden und der Schweiz.

Sie alle sind im Rahmen einer UN-Mission in Gao stationiert, der so genannten MINUSMA, ("Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali"). Insgesamrt sind in dem westafrikanischen Land 12.000 UN-Soldaten im Einsatz, darunter derzeit 550 deutsche Soldatinnen und Soldaten. Die Bundesregierung möchte die Obergrenze des Mandates jetzt von 650 auf 1.000 erhöhen, am Freitag hat der Bundestag darüber in erster Lesung beraten (siehe Beitrag unten).

Die Bundeswehr beteiligt sich außerdem mit derzeit 150 Soldaten an einem Einsatz der EU. Durch die Ausbildungs- und Trainingsmission EUTM wollen die Europäer die malische Armee langfristig in die Lage versetzen, ihr Land selbst zu verteidigen.

Die MINUSMA ist die gefährlichste UN-Mission weltweit; 70 Soldaten wurden bereits im Einsatz getötet. Die Blauhelme sollen die Bevölkerung in Nordmali schützen, bei der Stabilisierung des Landes helfen und die malische Regierung dabei unterstützen, ein Friedensabkommen umzusetzen, das schon im Juni 2015 unterzeichnet wurde. Doch entgegen allen Zeitplänen wurde davon bislang fast nichts in Angriff genommen. Gewaltsame Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung.

Die politische Krise in Mali begann Anfang 2012 mit dem Aufstand der Tuareg-Miliz MNLA. In der Folge geriet der Norden des Landes unter die Kontrolle von Aufständischen und bewaffneten islamistischen Gruppen. Ein Eingreifen der französischen Armee stoppte Anfang 2013 den Vormarsch der Islamisten auf die Hauptstadt Bamako. Die UN-Soldaten folgten wenige Monate später.

Neben der Aufklärung soll die Bundeswehr ab März in Gao auch die Verantwortung für die Rettungskette der Soldaten übernehmen. Angesichts der Größe Malis - das Land ist drei Mal so groß wie Deutschland - und der schlechten Infrastruktur sind dafür Hubschrauber nötig. Deshalb sollen vier Rettungs- und vier Kampfhubschrauber für den Begleitschutz nach Gao verlegt werden. Zudem sollen weitere Drohnen eingesetzt werden; außer der kleinen "Luna" fliegen bereits die größeren "Heron"-Drohnen, die eine größere Reichweite haben. Für diese Aufgaben sind mehr Soldaten nötig.

Unter Beschuss Die "Luna" brummt inzwischen durch den nächtlichen Himmel. In der Bodenkontrollstation im "Camp Castor" verfolgen zwei Soldaten die Route der Drohne, und was sie für Bilder sendet. "Heute Nacht soll sie eine Straße abfliegen, über die morgen ein deutscher Spähtrupp fährt", erklärt der Bildauswerter Jan B. Alle Aufnahmen werden gespeichert und später noch gründlicher ausgewertet. Auf dem Computerbildschirm ist jetzt die noch warme Straße als weißes Band im schwarzen Umfeld gut zu erkennen. "Da sehen wir ziemlich deutlich, ob sich jemand an der Oberfläche zu schaffen gemacht und vielleicht einen Sprengsatz vergraben hat", sagt Jan B.

Alle Fahrten aus Camp Castor hinaus sind für die Soldaten gefährlich. Islamisten und andere Kämpfer legen den UN-Soldaten und der malischen Armee immer wieder Hinterhalte, vergraben Minen oder selbstgebaute Sprengsätze. Oft nehmen sie die Konvois zusätzlich unter Beschuss oder greifen die Helfer an, die zur Rettung der verletzten Soldaten ausrücken. Wie ernst die Lage ist, zeigte erst am vergangenen Mittwoch ein weiterer Anschlag: Bei einem mutmaßlichen Selbstmordattentat auf ein Lager regierungstreuer Milizionäre wurden mindestens 60 Menschen getötet und mehr als 100 weitere verletzt.

Groß und unzugänglich "Wirklich verhindern können Sie so etwas nicht", sagt der deutsche Kontingentführer, Oberstleutnant Michael Hoppstädter. Dafür ist Mali zu groß und zu unzugänglich, rund 600 Soldaten für die Aufklärung trotz technischer Hilfsmittel nicht genug. Die Wüste bedeckt weite Teile des Landes, die Gebirge in der Sahara bieten schwer zugängliche Rückzugsräume für terroristische Gruppen. Einige von ihnen sind mit dem Terrornetzwerk Al-Qaida verbunden, finanzieren ihren Krieg mit Menschenhandel und Schmuggel, vor allem dem Handel mit Kokain. Seit Anfang 2013 hat sich die Sicherheitslage wieder verschlechtert, die Zahl von Anschlägen, Attentaten und Opfern nimmt zu. Zudem wird die politische Lage immer komplexer, die Zahl bewaffneter Gruppen steigt. Ständig ändern sich deren Zugehörigkeiten und Loyalitäten.

Dennoch hält Kontingentführer Hoppstädter den MINUSMA-Einsatz und den deutschen Beitrag für sinnvoll. Mit einem großen "Aber": "Militärisch wird man eine solche Krise in keinem Staat jemals lösen können", meint der Oberstleutnant. "Dazu gehört noch viel mehr, zum Beispiel der zivile Aufbau und die Ausbildung junger Menschen."

Der deutsche Hauptmann T. hat als Ausbilder nicht nur mit jungen Leuten zu tun. Er ist im Rahmen der europäischen Ausbildungs- und Trainingsmission EUTM in der Offiziersschule von Koulikoro im Einsatz. Das "Bonjour", das er und seine "Azubis" an diesem Morgen wechseln, klingt geradezu freundschaftlich. Ob ihm der Einsatz in Mali Freude macht? "Oh ja!", sagt T. Der Umgang mit den malischen und europäischen Kollegen habe ihn bereichert. "Außerdem finde ich es wichtig, dass wir hier sind. Es reicht nicht, nur Geld für internationale Missionen zu überweisen."

Koulikoro liegt etwa 60 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bamako am Ufer des Niger und gilt als relativ sicher. "Trotzdem haben wir die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verstärkt", betont Oberstleutnant Marko Schwarzbach, bis Ende November Führer des deutschen EUTM-Kontingents. "Und zwar, bevor das erste Mal etwas passiert." Künftig sollen die EU-Militärausbilder dezentral schulen, auch im gefährlicheren Norden. Unter anderem sind Gao und Timbuktu im Gespräch.

Ende 2016 hatten genau 9.300 malische Soldaten einen Lehrgang der Europäer durchlaufen, mehr als die Hälfte der malischen Armee. Trotzdem hat die Truppe noch immer den Ruf, nicht nur schlecht ausgestattet, sondern auch schlecht trainiert zu sein.

"Aber ich erkenne durchaus Fortschritte", sagt Schwarzbach, der bereits 2013 für einige Monate im EUTM-Einsatz war. Anfangs sei es um die absoluten Grundlagen gegangen, um den einzelnen Soldaten und sein Gewehr. Geschult wurden jeweils Gefechtseinheiten. "Jetzt steht für uns die Schulung der militärischen Führer im Mittelpunkt", sagt Schwarzbach, "damit sich die malischen Streitkräfte in Zukunft selbst ausbilden können und wir irgendwann überflüssig sind." Allerdings gehören viele der Lehrgangsteilnehmer zu Spezialeinheiten, die zwar später Führungsaufgaben übernehmen sollen, aber gerade erst die Grundausbildung hinter sich haben. In Koulikoro lernen sie erst einmal weitere Grundlagen, wie den verantwortungsbewussten Umgang mit der Waffe, das Fahren der schweren Militärfahrzeuge oder den Häuserkampf.

Vor allem auf der Führungsebene sei noch jede Menge Ausbildung nötig, meint Schwarzbach. Bei ganz vielen Anschlägen auf die malische Armee hätte die Zahl der Opfer nach Meinung des Oberstleutnants deutlich geringer ausfallen können, "wenn die militärischen Führer ihre Leute wirklich geführt hätten". Tatsächlich brächten sie sich aber häufig beim ersten Anzeichen von Gefahr in Sicherheit und ließen ihre Einheit allein.

Schnelle Reaktionen Hauptmann T. gibt an diesem Morgen einigen Soldaten praktischen Fahrunterricht. Beim ersten Versuch, mit einem der Militär-Lkl rückwärts zu rangieren, scheitern fast alle. "Viele können kaum mit zivilen Pkw fahren", kommentiert T., "geschweige denn mit den schweren Lkw". Dabei ist das Fahrvermögen bei der malischen Armee noch lebenswichtiger als bei der Bundeswehr. Denn die malischen Soldaten sitzen nicht in gepanzerten Fahrzeugen, sondern fast immer auf der offenen Ladefläche. "Da kommt es dann wirklich drauf an, wie schnell und sicher ein Fahrer in einer brenzligen Situation reagiert", betont Hauptmann T. Was er seinen "Schülern" an diesem Morgen beibringt, kann vielleicht einmal Menschenleben retten.

Die Autorin ist freie Afrika-Korrespondentin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag