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VW-AUSSCHUSS
Stefan Uhlmann
Kratzer im Lack des Chefs

Ex-Vorstandsvorsitzender Winterkorn ließ bei seinem Auftritt viele Fragen offen

Martin Winterkorn gilt als Perfektionist. Der ehemalige Vorstandschef des VW-Konzerns nimmt neue Autos gern genau unter Lupe, testet Spaltmaße und andere Details. Über zwei Millionen Mal wurde auf der Videoplattform YouTube ein Clip geklickt, als VW-Mann Winterkorn auf der Frankfurter Automobilmesse IAA 2011 in einem Hyundai i30 an der Lenkradeinstellung ruckelt. "Da scheppert nix. Warum kann's der, BMW kann's nicht, wir können's nicht", fragt Winterkorn missgelaunt. Er liebe Details, sagte der 69-Jährige am Donnerstag im Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Es geht gegen seine Ehre als Ingenieur, wenn in seinem Konzern getrickst werden musste, um Abgas-Grenzwerte einzuhalten.

Flankiert von zwei Rechtsbeiständen gab sich Winterkorn in einer Erklärung demütig und erschüttert. Er sprach von einer Dieselaffäre, die sein ehemaliger Arbeitgeber lieber als Dieselthematik bezeichnet. Sie habe das Unternehmen in eine schwere Krise gestürzt, koste Unmengen an Geld sowie Vertrauen bei den Kunden und in der Öffentlichkeit. "Das belastet mich ganz besonders", dafür wolle er sich in aller Form entschuldigen. "Ich hätte das nicht für möglich gehalten", sagte Winterkorn, unter dessen Ägide VW zum weltgrößten Autobauer wurde. Nun müsse er nach acht Jahren an der VW-Spitze akzeptieren, dass sein Name mit der Dieselaffäre verbunden sei.

Eine entscheidende Frage ist, wer wann wusste, dass VW die Motorsoftware so einstellte, dass die Grenzwerte für Stickoxide zwar auf dem Prüfstand eingehalten wurden, die Abgasreinigung aber im realen Verkehr abgeschaltet wird. Den Vorwurf machte die US-Umweltbehörde EPA am 18. September 2015 publik. Die Veröffentlichung und das Betrugseingeständnis von VW zwei Tage später brachten den Skandal ins Rollen. Er hatte allerdings einen längeren Vorlauf. Schon im Mai 2014 leitete die EPA Untersuchungen gegen den Konzern ein, Anfang 2015 rief VW rund 500.000 Diesel für ein Softwareupdate zurück. Die Behörde war mit dem Ergebnis allerdings immer noch nicht zufrieden.

Kampagne ging nach hinten los Mit dem "Clean Diesel" wollte der VW-Konzern die Selbstzünder in den Diesel-skeptischen USA als saubere und sparsame Autos vermarkten und Marktanteile gewinnen. Dass Autos dazu manipuliert wurden, will Winterkorn erst im September 2015 erfahren haben. Berichte, er habe schon im Juli von Technikern davon erfahren, wies der frühere Topmanager als falsch zurück. Winterkorn kritisierte: "Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die US-Probleme informiert worden bin." Allerdings hatte er mit Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch im März 2015 über den Recall in den USA gesprochen. Auch dem Vorwurf, er habe ein "Schreckensregime" geführt, widersprach Winterkorn. Er habe nie den Eindruck gehabt, dass sich jemand scheue, offen an ihn heranzutreten.

Den Begriff "defeat device", also Abschalteinrichtung, will Winterkorn vor September 2015 nicht gekannt haben, obwohl er in der EU-Verordnung 715 von 2007 auftaucht. Mit der Ausnahme des Motorschutzes ist eine solche Software verboten. Einen weiteren Widerspruch konnte Winterkorn nicht auflösen. Moderne Diesel müssen zusätzlich die Harnstofflösung AdBlue tanken. Der Zusatztank sei aber viel zu klein, um ihn wie von VW angegeben nur bei Wartungsintervallen nachzufüllen, befand der SPD-Abgeordnete Arno Klare. Ob ihm die Diskrepanz nie aufgefallen sei, fragte Klare. "Nein", lautete die Antwort.

Große Fragezeichen Andere Fragen ließ er offen mit Blick auf die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Die ermittelt gegen den Manager wegen Marktmanipulation. Die Frage ist, ob VW zu spät über den Betrug informiert hat. Aus Winterkorns Sicht hat VW schnell gehandelt, nachdem die Affäre ihren Lauf nahm. In den beiden Tagen konferierten die Manager Tag und Nacht. Am 21. September 2015 sprach Winterkorn mit dem Präsidenten des Kraftfahrt-Bundesamtes, Ekhard Zinke, und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). "Wir haben nicht nur ein USA-Problem, sondern auch im Rest der Welt", räumte Winterkorn dabei ein. Elf Millionen Autos waren weltweit betroffen. Am 22. September 2015 telefonierte er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Am selben Tag versprach Winterkorn eine "schonungslose" Aufklärung, einen Tag später trat er zurück.

Die Mitglieder des Ausschusses zeigten sich teils enttäuscht und erstaunt über Winterkorn. Mehrere Obleute monierten, das Bild des detailverliebten Managers passe nicht zu den Aussagen, bestimmte Dinge nicht gewusst oder gekannt zu haben. Seine Glaubwürdigkeit sei "etwas erschüttert", sagte der Ausschussvorsitzende Herbert Behrens von der Linksfraktion. "Die Fragezeichen sind riesengroß", meinte der CSU-Abgeordnete Ulrich Lange. Für die Grünen sagte Obmann Oliver Krischer, entweder wisse Winterkorn nichts oder er rede seine Rolle klein. Krischer warf der Bundesregierung eine Mitverantwortung für den Skandal vor, weil sie zu wenig kontrolliere. SPD-Obfrau Kirsten Lühmann entgegnete, Winterkorn haben sehr klar gemacht, dass staatliche Stellen und die Bundesregierung erst im September Informationen über die Manipulationen durch VW erhalten hätten und dass er die beanstandete Abschalteinrichtung für illegal halte. Mehr sei an Aufklärung nicht zu erwarten gewesen.

Während Winterkorn immerhin Rede und Antwort stand, verweigerte ein weiterer VW-Vertreter die Aussage, weil ihm in Braunschweig ebenfalls Ermittlungen drohen. Auch andere Vertreter der Automobilindustrie gaben zu Protokoll, dass sie vor dem September 2015 nichts von illegalen Abschalteinrichtungen wussten. Der Präsident des Branchenverbandes VDA, Matthias Wissmann, kannte die rechtlichen EU-Regelungen vor dem VW-Kniefall in den USA nicht einmal. "Absolutes Oberziel" sei immer die Erreichung der Klimaziele gewesen, also die Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Dafür bleibe der Diesel "mindestens mittelfristig" unverzichtbar. Stefan Uhlmann

Aus Politik und Zeitgeschichte

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