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Claus Peter Kosfeld
Kurz rezensiert

Eigentlich müsste ja niemand ein Buch kaufen von Margarete Stokowski, wo sie als Kolumnistin bei "Spiegel Online" doch regelmäßig "ihr Thema" Feminismus ausführlich darzustellen weiß. Es gibt trotzdem gute Gründe, das erste Buch dieser studierten Philosophin zu lesen. In bemerkenswerter Offenheit, kritisch und selbstkritisch, analysiert Stokowski, wie unsere Gesellschaft funktioniert und wo nicht, welche Rolle Frauen dabei spielen und Männer, was das mit Politik, Wirtschaft, Macht, Geld und fragwürdigen Ritualen zu tun hat. Es spricht für diese junge Frau, die in Polen geboren und in Berlin-Neukölln aufgewachsen ist, dass ihre Gesellschaftskritik ganz unaufgeregt ausfällt, dabei doch sehr pointiert. Diese blitzgescheite Frau ist leise und poltert nicht, sie hört zu und hin, sie hat mehr Fragen als Antworten zu bieten, sie zitiert Hegel, Beauvoir, Proust und Adorno und räumt unumwunden ein: "Es ist kompliziert."

Der Titel "Untenrum frei" ist natürlich verdächtig. Es geht auch dauernd um Sex, wenn auch nur oberflächlich, quasi als ständiges Stichwort für das, was an moralischen Missständen fein säuberlich seziert und zu neuen Einsichten aufgereiht wird. Ganz nebenbei ist auf diese Weise ein Aufklärungsband entstanden. Wer weiß auch schon so genau, was Trans-, Cis- oder Intersexualität eigentlich ist und wie das praktisch funktioniert.

Im Alter von 30 Jahren muss niemand eine Lebensbilanz vorlegen, dass will Margarete Stokowski auch gar nicht. Trotzdem sind die sieben Kapitel ihres Buches in der Abfolge autobiografisch angelegt und wahrscheinlich auch deswegen so spannend zu lesen. Gewalterfahrungen bis hin zur Vergewaltigung werden fast schon lapidar erwähnt, wie schön, dass sie auch noch Humor kann. Angela Merkel habe in einem Interview einmal gesagt, sie beneide Männer eigentlich nur um ihre tiefen Stimmen und die Fähigkeit, Holz zu hacken, erwähnt Stokowski süffisant und folgert: "Dabei ist Stimmtraining möglich und Holzhacken erst recht."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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